Lesen.
Fantastische. Wochen.
Albert Sanchez Pinol. Pandora im Kongo.
In einem Satz: Groschenromanautor schreibt Groschenroman über unterirdisch lebende Menschen.
Hauptfigur ist hier der Ghostwriter eines erfolgreichen Schriftstellers. Ersterer schreibt die Memoiren eines zum Tode Verurteilten auf, der in Afrika ein unglaubliches Geheimnis entdeckte. „Pandora im Kongo“ funktioniert auf der Ebene der Abenteuergeschichte. Jahrhundertanfang, Expeditionen in ein unbekanntes Land, Kolonialgeschichte, fremde Völker, Fantasie, Tod, Tropenhelme. Wunderbar. Man liebt jeden Cliffhanger. Und besser noch: die zweite Ebene, welche eben diese Abenteuergeschichte reflektiert und dadurch den Prozess des Schreibens deutlich macht. Klingt kompliziert, liest sich jedoch schnell und gerne weg. Und das Ende, was jetzt gespoilert wird, nimmt jegliche Illusionen, weil sich die Erinnerungen des Todeskandidaten als Lüge entpuppen, der dadurch sein Leben retten will. Nach der Ernüchterung, atemlose Zeit mit einer Lügengeschichte verbracht zu haben (wieder) die Erkenntnis: Alle Geschichten sind gelogen. Wichtig ist nur, wie sie erzählt sind.
Anthony McCarten. Superhero.
In einem Satz: Krebskranker Junge erfindet Superhelden.
Normalerweise suche ich das Weite, wenn sich Künstler mit Krankheiten und Kindern auseinandersetzen, weil in solchen Fällen ja meist der einzige Adressat die Tränendrüse ist. Hier allerdings schlägt Inhalt und Form jegliche Befürchtungen. Vor allem die Form. Wie ein Drehbuch geschrieben, inklusive Szenennummer und Anweisungen für die Darsteller. Was gerade am Anfang bei der Etablierung aller Figuren ungemein schnell Vertrautheit schafft und später in Verbindung mit der Fantasiewelt ein Garant für originelle Bilder in origineller Sprache ist. Außerdem: Nichts ist gefährlicher als Nichtjugendlicher Jugendsprache zu nutzen. Weil dann schnell „knorke“ und „voll cool“ zum Synonym für vermeintliche Authentizität stehen. Also viele Fallgruben, denen das Buch erstaunlich geschickt und berührend ausweicht und stattdessen glaubhafte Geschichten glaubhafter Charaktere erzählt. Am Ende auch Ernüchterung, aber man denkt in Floskeln: Dieses Drehbuch hätte das Leben schreiben können.
Cormac McCarthy. Die Straße.
In einem Satz: Vater und Sohn versuchen das Ende der Welt zu überleben.
Innerhalb dieser erlesenen Gruppe das Buch, welches mich am wenigsten mitriss. Aber immer noch mitriss! Ein postapokalyptisches Szenario, von dem nicht viel mehr erzählt wird, als das es ein postapokalyptisches Szenario ist. Vater und Sohn folgen in einer verbrannten Welt einer Straße bis ans Meer und suchen dabei Nahrungsmittel. Das häufigste Wort hier nicht „ich“ oder „war“ sondern „Asche“. Existenziell bis an die Grenze zur dramaturgischen Verweigerung. Unterläuft dadurch jegliche Erwartungshaltung, die man vielleicht seit den „Mad Max“-Filmen hegen könnte. Stattdessen knappste Sätze, auf Dauer vielleicht zu knapp, um wirkliche Anteilnahme hinter dem Konstrukt zu fühlen.
Walter Moers. Der Schrecksenmeister.
In einem Satz: Böser Schrecksenmeister mästet Krätzchen zwecks Erlangung der Weltherrschaft.
Moers. „Die 13 ½ Leben des Käpt`n Blaubär“ war mein Einstieg in dieses Paralleluniversum. Ansonsten weigere ich mich ganz gerne, so längere Serien über andere Welten zu lesen, sei es nun Herbert, Pratchett oder Tolkien. In diesem Fall aber kam später das großartige „Die Stadt der träumenden Bücher“ nach. Ein Wunder. So auch hier, Gleich auf den ersten Seiten wird die Prämisse klargemacht: Ein sadistischer, aber weiser Schrecksenmeister bietet einem hungernden Krätzchen einen Deal an: Einen Monat wunderbarste Festessen, danach Tod. Krätzchen nimmt Deal an, frisst sich die ersten Tage durch ausschweifend beschriebene Rezepte, bevor seine Überlebenstriebe geweckt werden und es auscheckt, ob es aus dem Vertrag aussteigen kann. Spannung also garantiert, Wortwitz sowieso und diesmal ein sehr sehr sehr deutlicher Wille hin zum Fiesen, Ekligen und Abgründigen.
Gordon Dahlquist. Die Glasbücher der Traumfresser.
In einem Satz: Im viktorianischen England stiehlt Geheimgesellschaft Träume.
Das hätte ja vollkommen schief gehen können, lieber Gordon Dahlquist! Zum Glück bist du in allen Punkten ans Extrem gegangen: Allein schon die Ausstattung! Zehn Buchbände im Pappschuber, jedes Kapitel ein Buch, verschnörkelte Schriften auf dem Titel und absonderlichste Namen wie Lydia Vandaariff, Bascombe, Francis Xonck, Prinz Karl-Horst zu Mecklenburg oder Comte d`Orkancz, Namen wie monochrome Träume aus einer Zeit, in der die Zukunft noch hätte exakt so eintreten können, wie sie Jules Verne beschrieb. Verschwörungen, lange Mäntel, Gaslaternen, Droschkenfahrten, Foucaults Panoptikum, Luftschiffe, prachtvolle Landhäuser und schamlose Maskenbälle sind die Schlagwörter, zu denen jeder der drei unglaublichen Helden in jedem Band jeweils seine Sicht der Geschichte darstellen darf. Dahlquist zieht alle Register und zitiert alles, besonders in Sprache und Spannungshöhepunkten, was nach sechshundert Seiten zu einigen Wiederholungen führt, die man aber gerne mitgeht, weil das Finale das Finale aller Finales ist. Hundert Seiten lang werden finale Geheimnisse gelöst und Motivationen erklärt, stehen todgeglaubte Bösewichte wieder auf, läuft Freund zum Feind über, verbündet sich Held mit Intrigant und werfen sich schließlich alle aus einem abstürzenden Luftschiff.
Tags: Albert Sanchez Pinol, Anthony McCarten, Cormac McCarthy, Der Schrecksenmeister, Die Glasbücher der Traumfresser, Die Straße, Gordon Dahlquist, Pandora im Kongo, Superhero, Walter Moers
You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.