Der Hashtag-Countdown.

Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll. Es gibt Präsidenten, die beginnen einen Krieg durch die Hilfe von Fehlinformationen. Andere fälschen sehr offensichtlich Wahlen. Oder entmachten das Verfassungsgericht. Bush, Putin, Orbán und natürlich Berlusconi. Alles Staatsoberhäupter in als offiziell so bezeichneten Demokratien. Natürlich hinkt dieser Vergleich, weil der deutsche Bundespräsident nur eine repräsentative Funktion erfüllt. Und außerdem einen verbilligten Kredit angenommen und dem BILD-Chefredakteur auf dem Anrufbeantworter gedroht hat.

Ich weiß nicht, ob das Bagatellen sind. Sehr wahrscheinlich nicht. Ich weiß, dass es Bagatellen sind im Vergleich zu anderen Verfehlungen, die Würdenträger in hohen Ämtern begangen haben. Ich weiß, dass man Verfehlungen nicht gegen Verfehlungen aufrechnen sollte, weil jede Verfehlung (oder jede Täuschung oder jeder Betrug oder jeder Machtmißbrauch) eine eigene Geschichte hat. Ich weiß nicht, ob die aktuellen Bagatellen/ Nichtbagatellen nicht längst Vorwand sind.

Beispielsweise das Internet. Jeder zweite Hashtag bei Twitter lautet #notmypresident und begründet in 140 Zeichen, weshalb Christian Wulff kein angemessener Bundespräsident ist (oder schlägt Namen wie Gauck, Grebe, Schramm als Ersatz vor.) Das ist gerechtfertigt, denn wenn das Oberhaupt dieses Staats hauptsächlich repräsentative Funktionen erfüllen soll, muss es auch einen gewissen Teil der Bevölkerung repräsentieren. Solange das Staatsoberhaupt nicht direkt gewählt werden kann, sind Tweets mit dem Hashtag #notmypresident eine der wenigen Möglichkeiten, demokratisch verantwortungsvoll zu handeln.

Die Frage dabei ist: Wie viele Pointen können über ein Thema gemacht werden, bis sie auch im SAT1-Frühstücksfernsehen auftauchen? Sowie: Ist es wirklich so appetitlich zu beobachten, wie sich Äußerungen längst von ihrem ursprünglichen Inhalt gelöst haben und nur noch eine Funktion erfüllen sollen: Bestandteil eines Countdown zu sein, an dessen Nullpunkt der Rücktritt von Christian Wulff steht? Macht man sich da nicht gemein mit einer Macht, die vielleicht aus weitaus weniger edlen Motiven handelt als man selbst?

Zum Beispiel die vierte Macht. Man sollte immer sehr genau hinschauen, wenn DER SPIEGEL und BILD gemeinsame Sache machen. Und sich fragen, wer hier wen aus welchen Gründen unterstützt und wen nicht (mehr) und was um welchen Preis fordert. Ob das überordnete Ziel wirklich lautet, journalistisch sauber zu arbeiten oder, sagen wir mal, eine Kampagne zu fahren, die, sagen wir mal, nur ein Ziel kennt. Also den Nullpunkt des Countdowns zu erreichen und dabei einen Kampf zu führen, in dem Details Mittel zum Zweck sind, um das angestrebte Resultat auf jeden Fall durchzusetzen.

Ein Resultat, das erreicht werden soll, um zu zeigen, dass die vierte (und fünfte) Macht die Macht besitzt, dieses Resultat auch durchzusetzen. Ein Resultat, das seit Tagen feststeht, auf das viele hinfiebern und deshalb herbeischreiben wollen. Hashtag: #deadmantalking. Stichwort: Kommentare wie eins oder zwei, Kommentare, die genau wissen, dass nicht wichtig ist, was in Interviews gesagt wurde, sondern wie diese Interviews bewertet werden.

Möglicherweise werden in den nächsten Stunden / Tagen / Wochen Informationen öffentlich, die mich freiwillig diesen Text zu großen Teilen revidieren lassen. Bis dahin bleibt die Frage: Soll ich mich freuen, dass der Countdown läuft wegen solcher Bagatellen/ Nichtbagatellen? Soll ich mich freuen, dass in den Medien, in meiner Twittertimeline, in der öffentlichen Meinung soviel Wert gelegt wird auf eine absolute akkurate Amtsführung und dass ein Verstoß gegen einen solchen Wertekatalog den sofortigen Ausschluss bzw. Abschuss bedeutet? Soll ich mich darüber freuen, weil ich genau weiß, dass sich ohne einen solchen Katalog die Grenzen beliebig definieren und damit missbrauchen lassen? Und warum freue ich mich dann nicht unbändig?

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Friedrich Küppersbusch im Gespräch mit Liane von Billerbeck

“Die Geschichte hat damit angefangen, dass der “Spiegel” eine Anfrage gestellt hat, er wollte das Grundbuch von Großburgwedel einsehen, wo der Bundespräsident und seine Gattin sich ein Haus gekauft haben, und dann sagten die: Nein, kriegt ihr nicht, dürft ihr nicht sehen. Und das Nächste, was passierte, war einerseits, der “Spiegel” hat das durchgeklagt bis zum Bundesgerichtshof, andererseits, die Grünen stellten eine Anfrage im niedersächsischen Landtag. Das ist bekannt, das ist dann die, wo nun der Streit drum geht: Hat er da als Ministerpräsident Ministergesetze verletzt oder nicht? Sprich: Da ist offenbar der Ball schon einmal von den Medien in die Politik gerollt und zurück.”

Malte Welding

“Das Einzige, was ein nur zu Repräsentationszwecken existierendes Staatsoberhaupt tun muss, ist, moralische Autorität zu besitzen: Das ist im Falle von Wulff eine lachhafte Vorstellung … Das Einzige, was die Presse braucht, um in einem Land, in dem Pressefreiheit herrscht, frei zu sein, ist, sich dieser Freiheit würdig zu erweisen: Way to go.”

Nilzenburger

“Super, erst wird die Bild zu Journalismus, jetzt Broder zum tollen Journalisten. Whats next? PI ein eigentlich doch ganz cooles Blog?”

Der größte Fehler des Christian Wulff

“Allein für diese Gelegenheit, dass sich Kai Diekmann als moralische Instanz und flauschiges Unschuldslamm präsentieren kann, muss man Wulff verachten.”

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Anmerkung: Als Mittel zum Zweck wird im ersten Absatz die korrekte Bedeutung von Regierungschefs, Präsidenten und Staatsoberhäuptern gemischt.

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