Fußnoten, für die andere töten würden.
Philip Roth – Gegenleben
Ein Buch, über das ich nicht schreiben sollte. Weil ich es nicht zu Ende las. Obwohl es das Lieblingsbuch einer sehr guten Freundin ist. Und mein schlechtes Gewissen mich stündlich straft. Weil ich gern die Kraft und das Interesse besessen hätte, bis zu dem fantastischen letzten Kapitel vorzustoßen. Weil ich vorher schon all die Argumente kannte, die dieses Buch zu einem Meisterwerk machen. Die unterschiedlichen Perspektiven. Die Fähigkeit Roths, innerhalb von Sätzen gegensätzliche Ansichten zu schildern und beim Leser Anteilnahme für beide Seiten zu erzeugen. All die Tragik. All die Zerrissenheit. Jüdische Identität, klar, nach der Reise im Mai erhalten die Passagen über die Flughafenkontrolle oder die Ortsbeschreibungen von Jerusalem eigentümliche Brisanz im eigenen Leben. Und vielleicht weil ich vorher wusste, wie unfassbar gut dieses Buch sein müsste, hat es mich am Anfang so geärgert, dass ich Roth (auch) in die Riege der Schriftsteller einordnete, die Impotenz als Metapher benutzen. Und danach trotz (wie ich vermute) brillanter Analysen jüdischer Politik und jüdischem Seelenleben zuviele Seiten überblätterte. Vielleicht in zwanzig Jahren ein zweiter Versuch.
David Foster Wallace – Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich
Ein Buch, für dessen Fußnoten andere Autoren töten würden. Und Absicht war es schon, diese reportagenhafte Beschreibung einer Kreuzfahrt auf der Fähre von Stralsund nach Hiddensee und zurück zu lesen. Weil Rentner anwesend waren, hauptsächlich. Auf Fähre und im Buch. Weil es ein Leichtes wäre, Senioren ihre Seniorenhaftigkeit vorzuwerfen und – schlimmer noch – zu ironisieren, machen wir das beide nicht. Weder ich noch Wallace. Wobei Wallace natürlich der Meister ist. Genau zu beobachten, unterhaltsam zu beschreiben und vorallem zu reflektieren. Das ICH in einer absurden Situation. Und warum ICH gerade jetzt so denkt. Und was das über das ICH aussagt. Nebenbei analysiert er die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie, in diesem Fall von Traumschiffen, in Bild und Wort. Grandios, komisch und philosophisch. So ist es konsequent, dass diese Reportage nur die ersten Tage von Wallace Reise umfasst. Denn den großen letzten Rest verbrachte er abseits der Vergnügungen in seiner Kabine. Das kann man auch als Metapher auf sein Leben lesen.
Andrew Davidson – Gargoyle
Manchmal übt ein Buch ja eine seltsame Anziehungskraft auf einen aus. Unerklärlicherweise schleicht man im Buchladen wieder und wieder um das teure Hardcoverexemplar herum, streicht über den Umschlag, schlägt die Seiten auf und stellt sich vor, wie es sich im Regal machen würde. Und dann schiebt man Geld über die Theke, mit dem fast drei remasterte BEATLES-Alben hätte kaufen können und hält ein Buch in den Händen, von dessen Geschichte man fast nichts ahnt. Weil: Hätte ich gewusst, dass sich etwa die Hälfte der Erzählung wenig dezent im esoterischen Mittelalterschwulst suhlt und andere Hälfte detailliert Verbrennungen dritten Grades beschreibt, dann wäre die Faszination schlagartig in sich zusammengesackt. Denn was anfangs noch einigermaßen geheimnisvoll klingt, so geheimnisvoll, dass man die Antipathie, die man fast allen Charakteren entgegenbringt, vergisst, streckt sich und streckt sich und streckt sich und reißt dann doch die Mindesthöhe für okaye Unterhaltung, weil selbstbezogenes Geschwafel und Spannung, die versandet wie Peking ohne Baumgürtel.
David Benioff – Stadt der Diebe
So sollen Bücher sein, die man an einem Wochenende im Grünen liest. Eine spannende, originelle Ausgangslage von zwei Jungen, die im belagerten Leningrad von 1942 zwölf Eier besorgen müssen. Ein klares, eigentlich unerreichbares Ziel, zwei grundsympathische Helden, die man mag und ihnen alles Gute wünscht. Und vor einer grausamen Kulisse, die nichts ausspart, was unmenschlich ist, die Suche nach Menschlichkeit. Und weil die Helden so sympathisch sind und die Kulisse so grausam, ahnt man, dass es kein gutes Ende geben kann. Jedenfalls nicht nur. Und trotz der Ahnung, die zunehmend zur Gewissheit wird, ist das Ende in seiner sinnlosen, tödlichen Banalität nicht nur ein Schlag in die Magengrube, sondern reißt den Magen entzwei.
Alan Weisman – Die Welt ohne uns
Auch wenn ich gewarnt war: Was für eine Mogelpackung!. Die ersten Seiten beschäftigen sich mit dem titelgebenden Thema, der Rest ist an Aufruf an alle Menschen, die Umwelt zu schützen. Was mehr als entscheidend. Das macht Kopenhagen und die grüne Ausgabe der ZEIT letzens und sogar Lobbyisten der Energieindustrie sprechen sich nicht mehr grundsätzlich dagegen aus. Aber in diesem Buch hätte ich gern darauf verzichtet. Wie die Welt auf Menschen. Und stattdessen lieber nochmal die Dokumentation von BBC zum Thema gesehen.
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Dezember 18, 2009 um 9:36 vormittags
hmm. “Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich” liegt bei mir auch noch rum. nach 10 seiten, war ich irgendwie gelangweilt.