Posted tagged ‘Buch’

Fußnoten, für die andere töten würden.

Dezember 12, 2009

Philip Roth – Gegenleben

Ein Buch, über das ich nicht schreiben sollte. Weil ich es nicht zu Ende las. Obwohl es das Lieblingsbuch einer sehr guten Freundin ist. Und mein schlechtes Gewissen mich stündlich straft. Weil ich gern die Kraft und das Interesse besessen hätte, bis zu dem fantastischen letzten Kapitel vorzustoßen. Weil ich vorher schon all die Argumente kannte, die dieses Buch zu einem Meisterwerk machen. Die unterschiedlichen Perspektiven. Die Fähigkeit Roths, innerhalb von Sätzen gegensätzliche Ansichten zu schildern und beim Leser Anteilnahme für beide Seiten zu erzeugen. All die Tragik. All die Zerrissenheit. Jüdische Identität, klar, nach der Reise im Mai erhalten die Passagen über die Flughafenkontrolle oder die Ortsbeschreibungen von Jerusalem eigentümliche Brisanz im eigenen Leben. Und vielleicht weil ich vorher wusste, wie unfassbar gut dieses Buch sein müsste, hat es mich am Anfang so geärgert, dass ich Roth (auch) in die Riege der Schriftsteller einordnete, die Impotenz als Metapher benutzen. Und danach trotz (wie ich vermute) brillanter Analysen jüdischer Politik und jüdischem Seelenleben zuviele Seiten überblätterte. Vielleicht in zwanzig Jahren ein zweiter Versuch.

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

Ein Buch, für dessen Fußnoten andere Autoren töten würden. Und Absicht war es schon, diese reportagenhafte Beschreibung einer Kreuzfahrt auf der Fähre von Stralsund nach Hiddensee und zurück zu lesen. Weil Rentner anwesend waren, hauptsächlich. Auf Fähre und im Buch. Weil es ein Leichtes wäre, Senioren ihre Seniorenhaftigkeit vorzuwerfen und – schlimmer noch – zu ironisieren, machen wir das beide nicht. Weder ich noch Wallace. Wobei Wallace natürlich der Meister ist. Genau zu beobachten, unterhaltsam zu beschreiben und vorallem zu reflektieren. Das ICH in einer absurden Situation. Und warum ICH gerade jetzt so denkt. Und was das über das ICH aussagt. Nebenbei analysiert er die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie, in diesem Fall von Traumschiffen, in Bild und Wort. Grandios, komisch und philosophisch. So ist es konsequent, dass diese Reportage nur die ersten Tage von Wallace Reise umfasst. Denn den großen letzten Rest verbrachte er abseits der Vergnügungen in seiner Kabine. Das kann man auch als Metapher auf sein Leben lesen.

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Der Schlaf und das Flüstern.

September 14, 2009

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Das ist ein Eintrag, auf den ich mich schon sehr lange freue. Weist er doch auf ein Buch hin. Einen Roman. Das Schlaf und das Flüstern. Ein weiter Weg bis hierhin und die Geschichte von Pola und Janek als gebundenes Buch endlich in den Händen halten zu können ist ein großes Glücksgefühl.

Erschienen ist der Roman beim wunderbaren asphalt & anders Verlag aus Hamburg. Auf der Homepage kann man auch das erste Kapitel lesen. Schwierig ist es tatsächlich, den Inhalt in passende Worte zu fassen. Vielleicht ja so:

Zwei Perspektiven, eine Geschichte. Von Pola, die die Zeit anhalten kann. Von Janek, der hinter ihr Geheimnis kommt. Von Lange Sömme, einem Ort, in dem die Straßen auch nachts noch nach Kamillenblumen riechen. Von Schmetterlingen, die getötet werden müssen, um ihre Schönheit zu bewahren. Von verschwundenen Vätern. Und von roten Flugzeugen, aus denen man springen muss, um ein Leben zu erfahren, das so magisch wie die Summe aller Wirklichkeiten ist.

Bestimmt wird es hier in den nächsten Wochen und Monaten zu einigen Verweisen auf das Buch kommen; wem das zuviel ist, kann diese Texte gern überlesen.

der_schlaf_seiten

Termine für die ersten Lesungen sind schon bekannt:

20. 11.2009 | Köln | Café Duddel
19. 11. 2009 | Köln | Raketenklub
29. 10. 2009 | Weimar | Eckermann Buchhandlung
27. 10. 2009 | Hamburg | Literaturcafe Mathilde
15. 10. 2009 | Frankfurt | Buchmesse, Junge Verlagsmenschen
07. 10. 2009 | Werdau | Bibliothek

Erhältlich ist der Roman am liebsten direkt beim Verlag, online (z.B. amazon) oder im Buchhandel. Verlost wird ein Exemplar in dieser Woche beim Herzrasenmagazin.

Buchmesse. Leipzig. 2009.

März 15, 2009

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Buchmesse. Leipzig. 2009.

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Auf dem Weg zu Halle 2.

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T.C. Boyle am Morgen.

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Neben der Finanzkrise das große Thema 2009: Wer schreibt die nächsten Feuchtgebiete. Hier Dieter Moor im Gespräch mit Sarah Kuttner.

handbuch
Im Format: Aus doof mach schlau.

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2009. Was gelernt.

Januar 2, 2009

20091

Das neue Jahr beginnt, weil das alte Jahr vorbei ist. Und wäre 2009 ein Film, dann hätte jeder schon den Trailer gesehen und würde mit den denkbar schlechtesten Erwartungen (nicht) ins Kino gehen und sehen: einen C-Movie Horrorstreifen, dem in letzter Minute das Buget radikal gekürzt wurde, gedreht von einem mitleidslosen Regisseur, dessen größten Erfolge fast auf den Tag genau 80 Jahre zurückliegen, ein dilettantisches Machwerk besetzt mit einem gesichtslosen Bösewicht namens Angst, dessen Hoffnungsträger zynischerweise von einem unmöglichen Helden gegeben wird, der, soviel ist klar, als Held nur scheitern kann, wenn er eine Welt retten will, deren größtes Problem die Pendlerpauschale ist.

Ein Streifen wie gemacht für alle Fatalisten, die gern mit diebischer Freund den untersten Stein aus dem Jengaturm ziehen und dabei genau den Ausdruck im Gesicht der Mitspieler im Blick haben. Die nächsten 365 Tage sitzt jeder gebannt im Kinosaal und wartet mit einer seltsamen Unruhe darauf, ob es wirklich so schlimm kommen wird, wie man spekuliert. Ein Gefühl, welches man auch aus Adam-Sandler-Filmen kennt. Nur, dass in diesem Fall Josef Ackermann die Witze unterhalb der Gürtellinie macht und über den Credits beim Abspann Musik von dem Mann mit der Mundharmonika läuft.

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Dinge, die ich so auch bei Twitter hätte schreiben können.

Dezember 12, 2008

Resultate der gestrigen Lesung: ein verbrannter Daumen (nicht der eigene), zwei fälschliche Behauptungen, ich wäre der Autor einer alten ZDF-Vorabendserie, ein netter Twitterpost sowie Hähnchenbrustfilet vom Lavagrill für lau.

Kinder tragen Schneebrocken wie Schatzkisten.

Kann es sein, dass Mittelalterromane mit einem Schuss Erotik das 00er-Jahre-Äquivalent zu den Frauenpowerbüchern aus den 90er Jahren sind? Kann es sein, dass Iny Lorentz die aktuelle Hera Lind ist? Und wenn ja, was sagt das über dieses Jahrzehnt aus?

Kann bitte jemand machen, dass Helmut Schmidts Geburtstag bald vorgeht? @ZEITsonderheft

Notiz an mich: Bei Oscartipps nie zu zeitig zu weit aus dem Fenster lehnen.

Lesen.

Oktober 30, 2008

Zur Abwechslung eine Auswahl von Büchern, die ich letztens las. Oder auch nicht.

Rocko Schamoni. Sternstunden der Bedeutungslosigkeit.

Mit dem besten Gewissen nach etwa 30 Seiten abgebrochen. Selten so viele belanglose Gedanken gelesen, die in pseudolakonische Sätze verpackt waren. Auch wenn ich es mit dieser Einstellung niemals zum Literaturressortredakteur der INTRO bringen werde behaupte ich: Titel passt. Und Humor ist nicht, nur weil Heinz Strunk in der gleichen Stadt wohnt.

James Robertson. Der Teufel und der Kirchenmann.

Ein Pfarrer trifft den Teufel, wird als verrückt erklärt und verschwindet dann spurlos. Diese Grundidee, in Großbuchstaben auf den Umschlag getackert haben mir gereicht. Und mir danach zwei große Enttäuschungen beschert. Zum einen: mich. Da ich es im Gegensatz zu Schamoni nicht geschafft habe, im richtigen Moment die Reißleine zu ziehen, sondern Seite um Seite weiter die Zeilen überflogen habe in der Erwartungshaltung: Wenn diese Geschichte so einen kolossalen Anlauf nimmt, um endlich auf den Punkt zu kommen, wird dieser Punkt schon unglaublich großartig werden. Stattdessen, so etwa fünf Seiten vor den Danksagungen dann das titelgebende Treffen zwischen den Protagonisten, das keinerlei Erkenntnisse, Überraschungen oder Folgen für die Geschichte mit sich brachte. Und da zweitens, der Weg bis zur zerplatzen Seifenblase die Beschreibung eines unglaublich trivialen und langweilen Lebens war (und ich die Vermutung habe, dass der Autor auch niemals zu mehr im Stande sein wird, als trivial und langweilig zu schreiben) bleibt die Erkenntnis: Bücher mit guten Grundideen kommen besser schnell zur Sache.

Robert J. Sawyer. Flashforward.

Wie dieses hier. Nach einem Experiment des CERN-Institutes wird die gesamte Menschheit für zwei Minuten zwanzig Jahre in die Zukunft versetzt. Und dann zurück in die Gegenwart. Das ist der Stoff, aus dem die Nachfolgeserien von LOST gemacht werden (siehe auch die Stichwörter: Sawyer, Flashforward) und mich in zwei Tagen durch 400 Seiten bringen. Großartiges Gedankenspiel, mit zukünftigen Mordfall, Liebe und jede Menge theoretischer Paradoxien, die Doc Brown die Haare zu Berge stehen lassen würden. Leider entscheidet sich Shaw am Ende für den üblichen verquarkten Quantenphysikneutriontechniksprech und scheut sich auch nicht davor, eine religiöse Allegorie einzubauen, die das bis dahin geerdete Szenario in windige Sphären bringt, die weit außerhalb meines Vorstellungsvermögen liegen.

Stieg Larsson. Verdammis.

Ich habe auch einen Larsson gelesen, ich glaub, den aus der Mitte, weil `s Twitter quasi nur aus sich überschlagenden Liebesbekundungen für dieses Buch bestanden hatte. Stieg ich also ein in eine Geschichte, die sich vornehmlich um ein literaturgewordenes Cyberpunkgirlierolemodel drehte, von denen es auf myspace möglicherweise tausende gibt. Ansonsten ein Krimifall, Serienmörderei, Menschenhandel und investigative Ermittlungen eines Journalisten, der offensichtlich im ersten Teil Hauptfigur war. Nicht unspannend, aber sehr unspektakulär, fast schon banal einfach geschrieben mit einem leicht sadistischem Hang, vornehmlich jüngeren Frau Demütigendes widerfahren zu lassen. Aber immer schön, wenn man sich einem Hype widersetzen und behaupten kann: Letztlich Ware von der Stange. Bis zur letzten Seite gelesen hab ich aber trotzdem.

Wolfgang Herrndorf. In Plüschgewittern.

Weder wusste ich etwas über Autoren noch Buch, als ich mich für dieses Buch entschied. Es war der Titel, der mich ansprach. Nicht nur ein „Plüschgewitter“. Sondern In! Mehreren! Und bald stellte ich fest: Ein klassisches Stück Popliteratur mit einem selbstzerstörisch veranlagten Helden, der alles, die Umwelt und vor allem sich permanent anzweifelt, getrieben von einer geradezu arroganten Hybris, alles mit Werten zu bemessen, die zwischen 1997 und 1998 mal angesagt waren. Quasi eine Art romangewordenes „Tristesse Royale“, das natürlich kein gutes Ende nehmen kann. Weil ja weder Holden Caulfield noch Dana Bönischs Puck überlebt haben. Warum also dieses namenlose Alter Ego? Etliche Sätze dabei, die man gerne selbst geschrieben und dann an einem trägen Sonntagnachmittag aus dem Fenster hinaus auf die Straße zu den kinderwagenschiebenden Kleinfamilien geschrieen hätte.

T. C. Boyle. Wassermusik.

Ich nehme alles zurück, was ich letztens hier auf diesen Seiten Schlechtes über T.C. verfasst habe. Weil er für ein „Wassermusik“ gerne zehn „Talk Talk“s schreiben kann. So virtuos bringt er vollkommen gegensätzliche Erzählstränge zusammen, erweckt dabei die dreckverschmierten, moskitozerstochenen Figuren derart plastisch zum Leben, traut sich die unmöglichsten aller möglichen Wendungen zu nehmen, dass -wie komm ich jetzt aus diesem Satz raus? Vielleicht mit einer Aufzählung von Adjektiven: „Wassermusik“ ist wahnsinnig, bizarr, lehrreich, lebendig, ungeheuer witzig, tragisch und entwirft sicher das realistischere Afrikabild als zum Beispiel „Far Cry 2“

Michael Chabon. Die Vereinigung jiddischer Polizisten.

Zum Schluss das Buch, das allem und jedem und ganz besonders diesem Jahr die Krone aufsetzt. Beginnt im Paralleluniversum (statt Israel zu gründen, wird ein jüdischer Staat in Alaska geschaffen), verwandelt sich in eine Mordgeschichte im Stil von Chandler und ist letztlich der Kampf eines Manns um die Liebe einer Frau, um das Überleben seines Volks und ein Plädoyer für Schach. Chabon mischt hier mindestens drei einander vollkommen fremde Genres gekonnt zusammen. Mit einer derartigen Sprachgewalt, mit gewagten Metaphern, für die ihn jeder Literaturwissenschaftler steinigen würde, mit Bildern und Vergleichen, Situationsbeschreibungen, die unmöglich scheinen, aber letztlich den unglaublichen Reiz dieser verzwickten Geschichte ausmachen. Ein gebrochener wortkarger Antiheld, der nur in einem scheitert: Siehe Seite 196.


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