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Jahresliste: Alben 2010. Superlative im Zehnerpack.

Dezember 23, 2010

1. Tocotronic – Schall & Wahn

Mittlerweile könnte ich fünfzig oder viel mehr Begebenheiten zu dieser Band erzählen. Mit “Schall & Wahn” kommt mindestens eine neue hinzu. Weil: hier ist alles Irritation. Das Blumenstrausscover. Die verschachtelten Texte. Die Ausbrüche aus dem Uneindeutigen. Das Ausschweifen der Musik. Und selbst das obligatorische Lied, bei dem sich mir die Fußnägel aufrollen, ist dabei: “Die Folter endet nie.” Ansonsten viele musikalische Ebenen. Ein langer Weg von “Ich bitte dich” bis zu “Gift.” So gut wie keinen Schritt davon möchte ich missen. Auch weil “Im Zweifel für den Zweifel” möglicherweise alles zusammenfasst, für was die Band stand und steht. Fürs Zerreißen der eigenen Uniform. Unter anderem.

2. Turbostaat – Das Island Manøver

Das ø gibt die Richtung vor. Denn dieser kryptischer Postpunk geht glücklichweise keine Kompromisse ein. Eine Einheit von Text und Musik, die ebenso rätselhaft wie rätselhaft ist. Wer behaupten kann, jede Zeile verstanden zu haben, muss lügen. Dabei wird Entschlüsseln allgemein überwertet. Wichtig ist doch, was das Rätsel mit einem macht. In meinem Fall: das Beste. Sowie: Assoziationen, die mittlerweile Welten erschaffen haben. Großer Pluspunkt im Wunderwerk sind die präzisen Gitarren. Und wird auch im nächsten Jahr eine Rolle spielen. Hand in Hand mit Tigern.

3. Spaceman Spiff – Bodenangst

Jedenfalls wäre es absurd, schon zum dritten Mal eine unreflektierte Lobeshymne an den Peter Pan der Melancholie zu schreiben. Denn im Prinzip ist das Entscheidende längst gesagt: “Spaceman Spiff singt Texte, die in jedem Wort mehr Herz und Hirn haben als das Gesamtwerk von … . Und an dieser Stelle kann man ganz objektiv 97 Prozent aller deutschsprachigen Musik einsetzen und bei Bedarf sowie in Zuständen der Melancholie noch ein oder zwei Prozente addieren.” Daran hat sich ein halbes Jahr und zwei Konzerte später nichts geändert. Man wünscht ihm die Weltherrschaft.

4. Stars – The Five Ghosts

Stars. Bisher außer “Elevator Love Letter” ein weiteres kanadisches Superkollektiv, welches in jeder Menge Harmonie schwelgt. Dann aber “The Five Ghosts.” In dieser Rubrik rufe ich ja gern mit zweifelhafter Selbstverständlichkeit das Popalbum des Jahres aus, ohne dabei zu begründen, was unter Pop zu verstehen ist. Eine Erklärung zur Definition wird 2010 überflüssig. Man muss nur diese elf fabelhaften Stücke hören. Einen Favoriten zu nennen fällt schwer. Weil doch hier alles am perfekten Platz ist. Wohlklang und Melodie in Vollkommenheit.


5. Danger Mouse & Sparklehorse – Dark Night of the Soul

Mark Linkous wird fehlen. Dies ist das traurige Fazit dieses schon 2009 erschienenen Tributs. Das andere: die meisten Gastsänger waren selten besser als hier: Julian Casablancas, Nina Persson, Jason Lytle, Gruff Rhys … die Liste ließe sich fortsetzen. Ein Best-of, eine Greatest-Hits-Kompilation, die auf den Punkt die Stärken jedes Beteiligten ausspielt. Und deshalb umso schmerzhafter anzuhören. Weil doch klar ist: so wird es nie wieder sein.

6. These New Puritans – Hidden

Meiner Deluxe-Ausgabe lag ein gebundenes Notenbuch bei: “Hidden” für alle Interessierten zum Nachspielen. Selbstverständlich ein vergebenes Unterfangen. Denn Musik ist soviel mehr als nur Noten zu spielen. Gerade bei dieser ersten bedeutenden Sinfonie der Dekade. Hier werden Grenzen gesprengt und zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt, zu dem man wahlweise tanzen oder Dissertationen verfassen kann.

7. Olafur Arnalds – And They Have Escaped the Weight of Darkness

Dagegen eine Frohnatur: Eyjafjallajökull.

8. Warpaint – The Fool

Da war ich erstaunt, für wieviel Aufsehen “The Fool” gesorgt hat. Weil: beim ersten Höreindruck scheint die Musik unspektakulär. Verspielt um die Ecke gedacht, ohne klare Strukturen, ein Sog gewissermaßen. Deshalb ja auch “Undertow.” Und wie das bei einem Sog so ist: irgendwann hat er einen. Lässt er nicht mehr so schnell los. Trotz des Verzichts auf die Postrockelemente. Willkommen in der Vergangenheit.

9. Die Sterne – 24/7

Eine Menge ist passiert, seitdem ich das erste Mal dachte: “Naja. Disko. Und wo sind die Texte?” Denn Slogans funktionieren auch. Ausgezeichnet. Und das ist der Verdienst einer Band, die seit so vielen Jahren für so viele Worte und Melodien sorgt, die längst ihren Weg in den Alltag gefunden haben. Deine Pläne stehen? Du solltest meine sehen.

10. Dendemann – Vom Vintage verweht

Sprechgesang. Nicht unbedingt das Genre, zu dem ich gern etwas zu sagen habe. Das war in diesem Jahr etwas anders. M.I.A., Kanye West, Kid CuDi und eben Dendemann. Von Vorteil natürlich, dass er diesmal auf Gitarren setzt. Und viel mehr noch auf Wortspiele. Die sind natürlich albern. In etwa ein Prozent der Fälle. Der ganze Rest ist eine einzige Freude. Hintergründig, auf der Höhe der Zeit und niemals altklug. Was er hier in vier Minuten verbrät, dafür würden neunundneunzig Prozent der Stand-Up-Comedians und auch viele andere, die beruflich mit Sprache zu tun haben, ihr letztes Hemd geben.

Ebenso wichtig:

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Warpaint. Seeing little lights.

Oktober 19, 2010

Warpaint. Oder wie es letztens noch in meiner Jahresliste 2009 hieß: “…das Meisterstück, so zart das Licht, dass selbst Motten darin nicht verbrennen.” Kaum sind zehn Monate vergangen, erscheint ihr neues bzw. erstes Album “The Fool.” Das wird zu recht gefeiert, ist weniger ungestüm und sucht dafür die Stärken in den grazilen Momenten. Beispielhaft dafür steht “Undertow” mit dem entsprechenden vorher/danach Video. Durchhören kann sollte man “The Fool” unter folgendem Link, den ich gern als Widget hier eingebaut hätte, aber … naja. Ein Klick und der Herbst ist da. Golden natürlich.

http://roughtraderecords.com/widgets/warpaint/warpaint.swf

(via nicorola)

Jahreslisten: Alben 2009. Superlative im Zehnerpack.

Dezember 23, 2009

1. We were promised Jetpacks – These Four Walls

Es wäre unverantwortlich, dieses Album, das alles richtig macht, dieses Album, welches ich so oft wie kein anderes in diesem Jahr gehört habe, nicht den Spitzenplatz zu geben. Denn was hier passiert, hatte ich in einem ersten Überschwang der Gefühle nur unzureichend und viel zu unpathetisch mit

Wo jeder Ton dazu anregt, Städte abzufackeln, die Fäuste in die Luft zu recken und sich dann aber doch lieber überwältigt von all den perfekt aufeinander abgestimmten Klängen in die Boxen fallen lässt

beschrieben. Dass die erste Single”Quiet Little Vocies” all das zusammenfasst, was ich am Genre die letzte Dekade habe lieben gelernt. Wie überhaupt das gesamte Album ein Ausrufezeichen ist für die Musik, die irgendwie mit “Is This It” begann und mit “Silent Alarm” vermutlich im Zenit stand. Wie oft ich bei “This Is My House, This Is My Home” auf repeat drückte. Wie überraschend sich “An Almighty Trud” ins Gesamtkonzept ausnimmt und dennoch genau an die finale Stelle gehört. Und wie sehr ich alle beneide, die diese Band in diesem Jahr live sahen.

1. The XX – The XX

Es wäre unverantwortlich, dieses Album, das alles richtig macht, dieses Album, welches ich so oft wie kein anderes in diesem Jahr gehört habe, nicht den Spitzenplatz zu geben. Und nachreichen muss ich den Text, wie großartig diese Band und ihre Musik ist. War es anfangs die Reduktion auf das Lebensnotwendige bei “Basic Space”, war es später die Reduktion auf das Lebensnotwendige bei allen anderen Liedern, die eine geradezu hypnotische Wirkung entfachten. Anders gesagt: Selten zuvor hatte ich ein derart körperliches Bedürfnis verspürt, Musik zu hören wie im September dieses Jahres. Ein Debüt, das wächst und wächst, bis es überlebensgroß alles andere in 2009 überragt und alle Spitzenplätze rechtfertigt, die gerade so vergeben werden. Ein zeitloser Klang von Eiseskälte.

3. The Joy Formidable – A Balloon Called Moaning

Vermutlich das Yeah Yeah Yeahs Album, das ich mir immer gewünscht habe. Jedenfalls in der ersten Jahreshälfte so oft gehört wie nichts sonst. Würde ich bei Last.fm scrobbeln, wäre der Balken dort dreimal so lang wie jeder andere schrieb ich, mit dem Wissen, dass in diesem Fall Qualität Ursache der Quantität war. Das mitreißende “The greatest light is the greatest shade”, “Cradle” sowieso und das stampfende “Whirring”. Wie so vieles in diesem Jahr viel zu kurz.

4. Sometree – Yonder

Auf plattentest hieß es treffenderweise: “Wenn Rockbands immer geradeaus laufen dürften, müsste man auf Sometrees sechster Platte eigentlich nur noch Stille hören.” Denn was sollte nach dem überirdischen “Bending The Willows” kommen? Reduktion ganz sicher, ein Verharren in vertrauten Strukturen, weniger Ausbrüche, mehr ein Austrudeln von Klängen. “Sink Or Swim” ist deshalb das untypische Aushängeschild eines Albums, das seine größten Augenblicke in den Implosionen hat.

5. Soap&Skin – Lovetune for Vacuum

Was sich abzeichnet, trifft schließlich ein. Die ersten Lieder von “Lovetune for Vacuum” wanderten ja schon lange vor 2009 umher. Und klar war, dass, falls es einmal zu einem Album kommen sollte, es anstrengend werden würde, viel Zeit mit Anja Plaschg zu verbringen. Weil einfach ist anders. Das kratzige “Cry Wolf”, die Dramatik von “Turbine Womb”, die Endgültigkeit von “Fall Foliage”: wer sich dieser Musik aussetzt, muss sich auch mit sich selbst auseinandersetzen. Klavier und Stimme und eine Reise ins Herz in der Finsternis.

6. The Rural Alberta Advantage – Hometowns

Eigentlich in den USA 2008 erschienen und wird vermutlich erst 2010 hier für Aufsehen sorgen. Müssen. Als Beweis auch ein Zitat: Musik für alle, die in der Provinz aufgewachsen sind und denen schon einmal das Herz gebrochen wurde. Zärtlich umarmen sie die Unzulänglichkeiten des Lebens, um sie in nahezu makellosen akustischen Kostbarkeiten zu verarbeiten. Wobei sich akustisch und vorwärtsrumpeln die Waage halten. Was allein “Drain The Blood” und “Don`t Haut The Place” für Glanzpunkte setzen.

7. 65DaysofStatic – Escape From New York

Sehr originell ist es sicher nicht, das Livealbum einer Band, deren bisherige Alben sowieso schon auf den vorderen Plätzen hier zu finden waren, auf einen vorderen Platz zu setzen. Andererseits: “Escape From New York”. In Musik gegossene Euphorie, weil Postrock nie körperlicher war als hier. Gerade in Verbindung mit der beiliegenden DVD, welche die Amerikatour dokumentiert, mehr als die Bilanz eines Schaffen. Musik wie ein Artefakt in einem schlechtkomprimierten jpg.

8. Eels – Hombre Lobo

Ein Schrei in Rot. So begann das Aufeinandertreffen mit dem siebenden Studioalbum der Eels. In “Fresh Blood” rennt E durch eine blutgetränkte Stadt und jedes Mal, wenn er heult, ist das ein Fäusteballen, denn: seit “Souljacker” ist die Band, die mit “Electro-Shock Blues” eines meiner Allezeitfavoriten aufnahm, etwas egaler. Aber “Hombre Lobo” bündelt die Stärken, die gerade hier besonders in den ruhigen Momenten liegen. Beweis dafür “The Longing” und viel mehr noch “That Look You Give That Guy”. Für abrasierte Barthaare, die traurig im Waschbecken liegen und darauf warten, in den Abfluß gespült zu werden.

9. Lilly Allen – It’s Not Me, It’s You

Lilly Allen. Lange Zeit unterlief sie ziemlich deutlich meinen Aufmerksamkeitsradius. Und dann “The Fear”. Kann man das besser über die 00er Jahre sagen als And I am a weapon of massive consumption / and its not my fault it’s how I’m program to function? Und was eine Ausnahmeerscheinung auf einem belanglosem Popalbum eines belanglosen Popsternchens sein könnte, ist die Regel. Auch auf die Gefahr hin, es auf ewig und mit Blick auf “Yes” von den Pet Shop Boys mit Bekannten zu verscherzen: “It’s Not Me, It’s You” ist nicht nur das beste Popalbum des Jahres, sondern der letzten x-Jahre. Unterschiedlich in der Ausführung, originell, konsumierbar, tanzbar, so nah an der Zeit wie möglich und mit Eiern. Fuck you (Fuck you) Fuck you very, very much

10. Warpaint – Exquisite Corpse

Ein Album, wahrscheinlich eher eine EP, die garantiert noch nicht erschienen ist. Aber gehört. Auf myspace. Komplett. Und hat so mein muskalisches Weltbild in diesem Jahr beeinflußt. Verhuschte Klangexperimente könnte man schreiben, schüchterner Postrock mit viel Hall und einem Gesang, der in “Dragon Age” von einer magischen Heilerin mit Spezialfähigkeit Bardin ausgeführt werden sollte. “Stars” heißt das Meisterstück, so zart das Licht, dass selbst Motten darin nicht verbrennen.

Auch super bis wirklich sehr gut waren:

Mono – Hymn to the Immortal Wind

UME – Sunshower EP

Scraps of Tape – Grand Letdown

The Pains of Being Pure at Heart – The Pains of Being Pure at Heart

…Trail of Dead – The Century Of Self

Yeah Yeah Yeah – It`s a blitz

Sophia – There Are No Goodbyes

Kings Of Convenience – Declaration Of Dependence

The Cloud Hyme – A Seed Buried In The Ground

Pet Shop Boys – Yes

Boxhamsters – Brut Imperial

Klez.e – Vom Feuer der Gaben

Sonic Youth – The Eternal

The Prodigy – Invaders Must Die

Future Of The Left – Travels With Myself And Another‎

Wairpaint. Dance The Good Dance.

August 5, 2009

Auch wenn ich die letzten Monate hauptsächlich mit Klezmer, West Wing und den Korrekturen zu “Der Schlaf und das Flüstern” verbracht habe, war doch Zeit, neue Musik zu entdecken.

Zum Beispiel Warpaint. Aus Kalifornien. Triumphaler Postrock könnte man schreiben oder introvertierte Klangexperimente, rauschhaft auf jeden Fall. „Exquisite Corpse“ heißt ihre erste EP. Darauf enthalten sind „Billie Holiday“ und das intensive, wunderschöne „Stars“. Alles nachzuhören auf ihrer Myspaceseite.

Auch aus Kalifornien kommen LoveLikeFire. Ohne Leerzeichen ist schon korrekt. Ein bisschen wie “Seafood”, ein bisschen wie “Seachange”. “Signs” heißt das Lied und dieses Video “William”.

Und Kalifornien zum dritten. Mason Popper singt über “Fog“.

Jessica Lea Mayfield hat von ihren bisher neunzehn Jahren etwa neunzehn auf Konzerten verbracht. Blueskonzerte hauptsächlich und wenn man weiß, dass Dan Auerbach von den „Black Keys“ ihr Debüt produziert, kann man ungefähr ahnen, wie ihre Musik klingt. Besonders “Call Me”.

Als Albumstream für eine Woche gibt es “A Brief History Of Love” von The Big Pink, deren “Velvet” allerdings mehr versprach, als ihr Debüt letztlich einhalten kann.

Das neue, ruhiger als gewohnte Lied der Cribs heißt “Cheat Me”. Auch als Video.

Musik, aber anders: Die Kapelle spielt wieder auf.


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