Lesen.

Zur Abwechslung eine Auswahl von Büchern, die ich letztens las. Oder auch nicht.

Rocko Schamoni. Sternstunden der Bedeutungslosigkeit.

Mit dem besten Gewissen nach etwa 30 Seiten abgebrochen. Selten so viele belanglose Gedanken gelesen, die in pseudolakonische Sätze verpackt waren. Auch wenn ich es mit dieser Einstellung niemals zum Literaturressortredakteur der INTRO bringen werde behaupte ich: Titel passt. Und Humor ist nicht, nur weil Heinz Strunk in der gleichen Stadt wohnt.

James Robertson. Der Teufel und der Kirchenmann.

Ein Pfarrer trifft den Teufel, wird als verrückt erklärt und verschwindet dann spurlos. Diese Grundidee, in Großbuchstaben auf den Umschlag getackert haben mir gereicht. Und mir danach zwei große Enttäuschungen beschert. Zum einen: mich. Da ich es im Gegensatz zu Schamoni nicht geschafft habe, im richtigen Moment die Reißleine zu ziehen, sondern Seite um Seite weiter die Zeilen überflogen habe in der Erwartungshaltung: Wenn diese Geschichte so einen kolossalen Anlauf nimmt, um endlich auf den Punkt zu kommen, wird dieser Punkt schon unglaublich großartig werden. Stattdessen, so etwa fünf Seiten vor den Danksagungen dann das titelgebende Treffen zwischen den Protagonisten, das keinerlei Erkenntnisse, Überraschungen oder Folgen für die Geschichte mit sich brachte. Und da zweitens, der Weg bis zur zerplatzen Seifenblase die Beschreibung eines unglaublich trivialen und langweilen Lebens war (und ich die Vermutung habe, dass der Autor auch niemals zu mehr im Stande sein wird, als trivial und langweilig zu schreiben) bleibt die Erkenntnis: Bücher mit guten Grundideen kommen besser schnell zur Sache.

Robert J. Sawyer. Flashforward.

Wie dieses hier. Nach einem Experiment des CERN-Institutes wird die gesamte Menschheit für zwei Minuten zwanzig Jahre in die Zukunft versetzt. Und dann zurück in die Gegenwart. Das ist der Stoff, aus dem die Nachfolgeserien von LOST gemacht werden (siehe auch die Stichwörter: Sawyer, Flashforward) und mich in zwei Tagen durch 400 Seiten bringen. Großartiges Gedankenspiel, mit zukünftigen Mordfall, Liebe und jede Menge theoretischer Paradoxien, die Doc Brown die Haare zu Berge stehen lassen würden. Leider entscheidet sich Shaw am Ende für den üblichen verquarkten Quantenphysikneutriontechniksprech und scheut sich auch nicht davor, eine religiöse Allegorie einzubauen, die das bis dahin geerdete Szenario in windige Sphären bringt, die weit außerhalb meines Vorstellungsvermögen liegen.

Stieg Larsson. Verdammis.

Ich habe auch einen Larsson gelesen, ich glaub, den aus der Mitte, weil `s Twitter quasi nur aus sich überschlagenden Liebesbekundungen für dieses Buch bestanden hatte. Stieg ich also ein in eine Geschichte, die sich vornehmlich um ein literaturgewordenes Cyberpunkgirlierolemodel drehte, von denen es auf myspace möglicherweise tausende gibt. Ansonsten ein Krimifall, Serienmörderei, Menschenhandel und investigative Ermittlungen eines Journalisten, der offensichtlich im ersten Teil Hauptfigur war. Nicht unspannend, aber sehr unspektakulär, fast schon banal einfach geschrieben mit einem leicht sadistischem Hang, vornehmlich jüngeren Frau Demütigendes widerfahren zu lassen. Aber immer schön, wenn man sich einem Hype widersetzen und behaupten kann: Letztlich Ware von der Stange. Bis zur letzten Seite gelesen hab ich aber trotzdem.

Wolfgang Herrndorf. In Plüschgewittern.

Weder wusste ich etwas über Autoren noch Buch, als ich mich für dieses Buch entschied. Es war der Titel, der mich ansprach. Nicht nur ein „Plüschgewitter“. Sondern In! Mehreren! Und bald stellte ich fest: Ein klassisches Stück Popliteratur mit einem selbstzerstörisch veranlagten Helden, der alles, die Umwelt und vor allem sich permanent anzweifelt, getrieben von einer geradezu arroganten Hybris, alles mit Werten zu bemessen, die zwischen 1997 und 1998 mal angesagt waren. Quasi eine Art romangewordenes „Tristesse Royale“, das natürlich kein gutes Ende nehmen kann. Weil ja weder Holden Caulfield noch Dana Bönischs Puck überlebt haben. Warum also dieses namenlose Alter Ego? Etliche Sätze dabei, die man gerne selbst geschrieben und dann an einem trägen Sonntagnachmittag aus dem Fenster hinaus auf die Straße zu den kinderwagenschiebenden Kleinfamilien geschrien hätte.

T. C. Boyle. Wassermusik.

Ich nehme alles zurück, was ich letztens hier auf diesen Seiten Schlechtes über T.C. verfasst habe. Weil er für ein „Wassermusik“ gerne zehn „Talk Talk“s schreiben kann. So virtuos bringt er vollkommen gegensätzliche Erzählstränge zusammen, erweckt dabei die dreckverschmierten, moskitozerstochenen Figuren derart plastisch zum Leben, traut sich die unmöglichsten aller möglichen Wendungen zu nehmen, dass -wie komm ich jetzt aus diesem Satz raus? Vielleicht mit einer Aufzählung von Adjektiven: „Wassermusik“ ist wahnsinnig, bizarr, lehrreich, lebendig, ungeheuer witzig, tragisch und entwirft sicher das realistischere Afrikabild als zum Beispiel „Far Cry 2“

Michael Chabon. Die Vereinigung jiddischer Polizisten.

Zum Schluss das Buch, das allem und jedem und ganz besonders diesem Jahr die Krone aufsetzt. Beginnt im Paralleluniversum (statt Israel zu gründen, wird ein jüdischer Staat in Alaska geschaffen), verwandelt sich in eine Mordgeschichte im Stil von Chandler und ist letztlich der Kampf eines Manns um die Liebe einer Frau, um das Überleben seines Volks und ein Plädoyer für Schach. Chabon mischt hier mindestens drei einander vollkommen fremde Genres gekonnt zusammen. Mit einer derartigen Sprachgewalt, mit gewagten Metaphern, für die ihn jeder Literaturwissenschaftler steinigen würde, mit Bildern und Vergleichen, Situationsbeschreibungen, die unmöglich scheinen, aber letztlich den unglaublichen Reiz dieser verzwickten Geschichte ausmachen. Ein gebrochener wortkarger Antiheld, der nur in einem scheitert: Siehe Seite 196.

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