Black Swan. Schönheit, so flüchtig wie ein Tanz.

Dieser Text enthält Informationen zum Verlauf der Handlung.

Seitdem ich Black Swan gesehen habe, versuche ich einen Text darüber zu schreiben. Ich würde gern einen Text schreiben, der diesem Film gerecht wird. Ich würde versuchen, zahlreiche Themen anzusprechen. Die Bildsprache zu analysieren. Die Kameraarbeit würdigen. Würde versuchen, Black Swan in das Gesamtwerk von Darren Aronofsky einzuordnen und dabei Bezug nehmen auf sein Lieblingsthema, die Obsession und die dadurch notwendige Zerstörung des Körpers. Ich würde schreiben: Niemand als Darren Aronofsky könnte diese Geschichte in dieser Form erzählen. Denn ich müsste auch schreiben, dass Black Swan ein ultimativer Film wäre. Ein ultimativer Film übers Ballett. Über Schwanensee. Über Spiegel. Über Karrieren. Über Tochter-Mutter-Beziehungen. Über Qual, Versagensängste und Ohnmacht. Über Schönheit, Kunst und Perfektion.

Mein ultimativer Text würde kein Geheimnis daraus machen, dass sich der Verlauf der Handlung schnell abschätzen lässt: Die Geschichte einer ehrgeizigen Ballerina, die dabei ist, ihre dunkle Seite zu entdecken. Die von ihrer Mutter dominiert, ihrem Vorgesetzten bedrängt und einer Konkurrentin herausgefordert wird. Um auf die dunkle Seite zu gelangen, muss die Ballerina sich einer Ausschweifung hingeben, vorzugsweise in einem Nachtklub, sie muss sich von ihrer Mutter lösen und sie muss die Konkurrentin übertrumpfen. All das wird geschehen und all das wäre nur die Oberfläche von Black Swan.

Ich würde vom ersten Filmdrittel schreiben. Davon, wie Nina sich gegen einen übermächtigen Druck behaupten muss. Gegen eine MUTTER, die ihr unerfülltes Leben in das ihrer Tochter projiziert. Und die gleichzeitig nicht will, dass Nina gewinnt, denn Ninas Triumph würde das Leben der Mutter noch unbedeutender erscheinen lassen. Gegen den TANZLEHRER, der Ninas Lage auf üble und anmaßende Weise ausnutzt. Behaupten gegen LILY, die all das hat, was Nina fehlt. Und schließlich kämpft Nina gegen sich selbst, gegen einen Kontrollverlust, für einen Kontrollverlust, Nina, die versucht die Erwartungen anderer zu erfüllen ohne zu wissen, was sie eigentlich von sich erwartet.

Ich würde nicht verschweigen, dass ich die Entwicklung im zweiten Drittel nicht als glücklich empfand. Die Entscheidung also, Ninas Befreiung an ihrer Sexualität festzumachen. Ich würde schreiben, wie befremdlich es wäre, den Gedanken zu Ende zu denken: die dunkle Seite einer Frau ist ihre Sexualität. Ich würde schreiben von dem Interview, in dem sich Aronofsky erklärt:

Frage: Man hat sie bisher offenbar völlig falsch als intellektuellen Schmerzensmann des Autorenfilms eingeschätzt. Sie wollen einfach nur Unterhaltungskino machen?

Aronofsky: Ja, das ist mein allererster Anspruch und meine größte Verantwortung als Filmemacher: Ich will das Publikum nicht langweilen – und gleichzeitig dafür sorgen, dass sie über ein paar Dinge nachdenken. Aber dafür muss ich einen bleibenden Eindruck bei den Leuten hinterlassen, Bilder und Szenen schaffen, über die sie auch am nächsten Tag noch reden, und sei es die inzwischen berüchtigte lesbische Sexszene mit Natalie Portman und Mila Kunis aus “Black Swan”.

Ich würde ihm unterstellen, seine Figuren zugunsten der oben erwähnten Schauwerte zu opfern. Und gleichzeitig ins Grübeln kommen, denn diese eine Szene, in der Nina am Morgen in ihrem Zimmer erwacht und später entdeckt, dass ihre Mutter bei ihr ist, rechtfertigt möglicherweise dieses zweite Drittel.

Vom letzten Drittel würde ich schwärmen. Ein Drittel, welches die oft gestellte Frage beantwortet, was für absolute Schönheit aufzugeben ist. Für wahre Perfektion, selbst wenn sie so flüchtig ist wie ein Tanz. Alles. Im Zweifelsfall auch das eigene Leben. Selbst die Bedrängungen des Tanzlehrers erscheinen in einem anderen Licht. Seine Übergriffe hatten nur (auch) den Zweck, damit sie sich befreien kann. Das ist eine widerwärtige Feststellung, die man so nicht stehen lassen kann.

Ich würde darauf hinweisen, dass Darren Aronofsky subtile Anspielungen aus seinem Film verbannt. Die größte Geste genügt gerade so. Anstatt eines Spiegels sind es hundert, die gute Seite ist weiß und die dunkle schwarz und wenn Nina sich von allen gelöst hat, blutet sie. Ein roter Blutstropfen auf reinem Weiß. Ich würde natürlich von der Musik schreiben, von den Effekten – weinenden Gemälden, die Verwandlung Ninas in einen Schwan, während die Kamera sie ruhelos umkreist – und ich würde von der Szene nach der Verwandlung schreiben, als sie hinter die Bühne tritt und sie ihre dunkle Seite gefunden hat und der Ausdruck in ihrem Gesicht, ihre Haltung, ihre gesamte Persönlichkeit sich grundsätzlich gewandelt hat, so tiefgreifend anders, dass aller Atem stockt. Ich würde all die Filmpreise fordern, die bisher verliehen wurden und die restlichen dazu.

Ich würde das begründen. Weil Black Swan auf jeder Ebene, in jedem Bild ein Thema hat: die Vermischung von Gegensätzen. Und der absoluten Schönheit, die daraus entstehen kann. Ein Ballettfilm als Horrorfilm. Ein Horrorfilm im Ballett. Ich würde schreiben: Black Swan fordert etwas Ultimatives ein. Und gibt dafür etwas Ultimatives zurück. Black Swan wäre ein ultimativer Film.

So würde mein Text enden.

Scheiterhaufen

Entgrenzte Schwanengesänge

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