Musik 2008. Die Großen.

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1. Portishead – Third

Manchmal genügt ein Ton. Zum Beispiel der erste Schlag von „Machine Gun“. (siehe auch hier) Von da an abwärts zur Apokalypse. Geschrieben habe ich: „ein fremdes Stück Musik, weit entfernt von vertrauten Konstellationen. In seiner Zerrissenheit gegen jegliche Erwartungshaltung gerichtet. Kalt und erloschen, unnahbar und geschunden und vor allem: unbarmherzig gegen sich und den Hörer. Eine Herausforderung, mehr noch: eine Prüfung.“ Mittlerweile sind etliche Monate vergangen und noch immer sind es kalte Schauer, die es über meinen Rücken treibt. Kalte Schauer beim nervösen „We Carry On“, eiskalte Schauer vom verlorenen „The Rip“, selbst das maschinenlose „Deep Water“ wirkt wie das Gegenteil von dem was ist. Mehr als hier kann keine Band leisten. –> heim

2. Audrey – The Fierce and the Longing

Es war Mai, auf dem besten Konzert des Jahres, es war in Leipzig, im Cafe PanAm, als der bärtige Sänger von Scraps of Tape meinte: „Audrey.“ Und später dann im Biergarten: „Freunde von uns. Wahnsinnsband.“ Naja, schon klar. Wie auch immer. Zwei Monate später wieder „Scraps of Tape“, auf einem Open Air. Um etwa 23:00 spielten dort Audrey und etwa fünf Minuten später war klar, dass diese Band mich den Rest des Jahres begleiten würde. In Form ihrer bisher erschienen Alben, die deshalb gerechterweise beide in dieser Liste vertreten sein müssten. Dabei ist es nicht mal so, dass ich andere von Audrey überzeugen könnte, jedenfalls nicht mit Argumenten. Es ist nur einfach so: „The Fierce and the Longing“ (+ „Visible Forms“) haben eine Saite in mir zum Schwingen gebracht. Mag pathetisch klingen. Ist aber so. –> heim


3. These New Puritans – Beat Pyramid

Einmal im Jahr untypisch. Eine Rhythmuspyramide, die klingt wie Mike Skinner mit weniger Text und mehr Abwechslung. Manchmal rutscht man eben in ein Genre hinein ohne es zu wollen und ist dann dabei, Schlagwörter wie „China, India, my Future“ an weiße Häuserwände zu sprühen. Ein wildes Stück scheinbar sinnentleerter Musik, wesentlich substanzieller als jede Mediengestalterparty in alten Gaswerken und mit mehr Drums. Und Bass. Außerdem 16 Hits, die manchmal nur vier Sekunden dauern, darunter „MKK3“ oder „Elvis“, „Infinity Ytinifni“ sowieso. –> heim

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4. Maybeshewill – Not for Want of Trying

Meine erste Begegnung machte ich mit dem Titelsong des Albums. Im Video explodieren dazu Atombomben. Ansonsten hauptsächlich Gitarren, hart und rhythmisch, Metal eben und deshalb für mich nicht weiter interessant. Damit hätte einer der faszinierendsten Liebesgeschichten dieses Jahren enden können. Wenn da nicht „He Films The Clouds Pt. 2“ gewesen wäre. Mein Einstieg in die Welt von Maybeshewill, mein Dezembersoundtrack. Knapp an der Grenze zum pathetischen Gothictrancemetalcore mit Filmzitaten, also eine willkürliche Ansammlung längst abgegessener musikalischer Stereotypen, die hier aber etwas vollkommen Überlebendsgroßes ergeben. Für Ohren, die während Zugfahrten an kalte RE-Scheiben gedrückt werden. –> heim

5. This Will Destroy You – This Will Destroy You

Dies wird dich zerstören. „Dies“ ist A Three-Legged Workhorse. Beinhaltet alles, was mich am Genre (siehe Platz 7) in den letzten Jahren so begeistert hat. TWDY sind konzentriert und energisch bei der Sache, ihre Lieder folgen einer durchgeplanten Dramaturgie, die sich aber dennoch nicht scheut zu experimentieren um usw. etc. Kann man schreiben, wenn man sonst nichts mit dieser Art von Musik anfangen kann. Ansonsten natürlich 100% Hingabe. –> heim

6. Sigur Ros – Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust

Sigur Ros. Immer dabei, aber irgendwie nie so wirklich weit vorn. Weil möglicherweise schon das erste Lied wie ein letztes klang und es keinen besonderen Anlass gab, extra nochmal auf den exponierten Status dieser Ausnahmeband hinzuweisen. Dann hüpfen im Juni ein Rudel nackter Hippies durch den Wald und plötzlich präsentiert Island neben dem Börsenchrash und Vicky Pollard die größte Überraschung des Jahres. Weg von der Außerwelterfahrung eines Svefn-g-englar, dafür ungewohnt treibend in Við spilum endalaust. Ein gelungenes Beispiel von elf weiteren. –> heim

7. September Malevolence – After This Darkness, Theres A Next

Hier hätten auch stehen können: Caspian, This Is Your Captain Speaking oder God Is An Astronaut. Sogenannter Postrock, episch und meistens verhalten, um in den richtigen Momenten ungeahnte Höhe zu erreichen. Aber September Malevolence. Selten war eine Band näher an King Crimson. Ist schwierig, das Genre in Worte fassen, ohne dabei Worthülsen zu produzieren. Sage deshalb mal: flirrende Gitarren, ein exzessiver Einsatz des Beckens und mehrstimmiger Gesang. „Exxon Valdez“ und „I shut doors and windows“ heißen ausgewählte Glanzpunkte. –> heim

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8. Bloc Party – Intimacy

Keine Jahresliste ohne Bloc Party. „Intimacy“ zeigt vieles: Zum Beispiel warum ich mit Internetveröffentlichungen (noch) nicht klar komme. Ein langerwartetes Album ist urplötzlich vorhanden. So ganz ohne Vorfreude nur das halbe Vergnügen. Zeigt auch: Wie weit Bloc Party den Bands, mit denen sie vor wenigen Jahren begannen, mittlerweile enteilt sind. Stillstand ist Tod, weshalb ein potentieller Hit dekonstruiert wird, um aus den Versatzstücken den Poprock zu machen, der später mal als zukunftsweisend erkannt werden wird. Wer also schimpft, die Briten würden keine Songs mehr schreiben, der hat „Intimacy“ nur zwanzigmal gehört. Allen anderen tanzen zu „Halo“. Und sehen in „Mercury“ das Video des Jahres. –> heim

9. PeterLicht – Melancholie & Gesellschaft

Dieser PeterLicht. Möglicherweise der wütendste Mensch in diesem Staat. Außerdem noch Poesie. Macht aus zwanzig Synonymen für „zermanschen“ das ultimative Lied über Marketing. Noch sanfter in den Tönen als beim großartigen Vorgänger „Lieder vom Ende des Kapitalismus“. Das hier ist quasi das Ende vom Ende. Nichts geändert, solange die Medienschaffenden Kleidung nicht respektieren. „Ein komischer kleiner Mann“, würde Ally McBeal sagen. Ich sage: der wichtigste deutsche Liedermacher seit Theodor W. Adorno. –> heim


10. Herrenmagazin – Atzelgift

Sehr froh bin ich, dass es ein deutsches Gitarrenrockalbum in meine Jahrescharts geschafft hat. Ist gar nicht so leicht, sich für etwas zu begeistern, dessen letzter Höhepunkt möglicherweise Du weißt, was ich meine gewesen ist. So aber die Band, deren Der langsame Tod eines sehr großen Tieres schon im letzten Jahr hier und mich zu begeistern wusste. Auf ganzer Länge ist nicht jede Minute Hamburger Teenageangst unverzichtbar, aber dank „1000 Städte“ oder „Der längste Tag“ doch die Rekapitualtion eines Gefühls, das hoffentlich niemals ganz weichen wird. –> heim

Außerdem unverzichtbar:

Blood Red Shoes – Box Of Secrets
Mogwai – The Hawk is howling
MGMT – Oracular Spectacular
Notwist – The Devil, You+Me
Caspian – The Four Trees
God is an Astronaut – All Is Violent All Is Bright
Horse the Band – A Natural Death
Wolves in the Throneroom – Two Hunters
Ting Tings – We started nothing
Get Well Soon – Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon
X ist Y? – Igitt Pop

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