Kino. Soviel Talent, wo bleiben die Tränen, wo das Herz, das schneller schlägt?

Der Name der Leute | Four Lions | Thor | Scream 4 | Winter’s Bone | Alles was wir geben mussten

Der Name der Leute

Habe ich an dieser Stelle schon einmal ein Loblied auf Trailer geschrieben? Denn ohne Trailer hätte ich diesen wunderbaren Film niemals gesehen. Dabei reduziert der offizielle Trailer zu „Der Name der Leute“ die komplexe Geschichte allein auf den Aspekt einer überdrehten Beziehungskomödie – steifer Vogelvirenexperte trifft quirlige Liberale, die versucht, Rechte mit körperlicher Liebe auf die gute Seite zu ziehen.

Das klingt viel unlustiger als es im Film ist, ein Film, der keinerlei Hemmungen kennt und dabei die richtigen Dinge respektiert und die schlechten so respektlos wie möglich angeht. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus über Geschwindigkeit, Frische und Treffgenauigkeit, wird angerührt, überlegt und zieht Rückschlüsse. Hier werden Unterschiede gefeiert anstatt sie als Kampfansage zu verstehen. Das ist so lustig, dass selbst all jene, die in Büchern oder auf Onlinemedien darauf beharren, der Wert eines Menschen bemisst sich allein an dessen Leistung für das Bruttoinlandsprodukt, lachen müssen. In einer besseren Welt würde dieser Film anstatt von Talkshows über „Ist Multikulti gescheitert?“ gezeigt. In einer noch besseren Welt gäbe es einen Film mit solcher Verve auch als deutsches Update.

Four Lions

Ich kann gar nicht mal sicher sagen, ob der Film schlecht ist. Vermutlich ja. Was ich aber sagen kann: die Synchronisation ist extrem mies. (Dabei möchte ich ungern ein Fass aufmachen und behaupten, ich würde Filme nur im Originalton sehen wollen und in anderen Ländern ist alles viel besser, weil die alles in Englisch sehen müssen und die Schweden z.B. deshalb noch besser englisch sprechen als Engländer. Weil, wenn man einmal so anfängt zu denken, ist der Schritt zum Schmock nicht mehr weit.)

Wo war ich? Genau. Die miese Synchronisation. Die, in der Pakistani so sprechen, wie es sich selbst Erkan & Stefan niemals getraut hätten, Assitürkisch zu kopieren. Eine Synchronisation, welche das Wort “Keinohrhase” verwendet und das in einem Film, der in einem Universum spielt, welches (glücklicherweise) noch nie von Til Schweiger gehört haben kann. Dabei ist es durchaus nicht abwegig, dem Thema „Selbstmordattentat“ einmal auf andere Weise beizukommen, z.B. mit Pointen und Slapstick. Aber so?

In “Four Lions” sind alle Figuren unterbelichtete Idioten, die für keine 5 Mark Brot kaufen können. Das ist nicht witzig und zudem fatal, weil der Geschichte so ein Haltepunkt fehlt, eine Identifikationsmöglichkeit, die mehr schafft als: Haha, lustig, der idiotische Selbstmordattentäter stolpert und jagt dabei sich und Schafe in die Luft. Und als wäre das nicht schlimm genug, versucht sich der Film im letzten Drittel sogar an etwas wie einem Drama. Das ist in etwa so, als ob in “Dumm und Dümmer” Jeff Daniels gestorben wäre und Jim Carrey nun versucht müsste, diesen Verlust emotional angemessen zu verarbeiten.

Thor

Wovon die Welt nicht mehr braucht: Sendungen mit Markus Lanz. Platten der Söhne Mannheims. Regionalkrimis. Superheldenfilme. “Nach Schema F” füge ich zu Superheldenfilme hinzu und schreibe: “Thor” ist ein Superheldenfilm, der erst im letzten Drittel nach Schema F agiert. Davor gibt es eine angenehm originelle Zweiteilung in einen shakespeareschen Vater-Sohn-Sohn-Konflikt in einem güldenen Olymp sowie einen unterhaltsamen Ausflug in die Moderne. So etwas zieht ja oft seine Komik daraus, dass ein Hinterwäldler (in diesem Fall Thor) von der Moderne irritiert ist und hinterwäldlerisch auf moderne Sachen wie Handy oder Facebook reagiert. Erstaunlicherweise funktionieren beide Stränge ziemlich unterhaltsam, ohne dabei auch nur einen blöden Schenkelklopfer zu verbraten. Nein, im Gegenteil, die Figuren erscheinen sympathisch, selbst am Schicksal der Bösewichte nimmt man Anteil. Trotzdem muss das mit Superheldenfilmen erst einmal reichen. Außer “Super” fügt in diesem Jahr dem Genre noch etwas neues hinzu.

Scream 4

Filme, die besonders clever sein wollen, sind ja meistens nur eins: ermüdend. Hier beginnt die Geschichte mit einem Film im Film im Film, der sich wiederum auf einen anderen Film bezieht. Bedauerlicherweise sind das schon die besten Minuten in “Scream 4″. Dabei hätte es die Möglichkeit gegeben, zwei Themen auf originelle Weise zu behandeln: den Torturehorrorstreifen wie “Saw” und der grassierenden Welle von Reboots. Letztere sind ja seit einigen Jahren nicht nur im Horrorgenre sehr beliebt und bieten viel Angriffsfläche: mit welchen Mitteln wird eine erfolgreiche, aber nicht mehr heutigen Sehgewohnheiten entsprechender Filmreihe erneuert?

Damit hätte das Reboot “Scream 4″ clever auf sich selbst verweisen und mit doppelten Böden spielen können. Leider fällt dem Drehbuch nichts zu Heute ein, außer dass Hayden Panettiere die Sarah Michelle Gellar der 10er Jahre ist. Sowie Morde per Webcams zu filmen und dann live in den Vlog zu streamen. Das klingt so, als ob Marketingverantwortliche mal was mit „2.0″ machen wollen, in so “social networks”, weil sie gehört haben, Twitter, Facebook und youtube wären der heiße Scheiss. So erzählt “Scream 4″ einfach die Geschichte von “Scream 1″ nach, nur eben mit deutlich mehr Toten und Logiklöchern. Gewissermaßen könnte das das ultimative Kommentar zu Phänomen “Reboot” sein. Aber es ist vor allem eins: ermüdend.

Winter’s Bone

Falls jemand den passenden Film zum Adjektiv “karg” sucht: in “Winter’s Bone” hat er ihn gefunden. Selten sah Ödland so trostlos aus. Ein Endzeitfilm, der in der Gegenwart spielt und damit genügend Aussagen trifft. Außerdem ein Film, dem seine Plotpunke egal sind. Die spannende, originelle und anrührende Geschichte wird zugunsten einer Odyssee durch das amerikanische Nichtland zurückgestellt. Dafür wird den Figuren, nein viel passender, den Charakteren so viel Raum gelassen, dass man sich über jeden einzelnen einen eigenen Film wünscht.

Alles was wir geben mussten

“One Hour Photo” ist ja – und das kann man ohne Übertreibung behaupten – einer der herausragenden Filme der letzten zehn Jahre. Deshalb war ich um so gespannter auf das zweite Werk von Regisseur Mark Romanek. Die Voraussetzungen sind gegeben: eine gute Romanvorlage, interessante Schauspieler, viele malerische Schauplätze und ein brisantes Thema, welches episch erzählt wird. Und zumindest letzteres ist problematisch. Ständig rauscht der Wind bedeutungsschwanger in Baumwipfeln und legt so eine bleierne Endgültigkeit über jedes Handeln, dass für vieles Platz ist außer: Leben.

Das ist schade, weil so die Geschichte nur von dem Teil des Kopfes erfasst wird, der sagt: das ist sehr bedeutungsschwanger und ein brisantes Thema und die Schauspieler spielen vor malerischen Schauplätzen interessant und die Geschichte ist ja richtig romanhaft. Aber die wichtigere Kopfhälfte, die, die einen Anteil nehmen lassen könnte am Schicksal von Kathy, Ruth und Tommy, die legt sich schlafen und wacht erst beim Abspann auf und liest dort überrascht, dass das Drehbuch von Alex Garland stammt. Der hat wiederum das Buch zu “28 Tage später” geschrieben, einem – und das kann man ohne Übertreibung behaupten – der herausragenden Filme der letzten zehn Jahre und man fragt sich: soviel Talent, wo bleiben die Tränen, wo das Herz, das schneller schlägt?

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2 Kommentare am “Kino. Soviel Talent, wo bleiben die Tränen, wo das Herz, das schneller schlägt?”

  1. alex Sagt:

    Four Lions ist herrlich. Schwarzer Humor vom feinsten + gesellschaftskritische Szenen. Und die Synchronisation hätten sie nicht besser machen können.

  2. 3toastbrot Sagt:

    Ich wünschte, es wäre so.


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