Im Kino.

My Blueberry Nights

Neonröhren glühen farbig, U-Bahnlichterschlangen zittern durch die Nacht und Menschen bewegen sich in Zeitlupe aufeinander zu. So weit könnte das schon mal jeder Film von Wong Kar-Wei sein. Dann aber: Norah Jones singt „The Story“ und wird sofort selbst zu einer. Also Selbstfindung in drei Episoden mit anschließender Rückkehr zu Jude Law. Ein Roadmovie, zersplittert in unterschiedlich starke Kurzfilme. Schaulaufen für die durchweg sympathischen Sympathieträger, die jedoch verschieden stark chargieren. Rachel Weisz zum Beispiel sitzt bedeutungsschwanger auf Bordsteinkanten und Norah Jones sitzt betroffen daneben. Norah Jones ist überhaupt immer betroffen, außer wenn sie kellnert. Dann aber zum Ende hin die Szene, die der Film hätte werden können: Die zum ersten nicht Mal nicht betroffene Norah Jones neben einer schnippischen Natalie Portman beim Autohändler. So werden Gegensätze erzählt. So wird überhaupt erzählt. Nur Neonröhren in Zeitlupe anzuschauen reicht auf Dauer leider nicht.

4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage

Allzu flapsig sollte man nicht über ein rumänisches Abtreibungsdrama schreiben. Schließlich lassen Film und Thema kaum Fluchtmöglichkeiten offen außer der, sich dem Thema zu stellen. Frontal kracht der Film in den Zuschauer hinein, meist mit langen Plansequenzen. Während „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ in poetischer Distanz zum Thema verharrt, scheut sich hier die Kamera nicht, auf einen abgetriebenen Fötus zu schwenken, genau in dem Moment, in dem man hofft, die Kamera schwenkt nicht darauf. Und um gleich zum eigentlichen Thema zu kommen: Quentin Tarantino. Wenn jemand glaubt, er dreht „Frauen“filme oder schreibt starke „Frauen“rollen, der hat diesen Film nicht gesehen. Wie beiläufig Stärke gezeigt werden muss, weil es keine Alternativen gibt, wie schauerlich eine Geburtstagsfeier bei Schwiegereltern sein muss. Blöd nur, dass dann Tarantino doch eingreift. In Form des quacksalbenden Abtreibungsarztes. Zuvor nur das Nötigste gezeigt und gesprochen, erhält dieser im entscheidenden Augenblick Raum für endlose Monologe, die eine Sprache zitieren, die sich nur eines ist: Nicht rumänisch. Und nicht echt. Da bricht der Film und braucht eine Weile, um sich wieder zu fangen. Am Ende aber, so abrupt und überraschend unüberraschend es kommt, der kracht der Film wieder. In den Zuschauer. Und als Fluchmöglichkeit bleibt danach nur die Wirklichkeit.

Das Vermächtnis des geheimen Buches

Was schrieb ich damals über den ersten Teil: „Alle sind gelangweilt.“ Und: „Harrison Fords Peitsche war in jeder Sekunde gespannter.“ Trailer sei dank auch für den zweiten Teil Geld ausgegeben. Am Kinotag zwar, aber trotzdem dürfte sich dadurch der Abschluss der Trilogie finanzieren lassen. Dass dieser ganz sicher kommt, liegt am mittlerweile so aufeinandereingespielten Team, welches sich nicht zu schade ist, auch in höchst lebensbedrohenden Situationen Scherze zu reißen. Und ebenso weiß: Nach dem lockeren Spruch muss die goldene Stadt gefunden werden. Das wird sich später mal super an einem Fernsehsonntag machen, wenn die privaten Sender dennoch um mehrere Millionen gegenüber einem Sozialtatort verlieren. Auch wenn hier der Tatort der unmöglichste aller Spielstätten ist: die amerikanische Geschichte. Sämtliche Mythen helfen, den größten Schatz der Welt zu finden. Und der ist nicht Diane Krüger.

Cloverfield

Virales Marketing. Fluch und Segen zugleich. In diesem Fall Segen weil Ausschmückung alles ist, was der Zuschauer hat. Der Film selbst zeigt ja kaum etwas. Also Monster oder Geschichte oder Figuren. Weil die Figuren ohne Geschichte auf das Monster zu rennen / vor dem Monster weg rennen. Das ist die Geschichte. Kann man gut finden oder nach dreißig Minuten den Kinosaal verlassen. Darum geht es aber nicht. Sondern 3DKino. Das Gefühl, man wäre mittendrin. Man halte selbst die Kamera, denen kleingeistige Kritiker eine bemerkenswerte Akkulaufzeit und ein superstabiles Gehäuse unterstellen. Und dem Kameramann den Mut, „zu filmen“ über „zu überleben“ zu stellen. Aber so ist der Film. Und wackelt gar nicht mal so viel und ist gar nicht mal so unlogisch, dass man sich jede Sekunde daran stören müsste. Sicher nichts für das Sonntagabendfernsehen, dafür ein respektabler Blick in die Kristallkugel für die Generation StudiVZ, damit wir wissen, was wir tun werden, wenn die Apokalypse beginnt.

Der Krieg des Charlie Wilson

In den ersten fünf Minuten zu sehen: Tom Hanks nackter Po. Kino. Dafür sind Filme gemacht. Aber so? Jedenfalls zu Erkenntnis gelangt, hier lieber ein anderes Hinterteil sehen zu wollen. Und auch nicht das von Julia Roberts. Was nicht am Po liegt. Sondern am Star. Hanks als aufgekratzter Frauenschwarm? Roberts als konservative Südstaaten Milliardärin? Was soll als nächstes kommen? Edward Norton als Hulk? So bleibt der Film ein 1/3 Drittel Film. Weil PS Hoffman als Spion zielgenau passt. Und 1/3 der Geschichte auch. Der verlorene Afghanistankrieg der UdSSR die Folge eines einzelnen Kongressabgeordneten. Das will sein / ist aber nicht so surreal kulissenhaft wie „Wag the Dog“, das will sein / ist aber nicht so zynisch wie „Lord of War“ und will sein / ist nicht so moralisch wie „Hotel Ruanda“. Von allem etwas, am besten im Minutentakt. Afghanische Bauern werden mit starwarsliken Helikopterlasern umgenietet und plötzlich findet Tom Hanks im Flüchtlingslager zurück zur Moral. Wie auch am Ende. 1 Mrd $ für Krieg, keine eine Million für den Aufbau für Schulen. Mehr Erkenntnis müsste ein Anti/Kriegsfilm gar nicht bringen. Dumm nur, dass man da längst dem Gezeigten nur noch 1/3 glaubt.


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