Archive for the ‘Musik’ category

Alben 2012. Ebenso betörend wie bedrohlich.

Dezember 23, 2012

1. Cloud Nothings – Attack on Memory

Manchmal genügt ein Durchlauf und sofort wird klar: das wird bleiben. Das wird mich auch in zehn Jahren mitreißen. Das wird für einen Moment stehen und dennoch darüber hinaus gelten. Achtmal Wut und Zorn, Unverstandensein und Dagegensein, all die Kraft und Verlorenheit, unmittelbar, großartig. Da steht Dylan Baldi ohne jeden Schutz und brüllt seine Angst hinaus, durch Gitarren hindurch, die Chaos sind und gleichzeitig Ordnung schaffen, brüchig und ungelenk und überschwänglich. Nicht zufällig hieß auch bei »In Utero« der Produzent Steve Albini. »Attack on Memory« ist mehr als ein Nachfolger. Das ist Vergangenheit, das ist Zukunft. Das ist der Augenblick. So wunderschön in seiner Schroffheit.

2. The xx – Coexist

Anfangs hörte ich und dachte: da passiert ja eigentlich nichts weiter. Da bleibt ja alles in einer Tonlage, da verschwimmen die Stücke ineinander, da gewinnt der Klang gegen das Lied. Und »Angels«, die erste Single, erschien mir unpassend unspektakulär. Dabei hätte ich es besser wissen müssen, gerade nach dem Debüt. Eine lange Zugfahrt später glücklicherweise das Gegenteil dieser Annahme. Und die Gewissheit: der Klang gewinnt gegen das Wort. Und der Klang ist es, der fällt und fällt und fällt, um Ende mit den wenigsten Tönen das meiste zu erreichen.

3. Godspeed You! Black Emperor – ‘Allelujah! Don’t Bend! Ascend!

Vor diesem Album hatte ich Angst. Was, wenn es nicht die Erwartungen erfüllen könnte? Wenn auch nur eines der beiden Lieder misslungen wäre oder schlimmer noch, gewöhnlich? Was, wenn die Band sich selbst entzaubert hätte? Wäre dann nicht alle Magie hinfort, könnte ich dann »East Hastings« oder »Rockets Fall on Rocket« überhaupt noch unvoreingenommen hören? Dann aber »We Drift Like Worried Fire«. Oder viel mehr noch »Mladic«. Was Postrock kann, ist hier. Oder – wie bei Pitchfork stand: »Godspeed’s music isn’t really all about political anger, or even living in trying times– at its heart, there lies a much more fundamental belief in the basic dignity of people.«

(more…)

Jahresliste: Lieder 2012. Fifty Songs of Joy.

Dezember 21, 2012

1. Prag – Sophie Marceau

Und die Lieder aus den Charts / die waren besser / denn die konnte man noch pfeifen

2. The xx – Angels

They would be / As in love with you / As I am

3. Best Coast – How They Want Me To Be

Cause you don’t want me to be / How they want me to be

4. Blur – Under The Westway

Fallen under the spell of the distance between us / when we communicate

5. Azealia Banks – 212

Hey / I can be the answer

(more…)

PRAG – Sophie Marceau. Prinzessin eines Zwergenstaates.

August 25, 2012

Wir alle waren so / verliebt in Sophie Marceau / sag nicht es war nicht so / denn es war doch so / sag nie es war nicht so

Zeit ist eine Aneinanderreihung von wichtigen Momenten, manche geschehen zufällig, andere geplant. Vielleicht ist es bei Prag der Moment, als sie vor dem tschechischen Filmorchester stehen und endlich das Gefühl haben, ihre Musik wäre vollständig. Vielleicht der Moment, als durch Nora Tschirner das Projekt erst zur Band wird. Vielleicht der 25. Januar, der Tag, an dem Premiere erscheint und damit der Welt klar wird: So etwas wie Prag gab es lange nicht mehr.

(more…)

Exit.

April 17, 2012

Wake from your sleep / The drying of your tears / Today we escape / We escape

Musik. No Future. No Past.

Februar 24, 2012

Cloud Nothings – “No Future / No Past”

Okarola – Creep (Blume Der Nacht)

Mint Julep – To The Sea

(more…)

M.I.A.donna.

Februar 4, 2012

Man kann Madonna sicher mit bestem Gewissen viele Eigenschaften zugestehen; Mut gehört seit langer Zeit nicht mehr dazu. In ihrem neuen Video Give Me All Your Luvin’ läuft sie durch einen amerikanischen Vorort, der der Wisteria Lane aus Desperate Housewives nicht unähnlich ist. Cheerleader treten auf und Footballspieler, es gibt (natürlich) einen Verweis auf das alte Hollywood. Lauter Versatzstücke, die genauso auch in etwa zigtausend ähnlichen Musikvideos stattfinden. Das Lied klingt, so wie man sich 2005 Radiomusik vorgestellt hat, die 2009 angesagt sein könnte.

Währenddessen im Video zu Bad Girls: M.I.A. sitzt auf Autos, die auf zwei Rädern durch Wüstenstraßen fahren und feilt dabei ihre Nägel. Saudidrift, verschleierte, tanzende Frauen, es gibt Neonfarben und ein Albinokind. M.I.A. singt Zeilen wie “Suki Zuki / I’m coming in the Cherokee.. / ..gasoline”, aber auch “My chain hits my chest.” Bad Girls klingt, als könne die Gegenwart endlich mal Schritt halten mit M.I.A.

Eines der Lieder ist Vergangenheit, eines Gegenwart.

(more…)

Jahresliste: Alben 2011. Hyperrealitäten im Zehnerpack.

Dezember 18, 2011

1. Dillon – This Silence Kills

25. November 2011. Lese diesen Tweet. Beginne gleich darauf die Suche nach legalen Möglichkeiten, mehr von Dillon zu hören. Breche nach der Textzeile “You don’t like Sonic Youth? / So fuck off and die too!” in die Stadt auf. Stöbere in den beiden verbleibenden Geschäften der Stadt, die noch Tonträger verkaufen, nach This Silence Kills. Finde nichts. Kehre zurück nach Hause. Kaufe das mp3-Album. Höre This Silence Kills drei Wochen am Stück. Glaube, kratze immer noch nur an der Oberfläche. Suche nach Superlativen, welche angemessene Worte sein könnten. Finde bisher keine.

2. Yuck – Yuck

Yuck sind Speerspitze des ersten Revivals, von dem ich gern behaupte, das Original hätte ich schon einigermaßen mitbekommen. Und im Gegensatz zu Eurodance oder Roxette finde ich das heute mindestens genauso gut. Warpaint haben ja im letzten Jahr schon einmal vorgemacht, wie es klingen kann, wenn der 90er Jahre College-Alternative-Postgrunge-wasauchimmer neu interpretiert wird. Auch J. Mascis hat 2011 ein fantastisches Album veröffentlicht und Wet Paint zitieren auf Woe außerordentlich gelungen die großen Vorbilder. So leichtfüßig wie Yuck schafft das allerdings niemand. Jedes Stück klingt wie ein Klassiker, der schon zwanzig Jahre auf dem Buckel haben müsste und den man deshalb um so lieber hat. Was unbedingt als Kompliment zu verstehen ist.


3. Low Vertical – I Saw a Landscape Once

Es ist natürlich unangemessen, eine Band gegen die andere auszuspielen. Trotzdem muss ich schreiben, dass mich Radioheads The King of Limbs komplett kaltgelassen hat. Ganz im Gegenteil zu Low Vertical. Deren Importalbum I Saw a Landscape Once ist, polemisch verkürzt, die beste Radiohead-Platte seit Amnesiac. Denn hier steht trotz aller elektronischen Experimentierfreude immer das Lied im Mittelpunkt. Wächst und wächst und wächst, bis es unverzichtbar wird.

(more…)

Jahreslisten: Lieder 2011. Fünfundsiebzig außerkörperliche Erfahrungen.

Dezember 15, 2011

Jede Liste ist ein Ausdruck von Scheitern. Deshalb könnte hier auch die Top 4, 8, 15, 16, 23 oder 42 stehen. Würde genausoviel Sinn ergeben und ebenso wenig. Sind aber 75 Lieder geworden, von denen ich hoffe, dass sie mich weit über 2011 hinaus begleiten werden.

1. Adele – Rolling In The Deep

Wie schrieb ich vor knapp einem Jahr: Kaum sind jedoch meine Die besten Lieder 2010 gewählt, ist mir klar, was „Rolling in the Deep“ ist: ein Klassiker. Jetzt schon unverzichtbar. Anders gesagt: Ich möchte, dass die kommenden Tage nur aus diesen drei Minuten dreiundfünfzig Sekunden bestehen. Ersetze “die kommenden Tage” durch “2011″ und es ist das Lied, was ich etwa 200+ mal gehört habe (und davon etwa die Hälfte im Supermarkt). Aber egal. Denn spätestens ab There’s a fire starting in my heart sind alle eventuellen Übersättigungsgefühle auf Null gesetzt.

And you played it to the beat

2. Heather Nova – Everything Changes


Even the pain hurts like it should

3. Street Chant – Less Chat More Sewing

Wenn man von Musik begeistert ist, dann spricht man oft davon, dass sie einen direkt erwischt. Ohne Vorwarnung, aus dem Nichts taucht etwas auf und krallt sich fest. Im Kopf, im Körper, womit man Musik eben erfassen kann. Erst viel später wird klar, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht. Was meistens auch besser so ist. Musik nicht verstehen, sondern eine Hand zur Faust und mit der anderen sich die Gegenwart krallen. Und weil man ich ist, schreibe ich: Ich habe nichts verstanden. Möchte aber, dass die nächste Revolution von diesem Lied angeführt wird.

There’s no point in hating / but`ll do it anyway

(more…)

Videos. Like a Door to Door American Idol.

November 9, 2011

Born Gold – Lawn Knives

we all cut close / and snip snip snip

Jennifer Courvoisier – We Met

if we never met / surely there would be / someone else for you / somebody for me

PeterLicht – Das Ende der Beschwerde

Gesellschaft ist toll / wenn nur all die Leute nicht wären

(more…)

Melt! 2011. Wo ich bin, ist jetzt.

Juli 19, 2011

Pulp Melt

Die einzig verlässliche Größe im Raum-Zeit-Kontinuum bin ich. Hier ist, wo ich stehe und nur die nächsten drei Sekunden sind meine Gegenwart. Aber gerade auf einem Festival wie dem Melt! verwischen die Grenzen: Wo ich nicht bin, sind trotzdem noch vier weitere Bühnen mit Musik, die sich lohnen könnte zu hören. Und die Gegenwart erscheint inmitten all der feuerspuckenden Schauffelradbagger, Laserstrahlen und Glitzerschnurrbärten sowieso als fragwürdiges Konzept.

Um sich wenigstens an etwas orientieren zu können, wird das Smartphone in die Luft gehalten und der Auslöser exakt in dem Moment gedrückt, in dem die LED-Leinwand eine besonders spektakuläre Animation zeigt. Dieses Foto wird in Echtzeit zu Twitter/Facebook/Google+ geschickt und dazu geschrieben: Das sind Pulp/ The Streets / Frittenbude / Paul Kalkbrenner und das geschieht jetzt hier. Ich bin dabei. In genau diesem Augenblick.

(more…)


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.