Posted tagged ‘Ausschau halten nach Tigern’

Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste sonst.

Februar 9, 2012

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Krefeld, Schule, 8. Februar

Ich glaube oft zu wissen, wie etwas ist. Und dann ist es ganz anders. Krefeld beispielsweise. Ich dachte: eine eher dreckige Stadt im Ruhrpott. Da sind mindestens zwei Annahmen falsch. Ersetze Ruhrpott mit Niederrhein und dreckig mit „zweit grünste Stadt der Bundesrepublik Deutschland.“ Ansonsten statte ich sehr gern dem Petermannplatz einen Besuch ab und bestaune vor Fotoläden die penibel in deutsch und türkisch aufgeteilten Schaufenster.

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Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.

Januar 31, 2012

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Hamburg, Harburg, Uferbar, Kulturwerkstatt, 29., 30. Januar

Als ich losfahre, sind die Zahlen auf der Wetterkarte im Großraum Norden höher als die in der Landesmitte. Da denke ich noch: „Das ist ja ungewöhnlich, ansonsten ist es an der See so oft kälter als anderswo, das ist doch mal ein gutes Omen, da brauch ich die dicken Socken nicht extra einzupacken.“ Fünf Minuten später denke ich: „Sollte ich jemals über die Lesereise nach Hamburg schreiben, sollte ich keinesfalls darüber schreiben.“ Denn wer über Wetter schreibt, hat im Grunde genommen schon kapituliert.

In Hamburg angekommen kapituliert zuerst einmal mein Körper. Was ich bin, verfängt sich im Wind und das ist garantiert nicht poetisch gemeint. Der Westwind treibt den Geruch der Stadt in den Osten, weshalb die Stadtgebiete der Reichen auch im Westen liegen. Zudem verwandelt mich der Westwind prompt in ein Iglu, in dem eine Gefriertruhe offensteht. Kristalle bilden sich, Haar bricht, es sieht wunderschön aus und fühlt sich an wie die Amundsenexpedition, nur eben ohne Happy End. Da die Kälte bleibt und bleiben wird, beschließe ich, auf den beiden Lesungen dreimal Hager zu lesen, ein Vorhaben, welches ich später tatsächlich in die Tat umsetze.

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Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?

Oktober 17, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Frankfurt, Buchmesse, 13. Oktober

Die Buchmesse beginnt in diesem Jahr an einem Montag im Thüringer Wirtschaftsministerium. Unten im Foyer sind in einer Glasvitrine verschiedene Bücher aufgestellt. Da steht Sarah Wagenknecht neben dem Ratgeber Gelassen bleiben und einem mehrere hundert Seiten dicken Bericht über die Kreativwirtschaft in Thüringen. Wegen letzterem bin ich hier. Ich wohne in Thüringen, bin ab und an kreativ und stehe damit prototypisch für einen wichtigen Standortfaktor des Freistaates. Um diesen Standortfaktor hinaus in die Welt zu tragen, wird seit kurzem Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die darüber informiert, was Thüringen alles ist – Erbauer der Brooklyn Bridge, Unterstützer von Raumfahrtmissionen, Eva Padberg. Als Teil dieser Kampagne sponsert das Wirtschaftsministerium einen blauen Stand auf der Buchmesse, auf dem sich Verlage präsentieren und zudem gelesen wird.

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Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.

September 11, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Köln, Microsoft, Cafè Duddel, 9. September, mit The Mount St. Helen Duet

Spannend ist die Frage, wie oft man eigentlich originell sein kann. Und ich meine keine Originalität, die „ansonsten“ mit „weiterhin“ ersetzt und deshalb schon zufrieden die Hände hinter dem Nacken verschränkt, sondern Worte, die mich selbst beim Schreiben überraschen und die vielleicht mal etwas vollkommen Neues probieren. Wobei es vollkommen neu natürlich längst nicht mehr geben kann. Aber es würde schon genügen, auf ein vertrautes System mit Insektenaugen zu schauen und allein dadurch das vertraute System bestenfalls gehörig zu erschüttern. Außerdem wäre es durch Abweichungen von sattsam Bekannten auch für Andere interessanter, sich ein weiteres Mal in die zu oft schon ausgeleuchete Troposphäre von Lesereisen zu begeben.

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Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.

September 7, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”



Hamburg, Literaturhaus, 5. September, mit Xóchil A. Schütz

Anzahl der Lesungen in Hamburg: 8
Anzahl der Lesungen in Weimar: 1
(einschließlich Der Schlaf und das Flüstern)

Lesungen, an denen Autoren beteiligt waren, die auch bei asphalt & anders veröffentlicht haben: 4
(einschließlich Der Schlaf und das Flüstern)

Anzahl der fotografierten Leseorte: 16
Anzahl der Eintragungen ins Lesetagebuch: 10

Anzahl der verbrachten Lesungszeit (in Stunden): 12
Anzahl der verbrachten Zeit im Zug: 75
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Schreiben des Lesetagebuchs: 10
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Hören von Beziehungsgesprächen Mitreisender per Handy : 5
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Hören von Aufforderungen das Bordbistro zu besuchen: 2
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Lesen von mobil: 0,2

Anzahl des verspäteten Erscheinens auf einer Lesung: 2
Anzahl der Lesungen mit Anfahrt per Auto: 2

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Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.

Juli 22, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Hamburg, BeLaMi, 20. Juli, Zwischenraum, 21. Juli

Es wäre schön, wenn jeder Text über eine Lesung nicht nur von der Lesung erzählt, sondern durch ein übergeordnetes Thema persönliche Erlebnisse für Außenstehende anhand eines roten Fadens greifbar macht. Das Thema könnte banal erscheinen (eine allgemeine Betrachtung von unterschiedlichen Wegen, Bühnen zu betreten), vermeintlich tiefschürfend (Kapitalismuskritik), vermeintlich unterhaltsam (kulinarische Abweichungen von Herkömmlichem) oder auch ein abstraktes Gedankenkonstrukt. Für Hamburg entscheide ich mich für das Gedankenkonstrukt. Ich entscheide mich für zu viel.

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Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.

Juli 9, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Köln, WDR 1Live Klubbing, 08. Juli

Wenn man nicht täglich in Millionenstädten ist, kann es einen überfordern, wenn man dann doch mal wieder eine Millionenstadt besucht. Das liegt auch an den Dienstleistern. Es gibt einfach zu viele. Verlässt man zum Beispiel den Kölner Hauptbahnhof, ist da ein Mann, der Luftballons zu Tieren knotet. Dafür will er Geld. Eine Straßenmusikerin vor dem Media Markt spielt Gitarre und will dafür Geld. Ein fliegender Händler verkauft Schmuck und will dafür Geld. Eine Limbotanzgruppe tanzt unter einer brennenden Stange hindurch und will dafür Geld. Italienische Kellner versuchen einen in ein italienisches Restaurant zu locken, um dort Geld einzufordern. Nur die sieben Männer vor der Kölner Philharmonie wollen kein Geld. Sie wollen verhindern, dass man den Platz vor der Kölner Philharmonie betritt. Die Schritte würden Schwingungen erzeugen und so Proben in der Philharmonie stören. Deshalb scheuchen sie, ganz kostenfrei, einfach nur fort.

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Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.

Juli 3, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Zwickau, Baumhaus/Gasometer, 30. Juni

Die Frage ist ja auch, wie sich Gruppen definieren. Durch Äußerlichkeiten zum Beispiel. Bunte Haare, ein Anarchie-A auf der Lederjacke, vielleicht mit Hund. Das muss alternativ, möglicherweise sogar Punk sein. Und wenn zum Beispiel ein Verein ein Gebäude finden will, in dem sich alternative Jugendliche treffen könnten, kann es durchaus passieren, dass dieser Verein für Außenstehende als verantwortlich für alle alternativ ausschauende Jugendliche der Stadt wahrgenommen wird, auch die, die bunte Haare haben und ein Anarchie-A auf der Lederjacke tragen. Und wenn alternative Jugendliche vor dem sanierten Rathaus sitzen und manche zum Beispiel gegen das Rathaus urinieren, dann ist das irgendwie auch so, als hätte der Verein gegen das Rathaus uriniert. Und wenn der Verein gerade mit dem Rathaus in Verhandlungen über ein Gebäude für alternative Jugendliche steht, dann kann es sein, dass plötzlich die Frage wichtig wird, wer wo wie dazugehört und wie sich Gruppenzugehörigkeit definiert und was der Verein zu seiner Verteidigung zu sagen hat.

Solche Fragen werden vom Verein jeden Donnerstag in der Volxküche diskutiert. Und seltsam. Direkt nebenan ist das Gasometer, ein Ort mit Bühne, auf der wir zwischen 1998 und 2007 schon mehrmals standen, da allerdings mit Instrumenten in den Händen. Heute ist in unseren Händen Papier und die Bühne ein Café, ein alternatives Jugendcafé, mit den üblichen Zubehör alternativer Jugendcafés – Billardtisch, Kicker, eine Möglichkeit, in aller Ruhe youtube-Videos anschauen zu können und eine Modelleisenbahn.

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Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.

Juni 25, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Freiburg, zwischen/miete, 24. Juni

Eigentlich sollte dieser Text mit der Frage beginnen, was eine Lesung ausmacht, deren Wirkung vergleichbar ist mit der Einnahme etwa einer Tonne Omega-3-Lachsölkapseln. Ob dazu allein die 30/60/90 Minuten Lesezeit gehören oder vielmehr auch: Anfahrt, der erste Eindruck einer bisher unerschlossenen Stadt, vielleicht zufällig aufgeschnappte Dialogfetzen in der Straßenbahn, die Begrüßung durch die Gastgeber, die eigens bestellten vegetarischen Pizzen, die Gespräche vor, während, nach dem Lesen, überhaupt die Situation nach dem Lesen, der Weg zurück in die Unterkunft, die Unterkunft, die Gedanken, die in den Sekunden vor dem Wegdämmern in den Kopf schießen.

Stattdessen beginnt dieser Text mit der Erde. Die Erde von oben, vom Weltall aus gesehen, das Foto hat jeder schon gesehen, auch wenn kaum jemand dort gewesen sein kann. Trotzdem das bekannteste Bild der Welt. Tritt man ein wenig zurück, ist das nur ein einigermaßen heller Punkt im Schwarz, so aber sind Meere zu erkennen und Landmassen und dazwischen Wolken, Rauch möglicherweise oder Regen und Unwetter. Taucht man in diese Wolken ein und geht tiefer, verschwinden die Meere und grüne Flächen beherrschen das Bild und irgendwann füllen Häuserdächer und Kirchenturmspitzen und feine Linien, die von Menschenhand geschaffene Wasserläufe darstellen könnten, das Auge. Das ist Freiburg im Breisgau, 220000 Einwohner, die Hälfte davon sind Studenten, die andere Hälfte Kinder, die einander mit Spielzeugmähdreschern jagen.

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Lesereise (5). München. Mein Der Regler.

Juni 15, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

12. Juni, speak&spin

In München: bei Dallmayr Edelkrebse schauen, dicken Spargel aus Schrobenhausen schauen, die erfolgreichste McDonalds-Filiale der Welt schauen, beim Manufactum den schlausten Rechenaffen aus Blech schauen, mit japanischen Touristengruppen die eingeschlossenen Maßkrüge im Hofbräuhaus schauen, in der Michaelskirche die Beichtzeiten notieren (hauptsächlich von 17.00 – 18.00 Uhr, oft in deutscher, englischer und italienischer Sprache), in der BMW-Welt ein klassisches Klavierkonzert zu Ehren eines individuellen Fahrzeugs hören, vor der Olympiahalle die T-Shirts der Elton-John-Konzertbesucher schauen, vom Trümmerberg München schauen, über das Strickliesel spotten, zuschauen, wie Treemover Bäume ausgraben, überall nach Plakaten von Der Regler schauen (Er ist der Regler. Er kann alles regeln.), am Eisbach die Surfer schauen, mit dem Bugatti in die Maximilianstraße, Handtaschen für tausend Euro schauen, Schmuck für hunderttausend Euro schauen, Sicherheitspersonal schauen, im Applestore blaue Shirts schauen, Fanschals mit Thomas Müller schauen, die freundlichen Spiele schauen und „freundlich“ mit anderen Adjektiven ersetzen, am Fischbrunnen den Fisch schauen, auf dem Viktualienmarkt keinen Salatstand schauen, im Hardrockcafe ein Top von Christina Stürmer schauen, im Münchener Englischen Garten am Chinesischen Turm sitzen, in den Zeitungskästen einen brennenden Zeppelin schauen, am Museum einen roten Ai Weiwei schauen, am Professor-Huber-Platz den Sandstrand der Urbanauten schauen und vor allem all die verhangenen Fassaden schauen.

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