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Jahreslisten: Lieder 2010 | Fünfundsiebzig Fixsterne.

Dezember 21, 2010

Selbstverständlich ist es vollkommener Unsinn, eine solche Liste zu erstellen. Warum 75 Plätze und nicht 101 oder 23? Sollte HGicht tatsächlich vor “The Aftermath” oder “Sometimes Things Get Broken” platziert sein? Kann man “Knut” und “NY is killing me” tatsächlich objektiv miteinander vergleichen? Ist es gerechtfertigt, die ersten acht Plätze für deutschsprachrige Titel zu reservieren? Letztenendes ist das egal. Weil das Erstellen dieser Liste eine meditative Funktion erfüllt hat. Beim Beschäftigen mit der Musik in diesem Jahr ist mir noch einmal klar geworden, wieviel ausgezeichnete Musik es in diesem Jahr gegeben hat. Wie sehr mir die Lieder der ersten dreißig (plus x) Plätze in den vergangenen 365 Tagen ans Herzen gewachsen sind. Und die Sicherheit zu wissen, dass mich diese Texte und diese Melodien noch begleiten werden. Deshalb diese Liste. Die Zahlen davor kann man sich ja wegdenken.

1. Tocotronic – Im Zweifel für den Zweifel

Im Zweifel für die Zwischenstufen. Für das Zaudern. Für die äußerste Zerbrechlichkeit. Mehr Mut machen kann kein Text.

Im Zweifel fürs Erzittern beim Anblick der Chimären

2. Turbostaat – Pennen bei Glufke

Manchmal genügt der erste Klang (in diesem Fall geschlagene leere Gitarrensaiten) und man weiß: man gehört zusammen. Glufke vs. den Mob, gegen die diffuse Bedrohung, gegen sovieles, was nicht richtig läuft. Wobei richtig natürlich immer noch von einem selbst definiert wird. Fünf Akkorde, die alles haben, was wichtig ist.

Aufgelöst In der ganzen Welt / Und Angst vor dem Fremden / Wie soll denn sowas gehen?

3. Spaceman Spiff – Egal

Prinzipiell könnte man den ganzen Text mit Zitaten von Spaceman Spiff füllen und wenn die Welt diesen Text dann lesen würde, wäre die Welt besser, schlauer und ehrlicher. Gesungen allerdings, mit Zweifeln und Glockenspielmoll in der Stimme, wird der schwer zu beschreibende Zustand, der das eigene Leben sein könnte, plötzlich in drei oder fünf Minuten auf einen Punkt gebracht, der Umfang und Gewicht mehrerer Sonnensysteme hat.

Komm, nimm Deine Tanzschuhe mit / wir verschwinden in Musik

4. Herrenmagazin – Alle sind so

Quasi der exakt identische Effekt wie beim Vorgängeralbum “Atzelgift” und “Der langsame Tod eines sehr großen Tieres”: Da war mal ein Gefühl. Riesengroß und gewaltig, so dass es einem fast die Luft nahm. Eine eigene Welt, in der man selbst Mittelpunkt war. Ein Basslauf, zwei gezupfte Töne auf der Gitarre, dazu genau die Worte, die man immer im Kopf hatte, die aber auf dem Weg nach außen verloren gingen. Gedanken über Singlekrüstchen und die eigene Identität wird mit der Neon und den Followern bei Twitter abgeglichen. Ein ganz normales Leben also. Und dann kommen Herrenmagazin.

Keiner will so sein, doch alle sind so / Im Zweifel gut gemeint / Doch alle sind so

5. Dendemann – Papierkrieg

Dendemann erzählt von Rentern im Park, Schachspielen und Steuerberatern. Dazu sampelt er “Explosionen” von Tocotronic. Reicht.

Ein paar Eichhörnchen bilden einen Kreis um mich / Doch als sie anfangen an meinen Zetteln zu nagen / platzt mir aber so was von der speckige Kragen

6. HGicht – Künstlerschweine

HGicht, die Broken Social Scene Deutschlands. Statt Harmonie im Kollektiv Schranz an der Tanke. Die obligatorische Ballade jeder Band beschäftigt sich mit dem Phänomen Perfomancekunst. Mehr davon und weniger Flashmobs in Telekommunikationsreklamen. Die Szene, in der der Elfenpolizist aus “Tutenchamun” aus Lego ein Kunstwerk bastelt, verstört mich auch beim zehnten Anschauen noch.

Er kommt aus Kiel / und weiß nicht viel / doch genug um ihr zu imponieren

7. Wir sind Helden – Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt

Verstanden habe ich nicht, weshalb gerade diese Band so angefeindet wird. Oder weshalb ein so biederer Schlagerfuzzi wie Unheilig mit Kalendersprüchen Millionen von Platten verkauft, aber “Bring mich nach Hause” eher so am Rande lief. Weil “Meine Freundin war im Koma…”, das Lied mit dem eher krawalligen Titel, doch so deutlich zeigt, weshalb die Band zu den Guten gehört. Wer hier nur einmal atmet oder zwinkert, hat schon alles verpasst.

und hinten drauf steht kleingedruckt / dann noch World’s End

8. Gisbert zu Knyphausen – Seltsames Licht

Seltsamerweise ist dieses Lied meine erste Begegnung mit Gisbert zu Knyphausen. Bei Facebook zeigen ja alle zwei Tage Statusmeldungen an, wie sehr seine Texte und Gitarre doch geschätzt werden. Vielleicht 2011 für mich auch auf Albumlänge. Weil:

Und so wie es war, soll es nie wieder sein / So wie es ist, darf es nicht bleiben / Wie es dann wird, kann vielleicht / nur der bucklige Winter entscheiden

9 . Blur – Fools Day

Eine Menge Rückkehr gab es 2010. Wie in jedem Jahr. Über keine habe ich mich mehr gefreut als die von Blur. In der originalen Besetzung. Zu viert. Mit einem Lied, welches zu ihrem besten gehört. Schlicht und doch ergreifend, abgeklärt und punktgenau. Die Hoffnung ist, dass die Band dies genauso sieht und deshalb bald ein Album aufnimmt.

So meditate / On what we’ve all become / On a cold day in springtime

10. The Kays Lavelle – Aftermath

Knapp sechs Minuten, nach denen nichts mehr so ist, wie es war.

I am not scared

11 – 30

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Das Tier stirbt langsam! Trotzdem Hoffnung!

Juni 25, 2008

Herrenmagazin – Atzelgift

Da war mal ein Gefühl. Riesengroß und gewaltig, dass einem fast die Luft nahm. Eine eigene Welt, in der man selbst Mittelpunkt war. Ein Basslauf, zwei gezupfte Töne auf der Gitarre, dazu genau die Worte, die man immer im Kopf hatte, die aber auf dem Weg nach außen verloren gingen. Ein Gefühl. War mal. Leben kam dazwischen und dort ist kein Platz mehr dafür, denn auf xing haben nur die Eintragungen im Menüpunkt „Berufserfahrung“ Relevanz und die Inflation erreicht auch den Bäcker um die Ecke. Gedanken über Singlekrüstchen und die eigene Identität wird mit der Neon und den Followern bei Twitter abgeglichen. Ein ganz normales Leben also. Und dann kommen Herrenmagazin.

Dabei macht die Band erst mal alles falsch. Gibt sich einen unsympathischen Namen, benennt ihr Debüt kryptisch, aber wenig originell nach einem Ort, druckt aufs Cover das Bild von kaffeekränzchenabhaltenden Senioren, kommt irgendwie aus dem Intro / Kettcar / Hamburgumfeld, was die Vermutung nahe legen könnte: Klüngel statt Können. Dann aber: ein Basslauf, zwei gezupfte Töne, die Worte, die schon immer zu sagen waren: ein selbstgeschnitztes Leben / aus einem Block morschem Holz / es bricht bei jedem Schlag dagegen / ein Stück davon heraus.

„Der langsame Tod eines sehr großen Tieres“ heißt dieses Lied und klar: es geht um die Zeit. Und was in ihr verloren geht. Ideale zum Beispiele, Vorstellungen, Ziele. Kompromisse machen und am Ende den aufrechten Gang verlieren. Sich hinten anstellen, weil man für vorne doch zu langsam war. Trotzdem weitermachen müssen, ein ganzes Leben lang. Dieses sehr große Tier bin ich und bist du und deine zehn Topfreunde auch. Jeder von uns. Das ist Pathos und könnte in den Händen von BAP zum Beispiel oder Klee Musik werden, aus denen Lebensweisen tropfen, zu denen man nicht im Takt kotzen möchte. Herrenmagazin hingegen glaubt man. Die Attitüde, die keine ist. Die Pose, die ich von meinem Spiegel bin in den wenigen Momenten, in denen ich mir einen Blick auf mich selbst gestatte.

„Früher war ich meistens traurig“ singen sie und es klingt nicht so, als ob die Gegenwart besser wäre. Reflexion, Erkenntnis, Gewöhnung, das eigene Zentrum als deplaziert erkennen und dennoch keinen Zentimeter abdrücken können. Die eigene Untätigkeit verdammen, dabei gleichzeitig auf unendlich viele Vollidioten blicken, sich abgrenzen und sich gleichzeitig über diese Abgrenzung lustig machen. Das können nicht viele deutsche Bands mit Würde. Mit den richtigen Songs. Über Selbstmitleid zu singen, ohne den Beat vor der Tür vergessen. Irgendwann zwischendurch trotzig feststellen: gerade jetzt gefällt mir das Leben.

Da ist es wieder dieses Gefühl, atemnehmend, welterschaffend, vertraut und gleichzeitig wie das Echo aus einer Zeit, die eigentlich gar nicht mal so weit entfernt liegen kann. Was mir passiert ist / wird mir nie irgendjemand glauben singen Herrenmagazin in „Kein bisschen aufgeregt“. Doch. Es ist ja auch uns passiert.

Links

- Homepage
- myspace
- Video: Der langsame Tod eines sehr großen Tieres

Top 10. (I)

Januar 1, 2008

Listen. Kurz. 2007.


1. Tocotronic – Kapitulation

Mein Moment des Jahres: Dirk von Lowtzow beobachtet sich selbst entgeistert beim Singen von „Kapitulation“. So irritierend, so surreal. Wie auch dieses Lied. Ein Ode an die vollkommene Niederlage, inklusive Füchsen, Ich habe versucht, “Kapitualtion” auf der Gitarre nachzuspielen. Drei Akkorde, die gebräuchlichsten. Kapitulation. Der Zauber liegt woanders.


2. Tocotronic – Explosion

Noch einmal die Band. Wenn es einen Preis für den konsequentesten letzten Song eines Konzeptalbums gäbe, dann würde hiermit „Explosion“ Pulps „The Day After The Revolution“ vom Thron stoßen. Wieder drei Akkorde, in einer Reihenfolge gespielt, die jede Band mindestens einmal pro Album spielt und dennoch soviel mehr. Was nach dem Nichts kommt, diese Frage beantwortet „Explosion“ nicht.


3. Herrenmagazin – Der langsame Tod eines sehr großen Tieres

Und auf ein Drittes eine deutschsprachige Band, wieder aus Hamburg. Vielleicht ihr erstes Lied überhaupt. Allein schon der Titel. Im Song stirbt das Tier und mit ihm Ideale. Traurig, traurig. Trotzdem muss davon gesungen werden. Seit den letzten drei Liedern auf „Du weißt was ich meine“ hat mich nichts mehr so direkt angesprochen. Und wie gesagt: “Der langsame Tod eines sehr großen Tieres” war erst der Anfang.


4. M.I.A. – Paper Planes

Wo mir vor zwei Jahren M.I.A.s Debüt ein bisschen die Füße unter dem Boden wegzog, stellt sich diesmal leichte Ernüchterung ein. Was war noch mal das Besondere an ihr??? Glücklicherweise bleibt „Paper Planes“. MTV ist ja sauer, dass nach dem Kinderchor das Nachladen von Gewehren gesampelt wurde. Anderseits: Wer war gleich noch mal MTV?

5. Shout Out Louds – Impossible
Bittersüß schrieb ich einst vom famosen Shout Out Louds-Album und vergaß nicht wie alle The Cure zu erwähnen. Damals klopfte der Sommer ja ungeduldig an die Tür. Jetzt muss ich die Heizung zweimal am Tag entlüften und über der Stadt liegt der Geruch von billigem Glühwein. Wenn ich „Impossible“ höre, ist das alles nicht mehr ganz so schlimm.

6. Rihanna – Don’t Stop The Music
Jedes Jahr wieder: das Lied, das sich wo überhaupt nicht mit meinem musikalischen Geschmack vereinbaren lassen sollte. Und dann doch dauerrotiert. Die Damen Beyonce, Aguilera und Stefani kennen das ganz gut. Diesmal das Kunstprodukt Rihanna mit ihrem überproduzierten Zweithit, der mich zur ersten Floskel in diesem Blog verleitet: Hier ist der Titel Programm.

7. Die Fantastischen Vier – Einfach sein
Weiter gehts mit „Möglicherweise uncool“, weil die Prinzen dieses Lied im Günter-Jauch-Jahresrückblick A-Cappella gesungen haben. Anderseits: Was schert mich das schon. Allein für die Zeile „Harrison Ford oder Xavier Naidoo sind wir leider nicht“ gibt es die volle Punktzahl, für das alberne „Und sie kommt mit auf die Bude / Und sieht top aus / Und ich sag „Ich bin der Smudo, / Zieh dein Top aus“ sowieso. Hat übrigens die gleiche Akkordfolge wie „Explosion“

8. Marilyn Manson – Heart Shaped Glasses

Alles darüber in den anderen Top Ten. Nur soviel: Die Begeisterung dafür erschöpft sich nicht in der Stanley-Kubrick-Sonnenbrille.

9. Björk & Antony Hegarty – Dull Flames of Desire

Zum “Volta”-Album gibt es einen eigenen wikipedia-Eintrag. Dort schreiben Autoren von einer „elektronischen Schamanin“ und den „satten Bläsern“. Kann man so stehen lassen. Auch wenn dies nur einen Bruchteil meiner Faszination für dieses siebenminütige Epos wiedergibt.


10. Emily Haines – Our Hell

Wann habe ich “Our hell” zum ersten Mal gehört? Vor einer Woche. Und wo könnte es stehen, wenn es schon Januar gewesen wäre?

Auch wichtig

The Klaxons – Not Over Yet
Copper Temple Clause – House of Cards
Naked Lunch – In The End
Amy Winehouse – Rehab
Fehlfarben – Politdisko
Hugh Grant – Pop Goes My Heart
UNKLE – Burn My Shadow
The National – Fake Empire
Turbostaat – Harm Rochel
Justice – D.A.N.C.E.
Kilians – Enforce Yourself
Die Ärzte – Junge
Tunng – Pioneers
The Cloud Room – Hey Now Now
Radiohead – Videotape
Bat for Lashes – What’s a Girl to Do


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