Posted tagged ‘Portishead’

Musik 2008. Die Großen.

Dezember 23, 2008

m2008

1. Portishead – Third

Manchmal genügt ein Ton. Zum Beispiel der erste Schlag von „Machine Gun“. (siehe auch hier) Von da an abwärts zur Apokalypse. Geschrieben habe ich: „ein fremdes Stück Musik, weit entfernt von vertrauten Konstellationen. In seiner Zerrissenheit gegen jegliche Erwartungshaltung gerichtet. Kalt und erloschen, unnahbar und geschunden und vor allem: unbarmherzig gegen sich und den Hörer. Eine Herausforderung, mehr noch: eine Prüfung.“ Mittlerweile sind etliche Monate vergangen und noch immer sind es kalte Schauer, die es über meinen Rücken treibt. Kalte Schauer beim nervösen „We Carry On“, eiskalte Schauer vom verlorenen „The Rip“, selbst das maschinenlose „Deep Water“ wirkt wie das Gegenteil von dem was ist. Mehr als hier kann keine Band leisten. –> heim

2. Audrey – The Fierce and the Longing

Es war Mai, auf dem besten Konzert des Jahres, es war in Leipzig, im Cafe PanAm, als der bärtige Sänger von Scraps of Tape meinte: “Audrey.“ Und später dann im Biergarten: „Freunde von uns. Wahnsinnsband.“ Naja, schon klar. Wie auch immer. Zwei Monate später wieder „Scraps of Tape“, auf einem Open Air. Um etwa 23:00 spielten dort Audrey und etwa fünf Minuten später war klar, dass diese Band mich den Rest des Jahres begleiten würde. In Form ihrer bisher erschienen Alben, die deshalb gerechterweise beide in dieser Liste vertreten sein müssten. Dabei ist es nicht mal so, dass ich andere von Audrey überzeugen könnte, jedenfalls nicht mit Argumenten. Es ist nur einfach so: „The Fierce and the Longing“ (+ “Visible Forms”) haben eine Saite in mir zum Schwingen gebracht. Mag pathetisch klingen. Ist aber so. –> heim


3. These New Puritans – Beat Pyramid

Einmal im Jahr untypisch. Eine Rhythmuspyramide, die klingt wie Mike Skinner mit weniger Text und mehr Abwechslung. Manchmal rutscht man eben in ein Genre hinein ohne es zu wollen und ist dann dabei, Schlagwörter wie „China, India, my Future“ an weiße Häuserwände zu sprühen. Ein wildes Stück scheinbar sinnentleerter Musik, wesentlich substanzieller als jede Mediengestalterparty in alten Gaswerken und mit mehr Drums. Und Bass. Außerdem 16 Hits, die manchmal nur vier Sekunden dauern, darunter „MKK3“ oder „Elvis“, „Infinity Ytinifni“ sowieso. –> heim

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Musik 2008. Die Kleinen.

Dezember 22, 2008

1. Portishead – Machine Gun

Ein Lied wie das Ende der Welt. Nur dramatischer. Reduziert auf den titelgebenden Beat, der den Gefrierpunkt neu definiert. Gefangen in den unnachgiebigsten fünf Minuten deines Lebens. Bis zuletzt für etwa 30 Sekunden so etwas wie Erlösung einsetzt. Möglicherweise. Terminatorstyle.

2. Vicky Pollard – Tender Demand

Eine Band, die sich nach einer Figur aus Little Britain benennt, macht erstmal grundsätzlich nichts falsch. Ein Album kommt erst im nächsten Jahr, bisher existieren wohl drei Songs. Einer davon ist „Tender Demand“. Eine Stimme wie zu besten Sleater-Kinney-Zeiten, die richtige Balance aus Aggression und Bedauern und ein Refrain wie ein Faustschlag. Kein Video, nur eine Myspaceseite. 2009 dann auch in anderen Jahrespolls weit oben. myspace

3. Black Kids – I’m Not Gonna Teach Your Boyfriend How To Dance With You

Die schwarzen Jugendlichen mit dem Lied des Jahres was positive Energie angeht auch für Leute, die das sonst als Beleidigung ihrer Lebensweise empfinden. Dazu, ich schreibe es mal so, ein cheesy Keyboard, eine Strophe, dreimal wiederholt, DanceDanceDance. Das Lied, das „I Kissed A Girl“ gern gewesen wäre. Oder auch das Lied, dass jede andere Band einmal im Leben schreiben sollte. Video. Und.

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Das musikalische Äquivalent zu Antimaterie.

April 23, 2008

Portishead – Third

Die letzte Szene aus dem ersten, dem einzig wirklich relevanten Terminatorfilm: Sarah Connor fährt in eine Zukunft, von der sie genau weiß, dass sie von Maschinen beherrscht sein wird. Bleigrau wölbt sich der Himmel über einer endlosen Wüste, eisig fegt der Wind durch ein dem Untergang geweihten Land. Es wäre billig zu behaupten, “Third” wäre der Soundtrack zu einer apokalyptischen Endzeitvision. Denn “Third” ist soviel mehr: vertraut und gleichzeitig zukünftig, passgenau für die Gegenwart und klingt dabei wie nichts anderes in dieser Zeit. Ein fremdes Stück Musik, weit entfernt von vertrauten Konstellationen. In seiner Zerrissenheit gegen jegliche Erwartungshaltung gerichtet. Kalt und erloschen, unnahbar und geschunden und vor allem; unbarmherzig gegen sich und den Hörer. Eine Herausforderung, mehr noch eine Prüfung.

“Dummy”, das war 1994. Die Bedeutung des Debüts ist nicht zu überschätzen. Die beiden Nachfolger, kurz darauf erschienen. Anfang der 00er Jahre eine komplett maschinenfreie Beth Gibbons auf “Out Of Season”. Ansonsten Schweigen aus Bristol. Dass “Third (Alternativtitel: “Alien”") überhaupt existiert, ist unwahrscheinlich genug. An jedem Snaredrumschlag müssen Geoff Barrow und Adrien Utley jahrelang gefeilt haben, viele tausend Tage haben sie die Gitarren bis zur Unendlichkeit verstümmelt. Und dennoch sind es die Auslassungen, die Third so erschreckend machen. Die sparsam eingesetzte Instrumentierung schafft Luft, die ein Ertrinkender braucht, wenn er für Sekundenbruchteile durch die Wasseroberfläche bricht. Darunter ist alles Eis. Kopfkino könnte das sein, wenn der Hörer die fehlenden Töne in eigener Anstrengung vervollständigt. Der rote Faden ist die geschundene Stimme Beth Gibbons. Über die ist viel geschrieben wurden, alles davon stimmt. Hier macht sie längst gemeinsame Sache mit den Maschinen.

Selbst wenn für 1:39 nur eine Ukele zu hören ist, wirkt dies nicht befreiend, sondern nimmt das schmerzhafte Ende vorweg. In diesem Fall: “Machine Gun”. Selten war ein Titel passender zu derart verstörender Musik. Minimale Beats, schwer und mitleidslos, minutenlang nur diese Beats, darüber „There is no other place“. Am Ende dann eine erlösende Fanfare, ein Signal, welches noch heimatloser klingt, noch verlorener. Das ist nicht weniger als DER Moment des Jahres, auch wenn er nur gefühlte zehn Sekunden währt. Glücklicherweise beliebig oft wiederholbar, ohne dabei an Intensität zu verlieren. Die Nervosität von “Nylon”, das Flirren in “Plastic”. Die Gereiztheit im hektisch vorwärts stürmenden “Carry On”. Vergleichbares wird es in diesem Jahr nicht geben. Das ist die Zukunft. Und sie ist schon da.

——

“Third” hören.


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