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Reflexe. Guttenberg und die Zwickauer Zelle.

November 24, 2011

Eine Folge der Affäre um Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit ist Humor. Kurz vor Veröffentlichung meines Buches sollte ein kleines Porträt in der Beilage einer Lokalzeitung erscheinen. Dazu führte ich im März ein Telefongespräch mit der dafür verantwortlichen freien Redakteurin.

Sie: Wie lange haben Sie an ihrem Erzählband gearbeitet?
Ich: Die erste Geschichte entstand … [und dann folgte die Standardantwort auf diese Frage]
Sie: Na, da haben Sie hoffentlich nichts abgeschrieben.
Ich: Das verstehe ich nicht.
Sie: Na, wegen dem Guttenberg. Und der Doktorarbeit. Der hat doch abgeschrieben.
[langes Schweigen]
Sie: Das war ein Witz. Weil der doch abgeschrieben hat.

So ungefähr fand der Dialog statt. Auch in den folgenden Wochen wurde auf die Auskunft, dass ich ein Buch geschrieben hatte, mehrmals scherzhaft gefragt, ob schreiben nicht abschreiben bedeuten würde. Dazu ein verschwörerisches Zwinkern, so, als wäre man Komplize in einem besonders medienreflexiven Spiel.

Nur: Mit dieser Reaktion befand ich mich noch in einer komfortablen Position. Denn in meinem Freundes- und BekanntInnenkreis gibt es einige DoktorandInnen. Und da hatte zu Guttenberg und die Berichterstattung über ihn schon ganze Arbeit geleistet. Ab Ende Februar war der Begriff „Doktorarbeit“ unmittelbar mit dem Begriff „Plagiat“ verbunden. Dabei war selbstverständlich jede im privaten Kreis geäußerte Unterstellung, man hätte bei der Doktorarbeit betrogen, niemals ernst gemeint, sondern ein reflexhafter Kommentar, der seine einzige inhaltliche Berechtigung aus der unmoralischen Handlung eines Prominenten und der entsprechenden Berichterstattung über ihn bezog. Schön fürs Kabarett, weniger schön für, sagen wir mal, DoktorandInnen.

Warum ich gerade jetzt darüber schreibe? Angenommen, terroristische Naziserienkiller hätten erst in Jena und später in Zwickau gelebt. Und weiter angenommen, ich würde momentan in der Nähe von Jena wohnen. Und wäre in einem Ort geboren, der nahe Zwickau liegt, ein Ort, zu dem ich meistens anfüge: liegt nahe Zwickau. Zwickau ist eine gute Referenz, denn vielen ist Zwickau ein Begriff. Zwickau wäre einmal fast in die 1. Bundesliga aufgestiegen und Zwickau ist Bestandteil vieler rhetorischer Konstruktionen wie beispielsweise „Von Aachen bis Zwickau.“

Jedenfalls war ich gespannt, welcher Stadt die terroristischen Naziserienkiller zuordnet werden würden: Jena oder Zwickau? Während Thüringen ohne zu zögern stellvertretend für Jena in die Presche sprang und die negativen Assoziationen somit auf ein komplettes Bundesland umlenkte, war ansonsten von der Zwickauer Zelle die Rede, vom abgebrannten Haus in Zwickau, vom braunen Sumpf in Zwickau. Zwickau Zwickau Zwickau.

Damit war schnell klar, dass Zwickau zukünftig in einer Reihe mit Orten wie Winnenden, Hoyerswerda, Mölln, Sebnitz, Solingen, Erfurt, Rostock-Lichtenhagen stehen würde. Ein Ort, eine negative Assoziation. Da halfen hundert Lichterketten und hundert Aktionsbündnisse nicht, da bleibt ein Stutzen, wenn man man den Namen hört, da kramt man aus Schubladen Erinnerungsfetzen heraus und versucht sich erinnern, was in diesem Ort einmal Schlimmes geschah. Auch wenn man das vielleicht nicht mehr exakt zuordnen kann, irgendetwas war da und das reicht schon fürs Abhaken.

Für Zwickau kann der Bundespräsident einladen oder die Justizministerin Geld auszahlen – den Reflex wirds wenig scheren. Zukünftig werde ich sagen müssen: ich wurde in einem Ort geboren, der gar nicht mal so weit entfernt von Plauen liegt. Oder Leipzig. Oder Dresden. Bis auch dort etwas geschieht, das die Liveticker und Talkshows viele Tage lang beherrscht.

Nachtrag:
Wenn man wissen will, in welchem Umfeld sich so ein Reflex besonders wohlfühlt, sollte man den aspekte-Beitrag mit dem Titel „Extreme Gewaltbereitschaft“ anschauen. Dort reist der Münchner Schriftsteller eines Romans über V-Männer nach Jena, kommt am Bahnhof Jena-Paradies an und sieht seine Vorurteile bestätigt.

Der Beitrag beginnt mit der Äußerung des Autoren: „Ich sehe nicht deutsch aus und ich würde gern den Osten bereisen, aber ich habe einfach zu viel Angst, um mich hier frei zu bewegen.“ Dann läuft er durch die Fußgängerzone, spricht mit einem Exnazi und einem Pfarrer. Am Ende des sechsminütigen Beitrags wird er gefragt, ob sich sein Bild vom Osten gewandelt. „Nö“, sagt er und lacht, „hat sich nicht gewandelt. War aber jetzt auch nicht so schlimm.“ Er steigt am Bahnhof Paradies in den Zug und der Offkommentar ergänzt: „Trotz mutiger Menschen wie Pfarrer König oder dem Aussteiger Uwe Luthart fährt Steven Uhly eher erleichtert zurück nach München.“

Da ist er auch. Der Reflex. Jena. Thüringen. Der Osten. Extreme Gewaltbereitschaft.

Zum aspekte Beitrag

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Reflex: Ein Reflex ist eine unwillkürliche, rasche und gleichartige Reaktion eines Organismus auf einen bestimmten Reiz. Reflexe werden medial vermittelt.

Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.

Juli 3, 2011

Lesungstagebuch: “Ausschau halten nach Tigern.”

Zwickau, Baumhaus/Gasometer, 30. Juni

Die Frage ist ja auch, wie sich Gruppen definieren. Durch Äußerlichkeiten zum Beispiel. Bunte Haare, ein Anarchie-A auf der Lederjacke, vielleicht mit Hund. Das muss alternativ, möglicherweise sogar Punk sein. Und wenn zum Beispiel ein Verein ein Gebäude finden will, in dem sich alternative Jugendliche treffen könnten, kann es durchaus passieren, dass dieser Verein für Außenstehende als verantwortlich für alle alternativ ausschauende Jugendliche der Stadt wahrgenommen wird, auch die, die bunte Haare haben und ein Anarchie-A auf der Lederjacke tragen. Und wenn alternative Jugendliche vor dem sanierten Rathaus sitzen und manche zum Beispiel gegen das Rathaus urinieren, dann ist das irgendwie auch so, als hätte der Verein gegen das Rathaus uriniert. Und wenn der Verein gerade mit dem Rathaus in Verhandlungen über ein Gebäude für alternative Jugendliche steht, dann kann es sein, dass plötzlich die Frage wichtig wird, wer wo wie dazugehört und wie sich Gruppenzugehörigkeit definiert und was der Verein zu seiner Verteidigung zu sagen hat.

Solche Fragen werden vom Verein jeden Donnerstag in der Volxküche diskutiert. Und seltsam. Direkt nebenan ist das Gasometer, ein Ort mit Bühne, auf der wir zwischen 1998 und 2007 schon mehrmals standen, da allerdings mit Instrumenten in den Händen. Heute ist in unseren Händen Papier und die Bühne ein Café, ein alternatives Jugendcafé, mit den üblichen Zubehör alternativer Jugendcafés – Billardtisch, Kicker, eine Möglichkeit, in aller Ruhe youtube-Videos anschauen zu können und eine Modelleisenbahn.

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