What`s next. The West Wing.

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Nachdem ich die letzten Monate viel Zeit im Weißen Haus verbracht habe, einige Gedanken zu einer Serie, zu der viele schon absolut zu Recht viel und vor allem Lobeshymnen geschrieben haben. The West Wing erzählt von der Amtszeit eines demokratischen Präsidenten. Erzählt von seinen Mitarbeitern. Erzählt von Gesetzen, wie sie geschrieben und umgesetzt werden, Mit welchen Mitteln man dabei zum Ziel kommen kann. Erzählt also von Politik. Und von den Menschen, die sie machen. Sieben Jahre lang begleitet West Wing eine Regierung in Amerika und endet mit der Inauguration des neuen Präsidenten. Eine Serie, die nahezu ausnahmslos auf Action verzichtet. Und stattdessen auf Dialoge setzt. Dialoge, zu denen die Darsteller atemlos durch die Räume des Weißen Hauses hasten, Dialoge, die wie Maschinengewehrsalven auf den Zuseher einschlagen. Dialoge mit brillantem Timing, Wortwitz und einer beeindruckenden inhaltlichen Tiefe. Diese Dialoge sind das Herzstück von West Wing.

Gerade in den ersten Staffeln besteht die große Stärke der Serie darin, wie nachvollziehbar komplexe Probleme verhandelt werden. Zum einen auf einer moralischen, ethischen Ebene. Es gilt einen Standpunkt zu finden zur Todesstrafe, zum Waffenbesitz, zum Einsatz von Armeen, zu Entwicklungshilfe, zum Umweltschutz, zu Gewerkschaften. Und damit es sich niemand bequem machen kann mit seinen Ansichten, werden mindestens zwei Seiten vorgestellt, im günstigen Fall also der demokratische und der republikanische Blickwinkel. Und dadurch vermeidet West Wing ein zu einfaches Schwarz/Bildnis. Kein selbstgefälliges und altkluges Abwatschen von konservativen Ansichten also, auch wenn die Autoren nie ein Hehl aus ihrem liberalen Weltbild machen.

Und dann ist noch die Praxis. Einmal gefällte Entscheidung in die Tat umzusetzen. Sie zu Gesetzen formen, durch Ausschüsse bringen und dabei politische Gegner überzeugen. Mit Argumenten. Oder Versprechen. Oder Tricks. Anders gesagt: Wenn West Wing etwas deutlich macht, dann das: Demokratie bedeutet Kompromiss. Und kann deshalb niemand vollkommen zufrieden stellen. Und ist deshalb so angreifbar und verletzlich. Was so geschrieben wie das Vorwort der Friedrich-Ebert-Stiftung (oder Konrad-Adenauer-Stiftung) klingt, ist in der Serie gleichzeitig spannend wie erklärend umgesetzt. 112 Lehrstunden in Sachen Politik und dann folgt der Vergleich mit der Realität. Und plötzlich erweitert sich die eigene Position im Streit um die Gesundheitsreform in Amerika und der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan um eine zusätzliche Dimension.

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Weiteres Herzstück der Serie sind die Darsteller. Da sollte man über jede Serie schreiben können. Hier sind die Charaktere von Beginn absolut klar und deutlich gezeichnet, Stärken wie auch Schwächen. Und interessanterweise ändern sie sich kaum. Anders als zum Beispiel in Six Feet Under vollziehen die Personen kaum (schmerzhafte) Lernprozesse, um ihre Ansichten zu überdenken und ihr Verhalten bewusst anders zu steuern. Auch wenn sich die Funktionen der Personen im Laufe der sieben Jahre verschieben, handeln sie meistens nach den gleichen Prinzipien. Was erstaunlicherweise nachvollziehbar und nicht langweilig wird, sondern in diesem Fall zu einer starken Bindung zu ihnen führt.

Dann kommt die fünfte Staffel. „Berüchtigt“ könnte ich dazu schreiben, denn wenn es einen Konsens in den Texten über West Wing gibt, dann diesen: Die fünfte Staffel, die erste nach dem Abgang von Erfinder Aaron Sorkin ist schlecht. Wenig zugespitzere Dialoge, seichtere Themen und ein Aufweichen der Charaktere. Und tatsächlich macht das Finale der 4. Staffel (und damit zwangsläufig auch die ersten Folgen der 5. Staffel) etwas, das bis dahin größtenteils vermieden wurde: Die Handlung mit Hilfe von Acition voranzutreiben. Das „West Wing-Gefühl“ ändert sich, was auch daran liegt, dass Figuren aufhören und neue hinzukommen. Ein kleinerer Neustart innerhalb der Serie, von dem ich nicht behaupten kann, dass er mir missfallen hätte. Die 5. Staffel beinhaltet einige der besten Teile der gesamten Serie, zum Beispiel die Folge, in der Glenn Close zur Obersten Richterin ernannt wird. Und der große Handlungsbogen der beiden letzten Staffeln, die Präsidentenwahl inklusive der Primaries montiert mehrere Handlungsstränge derart atemlos zusammen, dass dagegen jede Folge von 24 wie ein träger Sonntag Nachmittag im Freibad wirkt.

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Kritik muss es natürlich dennoch geben. An erster Stelle die Musik, die offensichtlich eine bewusste Entscheidung war und wie das Relikt einer untergegangen Hörgewohnheit klingt. Passt dennoch, gerade in den doch recht zahlreich vorkommenden patriotischen Stellen. Wobei sich dieser Patriotismus anders definiert. Denn genauso wie die Autoren keinen Hehl aus ihrer liberalen Weltsicht machen, zweifeln sie niemals die absolute Ausnahmeposition der USA in der Welt an. In dieser Hinsicht ist West Wing sicher eine Serie, die besser in die 90er Jahre gepasst hätte als in dieses Jahrzehnt. Eine Liebeserklärung an die Demokratie ist die Serie sowieso, aber das wird von der ersten Folge an deutlich.

Sechstausend Zeichen, die von über 150 Folgen erzählen. Sechstausend Zeichen, die nicht annähernd die Faszination von West Wing wiedergeben können, den Sog, in den einen die Geschichten ziehen, die Wiedersehensfreude mit den Charakteren (und Gastdarstellern wie Mary-Louise Parker, John Goodman oder Terry O`Quinn), die Begierde, mit der man Informationen aus der Serie verarbeitet und auf die Wirklichkeit überträgt. Bestes Beispiel (und vermutlich in jedem Text über West Wing erwähnt): die mehr als erstaunlichen Parallelen zwischen dem demokratischen Präsidentenschaftskandidaten Matt Santos zu Barack Obama. Wenn man in den ersten fünf Staffeln (die während der Zeit der Bush-Regierung liefen) denkt, dass hier die Fiction besser die Wirklichkeit geschrieben hätte, ist später ziemlich offensichtlich, dass sich die Wirklichkeit der Fiction bedient hat. „Yes we can?“ First seen im The West Wing.

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