Listen. Lang. 2007.
1. Scraps of Tape – This is a copy
Es ist ganz gut, dass Scraps of Tape hier stehen. In den ersten Jahren, in denen man, wie soll es bezeichnen werden – ??? Post, Progressive, Artrock ???- entdeckt, muss man sich an den Größen des Genres abarbeiten. Allein für GSY!BE, Sigur Ros und Mogwai reicht ja kaum die Zeit. Dann erst sollten sich die Blickwinkel verschieben. Explosions In The Sky, EF, Loney Dear, Condre SCR stehen nicht unter den ersten zehn, obwohl sie dazugehören sollten. Stattdessen Schweden. Schreib was von zuckersüßen Gitarrenwänden und verzwickten Bassfiguren, von Hardcore und Quiet is the new loud und sie werden dich alle auslachen. Allein schon „How your heart gets thrown“. Ein Motiv, kaum variiert und dennoch verliert sich darin die Welt. „Since all the birds are moving, shouldn’t we” möchte ich sehen, wenn Guillermo del Toro Cormac McCarthys “Die Straße” verfilmt . Und das morsche “Thirteenthousand”, zerstört und zusammengesetzt in Sekundenbruchteilen. Wenn jemals etwas in diesem Jahr alles war, dann „This Is A Copy“. Ein Fegefeuer.
2. Bloc Party – A Weekend In The City
Am Anfang maßlose Enttäuschung. DAS soll der Nachfolger zu „Silent Alarm“ sein? Klar, „The Prayer“ schlägt mutig neue Wege ein auf und „Kreuzberg“ hat diese tolle Melodie. Aber ansonsten? Überproduziert, angestrengt, weniger eingängig. Und es spricht nicht unbedingt für Musik, wenn die sich mühsam erarbeitet werden muss. Doch irgendwann legt sich ein Schalter um. Plötzlich wird klar, „Hunting For Witches“ ein kleines Meisterwerk. Plus Aussage! „On“. Und schließlich „SRXT“ der vielleicht erhabenste Song dieses Jahres. Und am Ende desselben legt sich der Schalter erneut um, in einem öffentlichen Nahverkehrsmittel, nachts, überlagert sich das Konzept von „A Weekend In The City“ plötzlich mit dem eigenen Leben. Ein großer Moment. Das und die musikalischen Fertigkeiten der Band, der Wille, Neues zu probieren (aktuelles Beispiel „Flux“) und ein ungeduldiger Blick über den Tellerrand hinaus lassen mich glauben, dass das bedeutendste Werk von Bloc Party noch vor mir liegt.
3. The National – Boxer
Es ist „Fake Empire“, der Eröffnungssong. Keine Ahnung, wie oft ich den gehört habe. Und wie ich ihm noch immer nicht auf die Schliche gekommen bin. Wie überhaupt diesem Album. Keines, welches offensichtlich um Aufmerksamkeit buhlt, „Slow Show“, ein anderer Höhepunkt erinnert an die besten Momente von Sophia. Ein Beispiel von vielen. Vor allem ist es Matt Berningers Stimme, die neben den ausgefeilten, ruhigen, sicheren Arrangements, alles zusammenhält und so etwas vagem wie Zuversicht Konturen verleiht.
4. The Cribs – Men’s Needs, Women’s Needs, Whatever.
Aus Trotz vielleicht dieser vierte Platz. Da sind drei Brüder, gleichzeitig wahnsinnig, wenn es darum geht, schroff und jähzornig ihre Instrumente zu bearbeiten. Jede Harmonie wird bis zum Äußersten getrieben. Doch gleichzeitig handeln sie dabei vollkommen konzentriert. Schälen aus der Dissonanz elegant Schönheit. Kein anderes Album 2007 hat mich beim ersten Hören schon derart an die Hand genommen und gesagt „Hey, eigentlich bin ich ja ein Best-of. Ich bestehe nur aus Hits. Du wirst nicht umhinkommen, sie alle bis zum Jahresende mitzupfeifen. Freiwillig und sehr sehr oft.“ Und so geschah es dann ja auch.
5. PJ Harvey – White Chalk
Ihr “To Bring You My Love” hat meine musikalische Sozialisierung nicht unwesentlich beeinflusst. Danach war dann erst mal längere Zeit freundliches Zurkenntnisnehmen angesagt. Bis September dieses Jahres. Das ging mir wirklich ans Herz. Diese kargen Töne, dieses Piano, diese freudlose Texte voller Verzweiflung. In Kombination mit dem Coverbild. Gegen „White Chalk“ wirkt der Film “The Hours” wie ein ausgelassenes Lustspiel.
6. Tocotronic – Kapitulation
In der anderen Liste haben Tocotronic die prominentesten Plätze besetzt. Und so ist dieser sechste Platz natürlich auch eine Aussage. Weil: Ganz klar verirren sich hier einige Aussetzer ins Konzept, die absolute Niederlage zum Sieg umzudeuten. Der große Rest allerdings wiederholt nicht die Fehler von „Pure Vernunft darf niemals siegen“, sondern hat mehr Lust am Lied und auch an der Variation. Die Kapitulation als roter Faden hilft auch die abstrakten Textebenen zu vererden. Nur „Luft“ widersetzt sich dem wehrhaft, so dass als Fazit ein Drittel Scheitern zwei Drittel Kleinod gegenübersteht. Aber auch das kann ja Teil des Konzepts sein.
7. 65daysofstatic – The Destruction of Small Ideals
Im Prinzip könnte an dieser Stelle jedes Album von 65daysofstatic stehen. Jedes Jahr wieder. Wo Post oftmals ein ehrwürdiges Gefühl verbreitet, herrscht bei 65daysofstatic hauptsächlich pure Euphorie vor. Die Beats. Die übersteigerten Flächen. Die angezerrten Gitarren. Nervös, unruhig, zuckend. Warum ändern, wenn man die Spitze schon erreicht hat.
8. ILIKETRAINS – THE iNDiCTMENT
Darf Musik, die man erst vor weniger als vier Wochen entdeckte, in eine solche Liste aufgenommen werden? Muss sie nicht reifen, muss sie nicht einem Dauertest unterzogen werden, muss sich sie sich nicht erst in den Alltag mischen?. Im Fall von Iliketrains bin ich gewillt, dieses Riskio einzugehen. Und es ist nicht das famose „Elegies To Lessons Learnt“, sondern das Bootleg „The Indictment“, welches mich massiv beeindruckte. Quasi die Schnittmenge der Musik, die ich in diesem Jahr ausdauernd hörte. Ein Album in warmen Rottönen, umarmend und erhaben. Ausdrücklich erwähnt sei die anschwellende Spannung in „Before The Curtains Close – Part II“.
9. Radiohead – In Rainbows
Die große Dechiffrierungsaufgabe des Jahres. Radiohead veröffentlichen ein neues Album. In fünf Tagen? Aber wo? Und wie erhalte ich es? Wieviel sind mir die letzten 12 Jahre wert? Nach den ersten Hörvorgängen wird klar: „In Rainbows“ gibt mehr als „Hail To The Thief“. Einfachere Strukturen, schlichtere Arrangements, weniger Experimente. Doch letztlich erschließt sich die Qualität der zehn Lieder erst über die Texte, am besten Wort für Wort zur Musik mitlesend. Von „Bodysnatchers“ hin zum grandiosen Finale „Videotape“ ist es ein langer Weg, der ungewohnt klar scheint und gleichzeitig berührend geheimnisvoll bleibt.
10. Marilyn Manson – Eat Me, Drink Me
Damals zu “Antichrist Superstar”-Zeiten schwor ich mir, niemals eine Platte von Manson in meine Wohnung zu lassen. Zu suspekt die Geste, mit der Manson die absolute Hässlichkeit zelebrierte. Und scheußlich sah er auch noch aus. Dann wurde er ja im Laufe der Zeit egaler und auch dank Bands wie den Beatsteaks wurde Hässlichkeit als solche zum gern gesehenen Istzustand in der Postspaßgesellschaft. Jedenfalls hörte ich Mitte des Jahres „Heart-Shaped Glasses“. Ein wesentlicher Grund, sich genauer mit „Eat Me, Drink Me“ zu beschäftigen. Und hinter all der Künstlichkeit, all den Effekten und der ganzen Show jede Menge Melodien. In „Evidence“ genauso wie in „The Red Carpet Grave“ , vom Titelsong ganz abgesehen. Und „They Said Hell’s Not Hot” beginnt wie ein altes Tocotronic Lied! Der Überraschungsmoment wird sich möglicherweise im Laufe meines Lebens abnutzen. Bis dahin allerdings vollkommen zurecht dieser Platz für „Eat Me, Drink Me“.
Auch unbedingt oft und laut hören
Cuba Missouri – Our Lovers Leap
Shout Out Louds – Out Ill Wills
Polarkreis 18 – Polarkreis 18
Naked Lunch – The Atom Hearts Of Ours
A Whisper in the Noise – Dry Land
The Klaxons – Myths of the Near Future
Amy Winehouse – Back To Black
Escapado – Initiale
Die Fantastischen Vier – Fornika
EF – Give Me Beauty… Or Give Me Death!
Explosions In The Sky – All of a Sudden I Miss..
Condre SCR – jar marsen E.P.
Turbostaat – Vormann Leiss
You Say Party! We Say Die! – Lose All Time
Jose Gonzalez – In Our Nature
M83 – Digital Shades Vol. 1
Sigur Ros – Hvlarf
Gravenhurst – The Western Lands 2007
Lonley Dear – Loney, Noir
Kommando Sonne-Nmilch – Jamaica
Letzte Kommentare