Posted tagged ‘Konzert’

In den Pausen. Emiliana Torrini.

Juli 26, 2009

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Es sind diese Pausen zwischen den Liedern. Dann wechselt die Band ihre Instrumente, stimmt neue Tonlagen, schraubt Kapodaster auf Gitarrenläufe. Und obwohl sie schnell ist und keine Sekunde ungenutzt verstreichen läßt, entstehen diese Pausen. Und Emilíana Torrini steht zwischen den Musikern, nah am Mikrophon und schaut zu ihnen, schaut zum Publikum, überlegt, zögert und setzt dann doch an, etwas zu sagen. Sie sagt es in Deutsch. Es kein Künstlerdeutsch, das “Isch liebe dir” bewusst ungelenk ausspricht, um damit um Sympathien zu buhlen. Sie spricht in kompletten Sätzen, längere Sätze als normalerweise in VIVA Live! gesprochen werden. Sie sagt etwas wie “Eine Frau hat meinen Körper übernommen und mich gezwungen dieses Lied zu schreiben. Bodysnatchers”. Und macht den Schrei von Donald Sutherland am Ende von “Die Körperfresser kommen”. Schaut zur Band, die immer noch stimmt. Schaut ins Publikum, zögert, überlegt und formt schließlich die rechte Hand zum Pommesgabelgruß und sagt “Sie hätte mich auch zwingen können, Death Metal zu schreiben.” Und da endlich setzt der Basslauf von Me and Armani ein.

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Gitarren wie Ausrufezeichen

Mai 22, 2008

Scraps of Tape | Leipzig, Cafe Panam | 20. Mai 2008

Bevor das beste Konzert, was diese Band je gespielt hat, beginnt, läuft “Narrow Stairs”. “Von Death Cab for Cutie”. Im Café „Panam“ in Leipzig. Das ist eine Art altes 20-Jahre-Cabaret mit vielen verwunschenen Ecken, verschlissenen Lichtern, einem riesigen Schaufenster hinter der Bühne und einer Bühne, die gefühlte zehn Quadratzentimeter groß ist. Vor der Bühne noch mal zehn Quadratzentimeter Platz für die Zuhörer in der ersten Reihe. Nach der ersten Reihe eine Treppe und dahinter beginnt der eigentliche Zuhörerraum. Es macht Spaß, das Cafe an diesem warmen Spätfrühlingsabend zu erkunden, manche Gäste lösen vorsorglich schon vor dem Konzert Scraps of Tape-Plakate von der Wand.

Narrow Stairs läuft einmal durch, dann spielen Iona aus Leipzig. Postrockprogessiveambientlautleise natürlich, mit all den Sachen, die man im gerne im Genre gut findet. Am besten dann, wenn sie laut und energisch spielen. In der Umbaupause wird “Narrow Stairs” auf Anfang gefahren und startet von vorn. Im Vorhof trinken Musikerfreunde, DLL-Studenten und Zugereiste Bier, drinnen quetschen sich vier Schweden in die Ecke auf die Bühne. Vom ersten Ton an wird klar: Ungerechter hat das Schicksal einer Band noch nie mitgespielt. Mindestens fünf von sechs Milliarden Menschen sollten diese Wahnsinnigen kennen. Wie selbstsicher sie ihre Gitarren wie Ausrufezeichen in die Luft recken. Wie schüchtern und gleichzeitig so überschwänglich ihre Ansagen auch ohne Verstärkung im Cafe ankommen. Wie souverän sie innerhalb von Sekunden Stimmung, Tonart und Rhythmus wechseln. Das ist so, als hätten sie aus dem Postrock der letzten Jahre all die langweilen weil langwierigen Stellen entfernt und nur das Gute mitgenommen und daraus eine Reise ins Herz der Finsternis gestartet. Wer jemals Since all the birds are moving, shouldn’t we gehört hat, weiß wovon die Rede ist.

Es passiert einiges innerhalb der nächsten Stunde. Papiertaschentücher wechseln den Besitzer. Jemand wird im ruhigen Teil eines Liedes auf dem Handy angerufen, geht in die Knie, um zu antworten, während Scraps of Tape genau in diesem Moment zum lautesten aller Gitarrenriffs ansetzen. Sänger und Schlagzeuger wechseln mehrmals die Position, es fällt schwer zu sagen, wer wo unglaublicher spielt. Eine Ansage über den am Tag zuvor stattgefunden Auftritt in Belgien — acht Gäste in einer 500er Halle. Heute 500 Gäste auf den bekannten zehn Quadratzentimetern. In jeder Sekunde ist zu merken, wie unerwartet die Begeisterungsbekundungen für die Schweden sind.

Sie spielen einige neue Lieder. Die sind hauptsächlich sehr eindringlich, das dazugehörige Album soll im August aufgenommen werden, es kann nur bestätigen, was alle an diesem Abend fühlen: Scraps of Tape sind nicht irgendwas, schon gar nicht noch eine LautLeise, Postband, sie sind Gegenwart und Zukunft. Selbst wenn man alle Gitarreneffektgeräte der Welt gleichzeitig treten würde, käme man ihrem Geheimnis keinen Schritt näher.

Nach dem Konzert sind kaum Fotos gemacht, dafür unzählige wertvolle Augenblicke im Langzeitgedächtnis gespeichert. Ein schüchterner, immer noch überwältigter Johan Gustavsson (mit Bart! mit Empathie!) signiert die (in Großbuchstaben: DIE) CD und sagt, die letzten sechzig Minuten wären das beste Konzert gewesen, das sie jemals gespielt hätten. Es klingt wie ein Versprechen, dessen Einlösung möglicherweise das richtungsweisende Großereignis in diesem Jahr sein wird.

Scraps of Tape

Nikotin statt Sauerstoff.

April 26, 2008

Tocotronic im Kassablanca, Jena, am 23. April 2008.

Das ist möglicherweise ein letztes Konzert im Zigarettenqualm. In Thüringen werden die Nichtrauchergesetze erst ab Sommer greifen. Bis dahin riecht es in den Veranstaltungsorten anstatt nach Schweiß nach Nikotin. Veranstaltungsort ist das Kassablanca in Jena. Später wird Dirk von Lowtzow behaupten: „ganz ohne Schleimerei, Jena ist eine der schönsten Städte“, worauf ihm aus der Zuschauermitte minutenlang „Jena, Jena“-Sprechchöre entgegenschallen und er dann barmend die Hände über den Kopf zusammenschlägt und ruft: „Bitte keinen blinden Regionaleifer“. Denn nichts läge Tocotronic ferner als Eifer. Sie sind der Gegenentwurf zu Thomas Stein. Nicht weil dieser Majorplattenfirmenpromotor war und regelmäßig in Castingshowjurys oder auf der Couch bei Oliver Geißen sitzt, sondern weil Stein ein typischer Vertreter der Leistungsgesellschaft (Lieblingswörter: Globalisierung, flexibel, amerikanische Verhältnisse) ist. Tocotronic sind gegen Leistung, gegen Gesellschaft sowieso.

Im Prinzip lässt sich die Dynamik des Konzerts am Beamer festmachen: Je mehr Bewegung auf der Projektion über der Bühne, desto mehr Möglichkeit für die Besucher sich zu bewegen. Beginnt eher stürmisch mit „Mein Ruin“, verebbt bis zum grandiosen „Aber hier leben, nein danke“ und verkommt in der Mitte des Abends zu einem erstaunlich ruhigen Konzert. Vor allem die Stücke von “Pure Vernunft darf niemals siegen” mäandern durch Jena, Refrain reiht sich an Refrain, gegen den „Stri hi hi hi ich“ wird mit geschlossenen Augen und bebenden Lippen kaum hörbar mitgesungen, während Finger geschickt Tabak in Zigarettenblättchen rollen. Die Rollen auf der Bühne sind klar verteilt: Nach jedem Stück verbeugen sich die Urtocotronicmitglieder galant, ein Zeichen ausgesuchter Höflichkeit wenn ihre Hände dabei den Bühnenboden berühren. Rick McPhail hingegen schraubt währenddessen an seinen Gitarren. Dirk von Lowtzows Ansagen stolpern knietief im Pathos, Arne Zank verschwindet hinter seinem Instrument und Jan Müller ist eben Jan Müller und deutet manchmal an, den Bass in den Luft zu werfen. Macht er dann aber doch nicht, sondern schickt ein zufriedenes Lächeln hinab zu seinen Bewunderern.

Aufgebrochen wird bei „Sag alles ab“. Der Beamer bebt, der Titel, in Kreideschrift auf die Bühne geworfen, zittert. Fast schon erschrocken wälzen sich Crowdsurfer über ausgestreckte Hände. Die Security, die bis dahin teilnahmslos am Bühnenrand hockte, ist plötzlich hellwach und wieselt zwischen den Beinen der Band umher, damit nicht urtümlich ein Jenaer vor den Füßen von Jan Müller landet. So kann es auch gehen. „Explosionen“ schließlich, der letzte Titel vor den Zugaben wächst fünf Minuten lang und sackt dann in sich zusammen. Danach kann nichts mehr kommen. Nur der obligatorische AlteStückeBlock. Alles Bekannte und gut wären dort auch „Die Sache mit der Teamdreschplatte“ oder „Auf den Hund gekommen“ aufgehoben. Stattdessen kein „Freiburg“, vielleicht das erste Konzert überhaupt ohne. Der Vorhang senkt sich nach „Ich habe Stimmen gehört“. Buchstäblich. Die Projektionen verschwinden, ein altes Seemannslied entlässt die Zuschauer, sie greifen nach ihren Zigaretten, die sie auf Vorrat gedreht haben und Nikotin vermischt sich mit Sauerstoff.


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