Kino. Wie Menschen, die wir kennen oder gern kennen würden oder sein wollen.
Der Gott des Gemetzels | Jonas | Moneyball | In Time | Drive | M:I 4 | Submarine | The Descendants | J. Edgar | The Artist | The Future | Cheyenne | Sherlock Holmes 2
Der Gott des Gemetzels
Wenn Theaterstücke fürs Kino aufbereitet werden, ergibt das nicht zwangsläufig eine Win/Win-Situation. Denn Theaterdialoge sind oft auch aus dem Grund geschrieben, damit Schauspieler darin glänzen können. Aber in Filmen sollen Schauspieler nicht glänzen, sondern sein. Also keine Figuren mit Absichten und Funktionen, die Autor und Regisseur für sie vorgesehen haben. Sondern sein. Wie Menschen, die wir kennen oder gern kennen würden oder sein wollen. Je weniger große Geste, desto überzeugender. Und dazu die Beschränkung des Raums. Keine einfache Sache. Roman Polanski fällt dazu nicht gerade viel ein. Routiniert, könnte ich schreiben, was okay ist, könnte ich meinen. Denn Stück und Schauspieler sind gallig genug. Nicht absolut bitterböse und sicher keine Grenzüberschreitung, aber doch so, dass Männer registrieren, wie Kate Winslet Christopher Waltz’ Handy ins Blumenwasser wirft und sich fragen, ob ihre Frauen sie nicht auch so sehen, sich aber im gleichen Moment ironisch davon distanzieren können, weil Christopher Waltz ja immer auch eine beruhigend abstrakte Mischung aus Roy Black und Hans Landa ist. Da ist in jeder giftigen Pointe die Reaktion schon einkalkuliert. Was nicht als Vorwurf gemeint ist, sondern vielleicht das einzige Weg, eine bestimmte Zuschauergruppe nachhaltig zu erreichen.
Jonas – Stell dir vor, es ist Schule und du musst wieder hin
Interessanterweise heißt es hier: „Fake-Doku”. Dabei ist jeder Dokumentarfilm Fake, zumindest zu Teilen. Denn die hundert Stunden gefilmtes Material ließen sich problemlos auch zu Komödie, Thriller, Drama oder Horrorfilm kombinieren. Die Frage ist eben, was man für Szenen wie aneinanderschneidet und welche Musik dazu gewählt wird. Bei Jonas sind das Die Sterne mit Was hat dich bloß so ruiniert, das als roter Faden durch den Film führt und hoffentlich dazu führt, dass jetzt alle das Lied wiederentdecken und deshalb kostenpflichtig herunterladen und somit einen verdienten Nummer-Eins-Hit schaffen.
Bestenfalls schauen auch alle zu, wie sich Christian Ulmen in den 18-jährigen Jonas verwandelt. Weniger auf Krawall gebürstet als bei Mein neuer Freund oder Uwe Wöllner wills wissen, denn Jonas hat ein Herz und das oft am richtigen Fleck. So soll hier niemand in die Pfanne gehauen werden, sondern vielmehr ein eigenständiger Charakter in einem bekannten/unbekannten Biotop namens Schule gezeigt werden. Und das funktioniert, von der ersten Minute an, ist brüllend komisch (und „brüllend” ist keine hilflose Metapher, sondern das, was der Kinosaal während Jonas tat) und legt natürlich jede Menge verschüttetete Erinnerungen frei. Das ist ein komplett anderer Zugang zum Dauerbrennerthema “Schule heute” als beispielsweise Kandidaten. Dabei ist beides zu schauen elementar notwendig.
Moneyball
Wenn am 21.12. die Menschheit untergeht und danach die Vögel den Spitzenplatz der Evolution einnehmen und sich fragen, was das eigentlich war mit Kapitalismus, sollten sie Moneyball sehen. Nichts und niemand könnte in zwei Stunden anschaulicher die Werte vermitteln, die den Kapitalismus ausmachen. Hier wird das Loblied auf Effizienz gesungen, da werden Menschen Zahlen gegenübergestellt und diese Zahlen bestimmen alle Handlungen. Und seltsamerweise schafft es der Film, diese Vorgehensweise als unkonventionell und sympathisch zu vermitteln, in dem er das Konzept einer typischen Underdoggeschichte nutzt. Dabei entstehen etliche (un)erwartete Widersprüche – beispielsweise das Ende, in dem das Effizienzdenken eben nicht zum Sieg führt – so dass sich in Moneyball ein filmgewordenes Äquivalent zum Irrsinn der republikanischen Primary vermuten lässt, wo Positionen je Bedarf gewechselt werden. Über den Film sagt das natürlich erst einmal nichts aus. Dem folge ich dank zahlreicher Schlagabtäusche gern, auch wenn ich nichts von Baseball verstehe oder der Faszination dafür.
In Time
Das Problem bei grandiosen Ideen: Meistens muss dafür auch noch eine Geschichte gefunden werden. Hier leider eine Bonnie-und-Clyde-Geschichte. Ich schreibe leider, weil all die Action nicht mal notwendig wäre. Denn wenn sich Regisseur und Autor Andrew Niccol allein auf die grandiose Idee (Zeit als Währung) verlassen würde, würde sich die Geschichte von selbst erzählen. Vielleicht würde dann nicht unbedingt Justin Timberlake auf der Wetten, dass…?-Couch sitzen und vielleicht wäre das weniger ein Zugeständnis an die Generation MTV Generation youtube Generation Smartphone. Aber dafür wäre mal wieder ein Science-Fiction-Film ohne Aliens in den Kinos, der von einer Utopie Dystopie erzählt und damit ein kritischer Kommentar zur Gegenwart wäre, damit ein Klassiker, von dem man in fünfzig Jahren noch sprechen würde. So aber ist das Actionfilm mit Verfolgungsjagden auf der Höhe aktueller Sehgewohntheiten mit einer Ausgangslage, die man Freunden in drei Worten schildern kann und leider dazu sagen muss: Aber der Film hält nicht, was die Idee verspricht.
Drive
Zum ersten Mal stutzte ich, als der Stuntman mit der Frau und den Jungen zum Wasser fuhr. Alles golden, alles wunderschön für 30 Sekunden, viel Lens Flare. Danach dann alles Albtraum und der Stuntman, der sich eigentlich raushalten will, zertritt hauptsächlich Köpfe, gern auch vor den Augen der großen Liebe seines Lebens, wohl wissend, dass sie ihn danach nie mehr lieben kann. Er sagt aber auch, dass die 30 Sekunden am Fluss die schönste Zeit seines Lebens waren. Die schönsten 30 Sekunden des Films war die Maske, die Ryan Gosling trägt und damit vor einer Karomustertür steht. Da stimmte alles. Ansonsten größtenteils Pose und viele Primärfarben an den Wänden.
Dabei könnte Drive sehr viel sein. Mit den großartigen Schauspielern (Gosling! Mulligan! Cranston!), den richtigen Vorbildern, mit dem Kameramann, der GTA IV etwa zehn Mal durchgespielt haben muss, diesem Willen, etwas anders zu machen als all die Autofahrfilme seit den 80er Jahren. So viele Möglichkeiten, soviele uneingelöste Versprechen, weil zwischen den Versatzstücken so gewaltige Sinnlücken klaffen. Die bedauerlichste Enttäuschung seit langem.
M:I 4 – Ghost Protocol
Die Frage ist ja auch, was man von einem Actionfilm erwartet. Nicht vollkommen losgelöst von Logik sollte er sein, möglicherweise ein wenig selbstironisch die verwendeten Methoden kommentieren und mindestens eine Szene sollte dabei sein, von der man sagt: „Krass.” Und wenn ich später gefragt werde, wie der Film denn war, genau von dieser Szene erzählen und hinzufügen: „Die wirkt nur auf der Leinwand.” Bei MI:4 klettert T.C. auf das höchste Gebäude der Welt, während ein Sandsturm auf ihn zurast. Das wirkt nur auf der Leinwand, dann aber so richtig. Davor braucht die Geschichte ziemlich viel Zeit, um zu sich selbst zu finden, weil sie stark darum bemüht ist, selbstironisch die verwendeten Methoden zu kommentieren. In der geballten Masse entsteht so Albernheit und zudem wird auf dem Silbertablett Simon Pegg als lustiger Sidekick ausgestellt, der gar nicht mal so lustig ist. Sobald dieser aber lauter interessante technischen Items auspacken darf und T.C. endlich gejagt wird, wird sich dieser vierte Teil auf den vorderen Plätzen der M:I-Charts einreihen, möglicherweise sogar an der Spitze.
Submarine
8mm Aufnahmen, um eine unbeschwerte Zeit zu dokumentieren, ein unkonventionelles Mädchen, in das sich der eigensinnige, phantasievolle Oliver verliebt, seltsame Eltern, jede Menge Soundtrack. Das hier die Summe so viel mehr als die einzelne Teile sein darf, ist den Darstellern zu verdanken, der detailverliebten Regie, den vielen entzückenden Einfällen, den kleinen Haken, die alle schlagen dürfen, der Musik von Arctic Monkeys-Sänger Alex Turner. Anders gesagt: Coming-of-Age gewinnt alle Herzen.
The Descendants
Ein großer Verdienst dieses Familiendramas ist es, dass man danach Hawaiihemden nicht mehr nur mit Jürgen von der Lippe in Verbindung bringen wird. Sondern auch mit George Clooney. Außerdem zeigt Regisseur Alexander Payne, wie wichtig ein Ort für einen Film sein kann. Hawaii. Würde die Geschichte in der Wüste ebenso funktionieren? Oder in Bebra? Das Thema ist: auch Leute, die im Paradies leben, leben nicht zwangsläufig in paradiesischen Verhältnissen, sondern haben Probleme. Diese Probleme werden ohne große Aufreger angegangen, wie das eben so üblich ist in Filmen von Alexander Payne. Da bleibt alles im Fluss, da ist der Film ein Fenster in die Welt von Figuren, von denen man fast glauben könnte, die würden weiterleben, wenn die Leinwand längst schon dunkel ist.
J. Edgar
Wieviel Make-up muss Leonardo DiCaprio tragen, um nicht mehr Leonardo DiCaprio zu sein? Und kann Leonardo DiCaprio überhaupt jemand sein, der nach Newt Gingrich der unsympathischste Typ Mensch der neueren amerikanischen Geschichte ist? Und wieso hat man Leonardo DiCaprio damals nicht für Gilbert Grape den Oscar gegeben? Dann müsste er heute keine Filme drehen, die nur den Sinn erfüllen sollen, eine Menge Lorbeeren einzusammeln.
So müht sich DiCaprio ab und auch Eastwood versucht als Regisseur amerikanische Geschichte und Psychogramm und aktuellen politischen Kommentar unter einen Hut zu bekommen und die “FBI-Chef trägt Frauenkleider”-Sache einigermaßen anständig über die Bühne zu bugsieren. Dabei schreit alles und jeder nach Oscar und Zeitgeschichte für jene, die nicht nur Zeitgeschichte auf Phoenixdokumentationen schauen wollen, sondern mit großen Hollywoodnamen. Am Ende allerdings kann niemand so richtig zufrieden damit sein.
The Artist
Hast du Lust einen Film in schwarz/weiß und ohne Ton zu sehen? Du kannst der Geschichte sehr leicht folgen: Aufstieg und Fall eines Stars mit all den bekannten Eckpunkten, die dabei so abgehakt werden müssen. Hier inklusive Reflexionen über das Verweigern vor dem Neuen und der daraus entstehenden Tragik. Sowie einem Hund. Und einem Hauptdarsteller, der schelmisches Augenbrauenhochziehen und Clark-Gable-Bart-tragen bis ins Letzte perfektioniert hat. Quasi Charme. Und zudem die unheimlichste Szene seit langem: Wie Töne in einen Stummfilm brechen, alles Geräusch wird und nur die Hauptfigur nichts sagen kann, weil sie keine eigene Stimme findet. Eine Metapher für die Ewigkeit.
The Future
Auf Miranda Julys Habenseiten: ein eigenes Emoticon, das Kurzgeschichtenbuch Zehn Wahrheiten sowie eine sprechende Katze. Das ist schon mal mehr, als die meisten Multitalente jemals erreichen werden. Und hier zudem ein Film über Mittdreißiger, die irgendwie zufrieden sind, auch miteinander und das schon seit langer Zeit. Nun spüren sie, dass etwas weitergehen müsste, um ein paar leere Räume zu füllen. Dazu wollen sie probeweise eine Katze in ihren Haushalt aufnehmen. Eine Geschichte als wesentlich informativere Alternative zu: NIDO-Titelbilder mit der Wirklichkeit abgleichen. Und July (die das Drehbuch schrieb, Regie führte und zudem die Hauptrolle spielt) hat etwa tausend wunderbare Einfälle pro Minute, inklusive sprechendem Mond und natürlich der sprechenden Katze.
Aber dann fühlt sich doch nicht alles so wunderbar an. Weil beide Figuren so unerträglich passiv und unentschlossen sind. Weil der Film mit dem Auftauchen des älteren Marshalls eine seltsam unpassende Tonart anschlägt. Weil all die Skurrilität zu nichts führt außer jede Menge Wirrwarr, aber nicht das gute Durcheinander, sondern eines, das mit sich selbst nichts anzufangen weiß.
Cheyenne – This must be the place
Schön an Roadmovies sind die einzelnen Episoden, die so eine Geschichte abarbeiten muss. Meistens trifft da ja die Hauptfigur auf kauzige Nebenfiguren, die jeweils einen Puzzleteil dazu beitragen, das eigene Leben zu verstehen. Und manche der Episoden darf man auch unter “verschenkt” verbuchen, während andere wiederum zu Herzen gehen. So auch hier. Wobei – Cheyenne ist möglicherweise kein Roadmovie, jedenfalls nicht in der ersten Hälfte. Voller Erstaunen betrachte ich das Leben eines alternden Rockstars, der vollkommen zufrieden ist mit seiner Rolle als der-von-früher. Kein Festhängen in vergangenen Zeiten, sondern maximaler Individualismus in der Gegenwart. Dem hätte ich gern länger beiwohnen wollen. Dann begibt sich Sean Penn eben auf große Reise und es gibt die wohl unprätentiöseste Naziabrechnung der Filmgeschichte. Nur [Spoiler] das gestutzte Haar am Ende enttäuscht. Weil damit eine Änderung angedeutet wird, die keinesfalls notwendig scheint.
Sherlock Holmes 2 – Spiel der Schatten
Da sich im Vergleich zum ersten Teil nur minimale Änderungen ergeben haben, steht hier konsequenterweise noch einmal der Text zum ersten Teil. Mit minimalen Änderungen.
In diesem Blog wird sich ja nicht allzu oft definitiv endgültig festgelegt. Dabei sollte gelten: Sherlock Holmes ist der größte, wichtigstes, klügste, gerissenste, überraschendste, in sich schlüssigste, abgründigste und amüsanteste Detektiv von allen. Auch allgemeingültig „bester“ werde ich schreiben. Trotz Brenner zum Beispiel. Oder Spade. Dass diese Adaption nichts mit dem Sherlock Holmes aus dem Buch zu schaffen hat, dürfte durch entsprechende Texte gegangen sein. Deshalb darf auch mit zweierlei Maß gemessen werden. Unterhaltsam ist diese Actiongeschichte, die nicht einmal auf die Motive und Methoden von Detektivgeschichten zurückgreift. Stattdessen immer jemand, der kämpfen oder die Welt erobern oder einfach nur schäkern will. Andererseits verzeiht man einem viktorianischen London so ziemlich alles, selbst die offensichtlichen GreenScreenEffekte. Oder dass sich Professor Moriarty niemals so einen uncleveren Showdown hätte einfallen lassen. Im Boxkampf allerdings ist Ritchies Holmes Doyles Holmes so nah wie nie. Nur Watson ist niemals so wie Jude Law. Ansonsten: Eintausend mal lieber Sherlock Holmes 3 – Holmes Wiederkehr als Rubbeldiekatz 2.
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