Die Känguruhodenlobby.
Der Känguruhoden kann nichts dafür. Er ist einfach nur das Körperteil eines in Europa exotisch wirkenden Tieres, das zufällig zum Symbol einer Fernsehshow geworden ist. Diese Fernsehshow geht gerade in die vierte Staffel, jedenfalls in Deutschland und es wäre nicht schwer, gegen sie moralisch zu argumentieren, Beispiele dafür zu finden, wie egal den Machern Menschen sind. Aber darum geht es nicht. Das ist längst bekannt, beschrieben und abgehakt.
Denn die Hauptfiguren in der Sendung sind Menschen, die Erfahrung im Umgang mit Medien haben. Deshalb ist es okay, sie zu behandeln, als besäßen sie keine Würde. Man kann sagen, sie haben sich selbst in dem Moment ihrer Würde beraubt, als sie in das Flugzeug nach Australien gestiegen sind. Weil sie aus der Ausstrahlung der bisherigen Staffeln von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ und der nachfolgenden Berichterstattung nur eine Lehre gezogen haben: Diese Sendung ist genau richtig für mich.
Und vielleicht haben sie damit recht. Vielleicht genügt einem ___ (hier einen Buchstaben außer A einsetzen) Prominenten vierzehn Tage Negativwerbung, vielleicht häuft das genügend Popularität an, um die nächsten zehn Jahre erfolgreich auf kleineren Dorffesten Geld zu verdienen. Wichtig im Wort Negativwerbung ist Werbung, das ist eine einfache Kostennutzenrechnung, ein simples Abwägen der Vor- und Nachteile, die zum Entschluss führen, Teil des Konzepts Känguruhoden zu werden.
Es überrascht die Bereitwilligkeit, mit der dieses Nichtereignis zum Thema gemacht wird, obwohl die Mechanismen, mit der dieses Nichtereignis zum Thema wird, so durchschaubar sind. Nico Schwanz betrunken im Cockpit! Giulia Siegel küsst Supertranse Lorenzo (Die erste Ekelprüfung)! Frauen zicken. Alte Männer zeigen Busen! Ein Freak dreht durch! Ein Kommentatorenpärchen ordnet alles ein, nimmt alles ab, selbst die zynischen Gedanken. Und ein Thema, dass kein Thema hat, weil es keinen Inhalt hat, kann deshalb alles sein, was der Kommentierende darin sehen will. Der Kommentierende muss nur wissen, dass das Thema existiert. Und dass es andere gibt, die von dem Thema wissen, weshalb der Kommentar nicht ungehört bleiben wird.
Denn das Thema ist Aufmerksamkeit. Weil vor fünf Jahren jemand beschlossen hat, dass „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ für Aufmerksamkeit sorgen muss. Weil hier offensichtlich Würde verloren wird. Weil das auffällt. Weil man schreiben kann „wie egal den Machern Menschen sind“. Weil das Widerspruch provoziert. Weil Widerspruch Widerspruch provoziert. Weil man sich dazu unterschiedlich positionieren kann.
Man kann die Sendung als Beweis für die Niederträchtigkeit von Fernsehen an sich deuten und voller Überzeugung offenlegen, dass man sich deshalb bewusst gegen einen Fernsehapparat in den eigenen vier Wänden entschieden hat. Man kann sich den Prominenten gegenüber spöttisch verhalten und zufrieden darüber schreiben, wie unprominent die Prominenten sind. Man kann einfach nur die elementaren Gossipinformationen unbearbeitet weiterreichen, weil das günstiger und oft geklickter Kontent ist, gern auch mit Bilderstrecke oder Umfrage.
Wer gewisse Erfahrungen im Umgang mit öffentlichkeitswirksamen Sendungen hat, kann latente Medienkritik üben, wobei Konsens herrscht, dass das Zeitalter der Medienkritik seit mindestens zwei Staffeln vorbei ist und deshalb nicht wiederholt werden muss. Lässig ist der Umgang mit dem Känguruhoden seitdem, deshalb darf der Hoden alles, nur nicht langweilen. Das darf er unter keinen Umständen. Ansonsten ist er gescheitert.
Man darf sich dem Hoden mit Ironie nähern, gerne auch Ironieironie, indem man ironisch beschreibt, wie andere ironisch den Namen von Nico Schwanz verwenden und sich nach von der Ironie distanzieren. Man darf auch offiziell zugeben, wie widerwärtig so ein Känguruhoden ist und ihn dennoch mit der gleichen selbstironischen Freude, mit der man „Plan 9 from out of Space“ oder Bud Spencer als Trash feiert, den Hoden feiern. Man darf auch Blogeinträge verfassen oder Links zu Blogeinträgen per Twitter weiterverbreiten.
Weil: Der Hoden wirft ein Licht auf denjenigen, der sich ihm annimmt. Er wird damit Teil der Känguruhodenlobby, die sagt: „Wenn der Hoden schon mal in der Welt, haben wir die gottverdammte Pflicht, uns damit zu beschäftigen.“ Der Hoden ist die Vergewisserung, dass es einen gibt. Dass man in der Lage ist, darüber zu reflektieren, Texte zu schreiben, süffisante Kommentare zu geben. Dass man seinen Humor noch besitzt, die Fähigkeit kritisch zu denken nicht verloren hat, dass man in der Gegenwart lebt, dass es einen nicht entgeht, was anderen entgeht. Dass man zwischen Gut und Schlecht noch unterscheiden kann, auch wenn man schlecht dann doch anschaut. Aber man weiß, dass es eigentlich schlecht ist. Man hat einen freien Willen. Und der freie Wille lässt alles zu. Nur nicht, den Hoden zu ignorieren.
Auch dieser Text ignoriert ihn nicht. Der Text nimmt den Hoden als Vorwand, eine weitere Position zu beziehen. MetaMetaegal, weil es letztlich nicht wichtig ist, was im Text steht, sondern wie er getaggt ist. Und dadurch mit hilft, vielleicht ein zusätzliches Bedürfnis zu wecken, doch noch das clipfish-Video der Höhepunkte des letzten Tages anzuklicken. Wer das liest und nur einmal dabei einen Gedanken daran verwendet, ist schon Teil der Känguruhodenlobby. Was schade ist, weil der Känguruhhoden an sich nichts dafür kann.
Schlagwörter: Dschungelcamp, IBES, Ich bin ein Star, RTL, TV, Wut, Zombie
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