Kein literarischer Egoshooter.
Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels
Ein naseweises Buch, dass nur einem Zweck dient: die Belesenheit der Autorin zu dokumentieren. Muriel Barbery hat sich offenbar ein halbes Semester lang mit so etwas wie Philosophie beschäftigt und möchte nun, dass die Welt davon erfährt. Deshalb ersinnt sie dieses Hotel, in dem eine belesene alte Concierge(in?) ihre Tage mit Lesen und sich-klein-machen verbringt und dann auf ein altkluges Teenie trifft, in das Barbery sich offentsichlich selbst projiziert und sie deshalb Sachen sagen lässt, die mehr Konstruktion sind als die Golden-Gate-Bridge. Nach etwa fünfzig Seiten habe ich mir die Freiheit genommen, beliebig viele Seite umzublättern und nach weiteren hundert Seiten habe ich ermüdet das Ende gelesen und damit ein Buch beendet, das glaubt, nur weil es im ersten Kapitel Marx erwähnt, klug wäre und es genügen würde, die Heldin Mangas lesen zu lassen, um jung zu wirken.
Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten
Seltsamerweise sind es oft die 1000+Seiten-Romane, die man in kürzerer Zeit liest als gemütliche 250-Seiten-Erzählungen. So auch hier, in dieser Beschreibung des 2. Weltkriegs aus der Sicht eines SS-Offiziers. Ein Roman, der keinen Hehl macht aus seiner Absicht, ein weiteres ultimatives Standardwerk zum Thema “Nationalsozialismus” zu schaffen, ein Roman, der die Leser mit Menschenkinder anspricht. Und tatsächlich ist das erste Drittel eher unangenehm bis widerwärtig, was an der – nennen wir es pornographischen Freude – liegt, mit der Littell Massaker an Massaker reiht und in aller Ausführlichkeit schildert, ohne auch nur einmal mehr sein zu wollen zu Beschreibung. Und auch dort wäre ein guter Grund gewesen, aufzuhören.
Dann blätterte ich um, um die Stalingradpassage zumindestens anzulesen. Und seltsamerweise vollzieht sich dort ein Wechsel. Denn im zweiten Teil schildert Littell den bürokratischen Apparat des Nationalsozialismus. Und hier gereicht ihm seine Genauigkeit und Penetranz zum großen Vorteil. Man muss nur ein paar Begriffe austauschen (Endlösung, Ostfront, etc.) und schon hat man die Innenansicht eines modernen Konzerns, in dem Mitarbeiter durch erfolgreiche Durchführung einzelner Projekte innerhalb eines nach festen Regeln struktiertem Systems aufsteigen. Nach dieser abstrakten Ebene schließlich der 3. Teil, der den Untergang dieses Systems zum Thema hat, der teilweise ähnlich abstoßend wird wie der Anfang, vor allem aber die Hauptfigur Aue vollkommen aus dem Ruder laufen lässt. Ein Tagtraum jagt die nächste Inzestszene, bis am Ende schließlich jedes Tabu mindestens dreimal gebrochen ist.
Wer hier also die ersten und letzten dreihundert Seiten aus dem Buch reißt, erhält einen eindringlichen, spannenden und informativen Roman über die Funktionsweise eines totalitären Systems, das gern auch als Kapitalismuskritik gelesen werden kann.
Karin Duve – Taxi
Am Anfang war der großartige Regenroman, dann kam das nabelbeschauende und ärgerliche Dies ist kein Liebeslied. Taxi war im Hardcoreformat, deshalb der Entschluss, diese Halbbiographie über eine Taxifahrerin zu lesen. Und halb ist alles. Halblustig, halbtragisch, halbspannend, halbschlecht, halblakonisch, halbbedeutungsvoll. In jeder Hinsicht so lalala, was dazu führt: Wenn beim nächsten Mal Karin Duve auf dem Einband steht, werde ich sehr genau überlegen, mich erinnern und mich schließlich sehr wahrscheinlich gegen das Lesen entscheiden.
Thomas Glavinic – Das bin doch ich
Thomas Glavinic schreibt einen Roman über Thomas Glavinic, der einen Roman geschrieben hat. So ein selbstreferentielles Konzept ist wie dafür geschaffen nicht zu funktionieren. Zu groß die Gefahr sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, zum Beispiel der eigenen Person. Dass Das bin doch ich kein literarischer Egoshooter geworden ist, liegt an Thomas Glavinic. Der schreibt witzig, uneitel, witzig, lakonisch, witzig, informierend und vorallem witzig.
Arnon Grünberg – Tirza
Gegriffen habe ich nach “Tirza”, weil ich in Kritiken übereinstimmend las, wie niedergeschlagen und deprimiert die Geschichte von einem Vorruheständer, der nichts mehr hat außer seiner Tochter Tirza, die Rezensenten zurückgelassen hatte. Kann es einen besseren Grund geben, einen Roman lesen zu wollen? Und dieser ist auch vom ersten Satz an das, was man von einem ehemaligen Literaturwunderkind erwartet. Bis zur Perfektion gedrechselte Sätze, aber nicht verschwurbelt, sondern vielmehr wie aus dem Alltag gegriffen. Viel Zeit lässt sich Grünberg und entwickelt ausschweifende Dialoge, um die Figuren Schicht um Schicht freizulegen, ohne sich dabei die Blöße von Unperfektion zu geben. All das führt jedoch nicht zwangsläufig dazu, dass ich den Figuren näher kommen kann/ will. Die Distanz bleibt und damit auch eine tödliche Kälte, die mich daran hindert, “Tirza” überschwänglich weiterzuempfehlen. Dafür habe ich nun Appetit auf Sardinen, gebraten in der Pfanne und gewürzt nur mit Salz & Pfeffer.
Heinrich Steinfest – Mariaschwarz
Denis Scheck hat hier von einem der besten Bücher des letzten Jahres gesprochen. Was man in Teilen sicher unterschreiben mag. Sehr virtuos, wie Steinfest die Geschichte Haken schlagen lässt, die man so nicht von einem Krimi oder überhaupt Roman erwarten kann. Beginnt mit einem verschwundenen Kind, führt zu einem Seeungeheuer und endet schließlich mit Überraschungseifiguren. Großartig auch der Perspektivwechsel und der brennerlike Kommissar, der lakonische Satzschätze und gewagte Bilder im Seitentakt bringt. In Kapitel 17 allerdings vollzieht sich eine Wende, die ich dann doch nicht mehr mittragen möchte. Ab da wird mir alles etwas egal und entlässt mich leicht ernüchtert in ein offenes Ende.
This entry was posted on März 23, 2009 at 2:05 pm and is filed under Buch. You can subscribe via RSS 2.0 feed to this post's comments.
Tags: Arnon Grünberg, Das bin doch ich, Die Eleganz des Igels, Die Wohlgesinnten, Heinrich Steinfest, Jonathan Littell, Karin Duve, Mariaschwarz, Muriel Barbery, Taxi, Thomas Glavinic, Tirza
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Juni 6, 2009 at 8:59 am
[...] bürokratische Struktur des Regimes in der Stefan Petermann Architektur einiger moderner Konzerne wiedererkannt haben will. Als einzig störend empfand ich zum Teil die Auflistung hochrangier Köpfe des Regimes, denn das [...]