The Dark Knight Rises. Ächzen, wagen, scheitern.

Ach, Batman. Du hast dir so viel vorgenommen. Willst den Kapitalismus und damit ein aus dem Ruder gelaufenes Gesellschaftssystem sezieren. Entscheidest dich bei beim Schurken nicht für einen bequemen Weg, sondern für Bane. Gehst sogar das Wagnis ein und bringst Catwoman zurück, obwohl du weißt, dass du dich im Guten (an Michelle Pfeiffer) wie im Schlechten (an Halle Berry) messen lassen musst. Willst den Schwarzen Ritter als Gefallenen zeigen, körperlich und geistig gebrochen. Hast nicht zwei oder fünf Nebenfiguren, sondern mindestens zwanzig.

Und, Batman. Du liebst die Zwischentöne. Bei dir ist niemand nur Held, nur Bösewicht. Bei dir lässt sich die entfesselte 1% Elite ebenso leicht manipulieren wie die 99%. Instrumentalisiert durch die Aussicht auf mehr Geld und mehr Macht, benutzt durch Schlagworte wie saubere Energie, Freiheit des Einzelnen, Entmachtung der herrschenden Klasse. Beide am Ende Opfer der 0,0001%, der ultimativen Schurken.

Ach, Bane. Deine Physis. Deine Kälte. Deine Effizienz. Deine Maske. Deine Maske. Wenn du in deiner Maske gegen den maskierten Batman antrittst, ist es, als würden Kinder leblose Actionfiguren gegeneinander kämpfen lassen und dazu mit verstellter Stimme sprechen. Es sieht ja keiner, was sich in euren Gesichtern abspielt. Da könnt ihr nur über eure Stimmen etwas hervorrufen, Gefühlszustände beispielsweise. Aber diese Tonmischung, Bane. Deine Stimme von deinem Körper getrennt, schwebt über dir, nein, flattert. Kennst du diese amerikanischen Teleshoppingsendungen, in denen überkandidelte Moderatoren dir Küchenhäcksler andrehen wollen? Kennst du die eingedeutschten Versionen davon, die sogenannten Synchronisationen, in denen der Ton niemals synchron zum Bild läuft? So ist das. So sprichst du. Keine Bane, sondern Walter Freiwald.

Und später, am Ende, [SPOILER] als du eine komplette Stadt in die Verzweiflung getrieben, als du Batman das Rückgrat gebrochen hast, wirst du zum handzahmen Schoßhündchen von Talia degradiert. Für einen blöden Twist, der den Bogen zum ersten Teil schlagen soll, wird deine furchteinflößende Figur geopfert. [/SPOILER] Bane, damit wird dir als Schurken Schlimmeres angetan als Benjamin Linus in der sechsten Staffel von LOST.

Ach, Christopher Nolan. Du hast Memento gedreht, Inception, THE PRESTIGE. Du hast mit »The Dark Knight« einen Superheldenfilm gemacht, der so meisterhaft (fast) alle typischen Szenen eines (Super)heldenfilms vermieden hat, ohne die all die X-Men und Avengers nicht auskommen könnten. Und hier? Vergleiche doch den Anfang von »The Dark Knight« mit dem Anfang von »The Dark Knight Rises«. Du siehst Originalität und Eleganz gegen brachiale Wucht, deren Aufwand vollkommen unverhältnismäßig zum Nutzen steht. Selbst James Bond hätte diese Aktion im Flugzeug als zu übertrieben abgekanzelt.

Dabei gibst du dir Mühe. Legst mit der Börse, dem Stadion, überhaupt mit dem von der Welt abgeschnittenen Gotham City Grundsteine für grandiose Szenen, die viel mehr sind als Plotpoints, sondern Bilder, die sich für alle Zeiten in die kollektive Netzhaus einbrennen könnten. Und machst auf halbem Wege Schluss. [SPOILER] Nutzt die Börse doch nur als ziemlich plakativen Verweis auf die Finanzkrise, lässt Bane mit schnödem Motorrad entkommen. Zeigst von der mehrere Monate eingeschlossenen Stadt nicht mehr als Gerichtsverhandlungen, aber kaum etwas vom Schrecken einer Willkürherrschaft.[/SPOILER] Als könntest du deine Stärken nicht ausspielen. Als müsstest du zu einem der zahlreichen Nebenschauplätze hasten, um die Geschichte einigermaßen zusammenzuhalten. Als wäre dir plötzlich der Mut zur Vision abhanden gekommen.

Ach, Nolans. Musstet ihr das wirklich machen? [SPOILER] Eine Bombe, die fünf Monate im Müllauto durch die Stadt kurvt. Und Minuten vor der Explosion, Minuten, in denen Batman die Bombe mehrere Kilometer außerhalb der Stadt zur Detonation bringen muss, muss er da unbedingt noch Gespräche führen, muss er da Catwoman küssen? Warum habt ihr ausgerechnet da auf euren geliebten Realismus verzichtet? Warum zieht ihr euch da auf die himmelschreiend dämliche Dramaturgie typischer Actionheldenfilme zurück? Und all die seltsamen Entscheidungen, die bestimmte Handlungen in Gang setzen, aber so konstruiert wirken? Warum müssen ALLE Polizisten in die Kanalisation gehen und sind dann dort eingesperrt? Warum sieht der finale Kampf zwischen Polizisten und Gangstern wie eine Tortenschlachtszene in einem Stummfilm aus? [/SPOILER]

Ach, Batman. Ich will nicht beleidigt klingen. Das steht mir nicht zu. Davon abgesehen, wird es dich zu Recht nicht weiter kümmern. Auf meine Meinung kommen – bei man bei imdb sieht – mindestens 200.000 andere. Denn du bist natürlich immer noch viel mehr als all die leb- und lieblosen Ice Ages, Transformers, Battle Ships, MIBs, Pirates of the Caribbeans, Hangovers, die jedes Risiko scheuen, die brav Erwartungen erfüllen wollen, denen jede Ambition und Leidenschaft abgeht, die kühl durchkalkuliert sind, diese Produkte, die kein Film mehr sind, sondern nur Geldmaschinen, die wahren Schurken des Kinos. Du ächzt darunter, du wagst etwas, du setzt etwas dagegen, du kämpfst. Du scheiterst. Denn ein Film muss sich daran messen, was er ist und nicht, was er sein will. Und leider, leider bist du kein guter Film.

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One Comment - “The Dark Knight Rises. Ächzen, wagen, scheitern.”

  1. Roy Says:

    Prinzipiell muss ich dir leider zustimmen. Wobei ich die wahnsinnig klingende Stimme von Bane z.b. noch viel schlimmer finde als seine sogenannte Degradierung. Die fand ich noch ganz überzeugend, vielleicht überwog aber auch nur die Überraschung. Ich bezeichne das Werk dennoch als guten Film, vor allem in schlechten Zeiten wie diesen. Punkte wie das mit den Polizisten dürfen allerdings wirklich nicht “passieren”. Sowas enttäuscht die unglaublich hohen Erwartungen dann viel zu schnell.


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