Israel. Geradeaus und dann rechts.

Abflug

Wasser auf dem Dach

Eines wird von Anfang an klar: Zum Wohlfühlen fährt man nicht nach Israel. Das beginnt schon am Flughafen. Auf zehn Pulte verteilt stehen freundliche, aber energische Sicherheitsbeamte und wollen alles wissen. Warum man fliegt. Wohin. Wo man wohnt. Ob man dort jemanden kennt. Was man vorhat. Wohin man im Land reisen will. Ob man in Deutschland Israelis kennt. Oder Araber. Ob man schon mal in arabischen Ländern war. Jeder Antwort wird eine Gegenfrage entgegengesetzt, die nachhakt und Unstimmigkeiten entlarven soll. Das Seniorenpärchen braucht nur ein Bruchteil dieser Fragen zu beantworten, ich bin zwischen 20-30, männlich, trage einen Bart und ein Kapuzenshirt und habe etliche technische Geräte bei mir, die unter dem Röntgengerät wie Waffen aussehen könnten. Zusammen mit den maschinengewehrtragenden Polizisten und dem Panzerwagen auf dem Rollfeld ergibt sich ein Gefühl, welches die nächste Woche andauern soll. Einerseits. Anderseits: Besser zehn Minuten länger gefragt und dafür ein Gefühl von Sicherheit, so ungewiss wie möglich.

Totes Meer

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In Israel ist es dann ganz einfach, jedenfalls geografisch: kaum größer als Hessen, am Meer liegt Tel Aviv, später kommt Jerusalem, hinter der Mauer beginnt die Wüste und sobald man unterhalb des Meeresspiegels fährt, breitet sich das Tote Meer aus. Darüber jagen im Tiefflug Düsenjäger, schneiden knapp die jordanische Grenze. Wenige hunderte Kilometer weiter liegt Irak. „Hier ist alles 20 Minuten entfernt“, sagen die Kellner ohne zu lachen. Wenn der Weg nicht klar ist, wird das Seitenfenster heruntergekurbelt und ein Taxifahrer nebenan gefragt. Die Antwort lautet immer: „Geradeaus und dann rechts“ und seltsamerweise gelangt man so auch immer ans Ziel. Die Straßen tragen Namen von Generälen, die in Kriegen die Grenze um Kilometer verschoben haben.

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Ansonsten ist Tel Aviv so teuer wie westlich. Ein Strand mit Leuchtpalmen und einem Spielplatz, auf dem sich in den Abendstunden Bodybuilder aufhalten. Zum Trainieren. In der Dunkelheit wird Volleyball gespielt. Stets drehen die ankommenden Flugzeuge dicht über dem Boden Richtung Flughafen ab. Fünf Schekel sind ein Euro und die Gebäude so teuer, dass sich keiner die Renovierung leisten kann. Höchstens die französischen Juden, die fallen im Sommer in die Stadt ein. Viele Geschäfte bieten neben den hebräischen, arabischen und englischen Hinweisen deshalb französische an.

Mahane Yehuda Market, Jerusalem

Mahane Yehuda Market, Jerusalem

Markt in Tel Aviv

In jedem der zahlreichen Motorräder, die an Bäume gekettet sind, könnten Bomben versteckt sein. Denn alles in Tel Aviv ist ein Softtarget. So blödsinnig solche Gedanken sind, so genügt ein Blick in Wikipedia, um die Ort, die man begeht, mit den Opferzahlen von Attentaten in Verbindung zu bringen. Mahane Yehuda Market zum Beispiel. Am Sabbath leer, erfüllt dieser Platz wenig später schon all die Bilder, die man von Basaren im Kopf hat. Säckeweise Exotik, die nach etwas riecht, das man unbedingt sofort haben kosten fühlen schmecken möchte. Mit Limonen getränkte Schwämme, die man sich in hundert-Gramm-Scheiben abschneiden lässt. Jeder Walmart dagegen wie eine verzweifelte Tat. Dazwischen immer wieder Hummus essen und soviel Wasser wie möglich trinken.

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Jerusalem schließlich, eine furchtbare Stadt, die mehr Fragen beantwortet als stellt, in der jeder Stein mindestens drei Bedeutungen hat und mindestens zehn Gruppen die Deutungshoheit beanspruchen, meistens aber hundert. Schnell feststellen, dass das hier keine Fotosafari ist und nicht jeder orthodoxe Jude fotografiert werden muss, um anderen zu beweisen, dass man in Jerusalem war. Vor der Altstadt in der früh hereinbrechenden Nacht ein Jazzkonzert, hinter dem Tor wird ein junger Araber angehalten und von bewaffneten Polizisten durchsucht. Die Viertel sind nach Religionen eingeteilt, die Klagemauer in Bereiche für Männer und Frauen, letztere nur ein Drittel so groß. Überall Waffen, katholische Mönche beobachten die Klagemauer, der Felsendom wirft einen Schatten und was hier niemals sein wird, ist die Abwesenheit von Religion.

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Hinter Jerusalem, knapp vor der Wüste, schließlich die Mauer. Und verstärkt wird das Gefühl vom Flughafen. Eine Mauer. Einerseits. Andererseits. Das Gefühl von Sicherheit. So ungewiss wie möglich. Am Abend dann sperren Soldaten die Zufahrt zur Autobahn und weil die israelischen Tankstellen kurios reagieren, wenn man deutsche Kreditkarten benutzen will, müssen belgische Juden helfen. Am Ende ist der Flug dennoch verpasst, dafür bleibt Zeit, mit der israelischen Sicherheitsbeamtin zu sprechen. Die studiert Biochemie. Und arbeitet nur nachts, verdient ihr Geld mit Sicherheit.

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