Selbstverständlich ist es vollkommener Unsinn, eine solche Liste zu erstellen. Warum 75 Plätze und nicht 101 oder 23? Sollte HGicht tatsächlich vor “The Aftermath” oder “Sometimes Things Get Broken” platziert sein? Kann man “Knut” und “NY is killing me” tatsächlich objektiv miteinander vergleichen? Ist es gerechtfertigt, die ersten acht Plätze für deutschsprachrige Titel zu reservieren? Letztenendes ist das egal. Weil das Erstellen dieser Liste eine meditative Funktion erfüllt hat. Beim Beschäftigen mit der Musik in diesem Jahr ist mir noch einmal klar geworden, wieviel ausgezeichnete Musik es in diesem Jahr gegeben hat. Wie sehr mir die Lieder der ersten dreißig (plus x) Plätze in den vergangenen 365 Tagen ans Herzen gewachsen sind. Und die Sicherheit zu wissen, dass mich diese Texte und diese Melodien noch begleiten werden. Deshalb diese Liste. Die Zahlen davor kann man sich ja wegdenken.
1. Tocotronic – Im Zweifel für den Zweifel
Im Zweifel für die Zwischenstufen. Für das Zaudern. Für die äußerste Zerbrechlichkeit. Mehr Mut machen kann kein Text.
Im Zweifel fürs Erzittern beim Anblick der Chimären
2. Turbostaat – Pennen bei Glufke
Manchmal genügt der erste Klang (in diesem Fall geschlagene leere Gitarrensaiten) und man weiß: man gehört zusammen. Glufke vs. den Mob, gegen die diffuse Bedrohung, gegen sovieles, was nicht richtig läuft. Wobei richtig natürlich immer noch von einem selbst definiert wird. Fünf Akkorde, die alles haben, was wichtig ist.
Aufgelöst In der ganzen Welt / Und Angst vor dem Fremden / Wie soll denn sowas gehen?
3. Spaceman Spiff – Egal
Prinzipiell könnte man den ganzen Text mit Zitaten von Spaceman Spiff füllen und wenn die Welt diesen Text dann lesen würde, wäre die Welt besser, schlauer und ehrlicher. Gesungen allerdings, mit Zweifeln und Glockenspielmoll in der Stimme, wird der schwer zu beschreibende Zustand, der das eigene Leben sein könnte, plötzlich in drei oder fünf Minuten auf einen Punkt gebracht, der Umfang und Gewicht mehrerer Sonnensysteme hat.
Komm, nimm Deine Tanzschuhe mit / wir verschwinden in Musik
4. Herrenmagazin – Alle sind so
Quasi der exakt identische Effekt wie beim Vorgängeralbum “Atzelgift” und “Der langsame Tod eines sehr großen Tieres”: Da war mal ein Gefühl. Riesengroß und gewaltig, so dass es einem fast die Luft nahm. Eine eigene Welt, in der man selbst Mittelpunkt war. Ein Basslauf, zwei gezupfte Töne auf der Gitarre, dazu genau die Worte, die man immer im Kopf hatte, die aber auf dem Weg nach außen verloren gingen. Gedanken über Singlekrüstchen und die eigene Identität wird mit der Neon und den Followern bei Twitter abgeglichen. Ein ganz normales Leben also. Und dann kommen Herrenmagazin.
Keiner will so sein, doch alle sind so / Im Zweifel gut gemeint / Doch alle sind so
5. Dendemann – Papierkrieg
Dendemann erzählt von Rentern im Park, Schachspielen und Steuerberatern. Dazu sampelt er “Explosionen” von Tocotronic. Reicht.
Ein paar Eichhörnchen bilden einen Kreis um mich / Doch als sie anfangen an meinen Zetteln zu nagen / platzt mir aber so was von der speckige Kragen
6. HGicht – Künstlerschweine
HGicht, die Broken Social Scene Deutschlands. Statt Harmonie im Kollektiv Schranz an der Tanke. Die obligatorische Ballade jeder Band beschäftigt sich mit dem Phänomen Perfomancekunst. Mehr davon und weniger Flashmobs in Telekommunikationsreklamen. Die Szene, in der der Elfenpolizist aus “Tutenchamun” aus Lego ein Kunstwerk bastelt, verstört mich auch beim zehnten Anschauen noch.
Er kommt aus Kiel / und weiß nicht viel / doch genug um ihr zu imponieren
7. Wir sind Helden – Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt
Verstanden habe ich nicht, weshalb gerade diese Band so angefeindet wird. Oder weshalb ein so biederer Schlagerfuzzi wie Unheilig mit Kalendersprüchen Millionen von Platten verkauft, aber “Bring mich nach Hause” eher so am Rande lief. Weil “Meine Freundin war im Koma…”, das Lied mit dem eher krawalligen Titel, doch so deutlich zeigt, weshalb die Band zu den Guten gehört. Wer hier nur einmal atmet oder zwinkert, hat schon alles verpasst.
und hinten drauf steht kleingedruckt / dann noch World’s End
8. Gisbert zu Knyphausen – Seltsames Licht
Seltsamerweise ist dieses Lied meine erste Begegnung mit Gisbert zu Knyphausen. Bei Facebook zeigen ja alle zwei Tage Statusmeldungen an, wie sehr seine Texte und Gitarre doch geschätzt werden. Vielleicht 2011 für mich auch auf Albumlänge. Weil:
Und so wie es war, soll es nie wieder sein / So wie es ist, darf es nicht bleiben / Wie es dann wird, kann vielleicht / nur der bucklige Winter entscheiden
9 . Blur – Fools Day
Eine Menge Rückkehr gab es 2010. Wie in jedem Jahr. Über keine habe ich mich mehr gefreut als die von Blur. In der originalen Besetzung. Zu viert. Mit einem Lied, welches zu ihrem besten gehört. Schlicht und doch ergreifend, abgeklärt und punktgenau. Die Hoffnung ist, dass die Band dies genauso sieht und deshalb bald ein Album aufnimmt.
So meditate / On what we’ve all become / On a cold day in springtime
10. The Kays Lavelle – Aftermath
Knapp sechs Minuten, nach denen nichts mehr so ist, wie es war.
I am not scared
11 – 30


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