Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”
Es ist Frühling. Du bist in Erfurt, im Peckham’s, du trinkst einen Erdbeersaft und hörst einer Lesung zu. Ich sitze vor dir und lese aus meinem neuen Buch. Es heißt „Der Schlaf und das Flüstern.“ Angenommen, du würdest genau jetzt einen Moment lang die Augen schließen. Wenn du sie wieder öffnest, wäre noch immer Frühling, du wärst weiterhin im Peckham’s in Erfurt und ich würde für dich aus meinem Buch lesen. Aber ein Jahr wäre vergangen und deshalb hieße dieses Buch nun „Ausschau halten nach Tigern.“
Was hätte sich ansonsten in diesem Jahr geändert? Es sind nun andere Parteien, die sich besonders stark für den Atomausstieg machen. Nicht mehr Bayern München ist die erfolgreichste deutsche Mannschaft in einem europäischen Fußballwettbewerb. Und zwar würde selbstverständlich Thomas Gottschalk „Wetten, dass …?“ moderieren, aber eben nur zweimal noch. Ein Jahr, im Normalfall 365 Tage und jeder hätte seinen Teil dazu beigetragen, dass sich Gewissheiten aufgelöst haben, Horizonte verschoben und dir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde und das, worauf du heute stehst, im Grunde genommen Treibsand ist, der dich beim nächsten Schritt schon in die Tiefe ziehen könnte. Das also ist die Gegenwart und alles, was du gegen sie in der Hand hast, ist ein verwirrendes Spiel mit der Zeit.















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