Lesereise (I). In Werdau. Die Anspannung.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

plakat

Es ist furchtbar. Dieses Gefühl. Manche sagen Lampenfieber dazu. Vielleicht fünfzig Zentimeter sind es bis zum Schrank. Dort ist ein Armaturenbrett eingelassen. Mit den Knöpfen auf dem Brett kann man das Licht im Festsaal löschen. Das ist meine Aufgabe. Das Licht löschen. Jemand wird sagen: „Und nun viel Freude bei der Premiere dieses Films“ und dann werde ich aufstehen, die fünfzig Zentimeter bis zum Schrank zurücklegen, den Schrank öffnen, zwei Knöpfe drücken und sofort wird sich der Raum verdunkeln. Schweiß tritt auf meine Stirn und die Luft schnürt es ab, sekundenlang setzt das Herz aus, wenn ich daran denke. Daran denke, was alles passieren könnte. Ich könnte stolpern, ich könnte daran scheitern, die Tür zum Schrank zu öffnen, ich könnte die falschen Knöpfe drücken, ich könnte in einem Anfall von Verzweiflung versuchen zu erklären, warum ich versage. Und dann wären diese Blicke, alle im Saal würden mich anstarren, sie würden sich jede meiner Bewegungen einprägen und in ihren Köpfen eine unsichtbare Notiz anlegen, auf der sie mich skizzieren und in eine Schublade stecken, die Er-hat-nicht-geliefert-Schublade.

Dreißig Minuten lang werden Reden gehalten und in diesen dreißig Minuten drehe ich nahezu durch. Vollkommen irrational natürlich und narzisstisch vermutlich dazu. Mein Kreislauf sieht das aber anders, er verhält sich asozial, pumpt alles Blut in den Fuß, der hektisch und nervös auf den Boden schlägt. Schließlich kommt der große Moment. Er dauert drei Sekunden, ich drücke zwei Knöpfe, das Licht verlischt, der Film startet, ich atme durch. Bis mir einen Moment später einfällt, dass es auch meine Aufgabe sein wird, das Licht wieder anzuschalten. Und tatsächlich: Später in der Dunkelheit finden meine Finger nicht die passenden Knöpfe, sondern fahren erst den Sonnenschutz runter und die Leinwand hoch. Und alle Befürchtungen werden wahr und ich denke zärtlich an Lampenfieber, diesen guten, zuverlässigen, immer rechtbehaltenden Weggefährten.

Das war gestern. Heute ist die erste Lesung zum Buch. Ein Buch, mit dem ich einige Zeit verbracht habe. Schlägt man im Wörterbuch unter „Euphemismus“ nach, steht dort: Der Schlaf und das Flüstern: Der Autor hat einige Zeit damit verbracht. Hier und jetzt fühle ich nichts. Also nichts, was furchtbar wäre. Lampenfieber zum Beispiel. Was mich erstaunt und vielleicht auch beschämt. Man sollte denken: Nur mit Lampenfieber nimmt man eine Sache ernst. Der Rest ist Hobby. Je länger man darüber nachsinniert, desto unheimlicher wird alles. Gründe durchzudrehen gäbe es genug. Das wahnsinnige und eigentlich zum Scheitern verurteilte Unterfangen, eine Geschichte von 272 Seiten in einer Stunde auf den Punkt bringen zu wollen. Ich vermute, dass ich schon Tage bräuchte, um zu erklären, was allein das erste Kapitel bedeuten könnte. Und das ist nur ein Bruchteil von dem, was ich sagen könnte.

Ob ich es überhaupt sagen möchte, darüber bin ich mir nicht im Klaren. Zwischen all den Freunden und ehemaligen Lehrerinnen, die mir wahrscheinlich gewogen sind, egal, was ich schreibe, sitzen ja auch Fremde. Und meine Geschichte erscheint mir klein und banal und unbedeutend, nichts jedenfalls, mit dem ich andere eine Stunde ihrer Leben belästigen sollte. Und meine Geschichte erscheint mir groß und fantastisch und wichtig, ich möchte sie herausbrüllen, die vierzehn Stunden am Tag, die ich wach bin, möchte ich nur davon erzählen, ich möchte, dass jeder davon hört, nicht jeder muss sie gut finden – schließlich bin ich Realist – aber jeder muss sie hören, jeder, weltweit, auch die 6.7 Mrd Menschen, die kein Deutsch lesen können.

fenster

So ist das also. In dem Moment, bevor alles losgeht. Und das Nachdenken darüber, warum ich keine Anspannung in mir spüre, hat zur Folge, dass ich plötzlich gespannt bin, gespannt und angespannt. Weil mich das beruhigt, weil ich das Buch in meinen Händen fühle, weil das Mineralwasser auf dem Tisch keine Kohlensäure hat, weil mich die ehemaligen Lehrerinnen trotz der sicher nicht zwingend vorteilhaften Kapitel über Schule erwartungsvoll ansehen, weil das im Gegensatz zum Roman weder gut noch schlecht enden kann, sondern einfach nur weitergeht, wie alles einfach nur weitergeht, geht es jetzt eben los. Der Schlaf und das Flüstern. Jetzt auch in der Öffentlichkeit.

Der nächste Termin: 15. Oktober, Frankfurt

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