Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.
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Das könnte ein Text sein über empörende Backstagegeschichten, skandalöse Offenbarungen und Ausrutscher Prominenter. Das ist ein Text über die Magie der korrekten Mikrophonierung. Weil kaum etwas entscheidender ist auf einer Lesung: Die richtige Position des Lesenden zum Mikrophon. Es gibt ja nicht viel, auf das man in den Minuten der Lesung Einfluss üben kann. Die Textstellen sind gewählt, das Erklärende schon mehrmals gesagt, die Bedürfnisse des Publikums kann man sowieso nur ahnen. Deshalb macht es auch keinen Sinn, sie erfüllen zu wollen. Aber ich kann mich setzen. Und eine Körperhaltung finden, die mir bequem scheint. Mich so drehen, dass ich nicht verspanne. Das Mikrophon befindet in der Mehrzahl der Fälle direkt vor mir. Dort würde ich auch gewohnheitsmäßig das Buch halten, aus dem ich lese.

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Also muss ich einen Kompromiss finden; einerseits so sitzen, dass meine Stimme die Membranen des Mikrophons erreicht, andererseits mich so drehen, dass das Buch nicht ans Mikrophon stößt und ich dennoch die Worte im Text erkennen kann. Meistens versucht man das ja vor der Veranstaltung zu testen. Das klappt öfter als man denkt, aber nicht immer. Nicht immer ist an diesem Abend in Frankfurt. Gelesen wird im Kunstverein am Römer, Veranstalter sind die Jungen Verlagsmenschen, die anschließend einen Film über sich zeigen.

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Zuerst stellen Nico und Stefan den Verlag vor, danach mir Fragen. Das ist okay, denke ich, das ist okay so mit dem Mikrophon und dann beginne ich zu lesen und merke, dass es nicht ganz okay ist. Denn ich muss mich leicht seitlich setzen, um die Kollision Mikrophon / Buch zu vermeiden und ich merke (endlich) eine gewisse Anspannung und wie ich mehr über die ideale Position nachdenke als über den Text, den ich lese und den ich deshalb nur irgendwie lese, aber sicher nicht so, wie ich es sollte. Diesmal ist nur Zeit für zwei längere Passagen, also muss noch mehr zusammengefasst werden als vor einer Woche. Ob sich darin das Buch wiederfindet, kann ich nur ahnen, ob das was ich sage / lese / repräsentiere angenommen wird, ist eine der Fragen, die auch Applaus nicht beantwortet. Andererseits ist das egal, weil sich der Abend noch nett gestaltet, was hauptsächlich an Menschen liegt. Und das ist ja eine Aussage, die man nicht immer treffen kann.

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Am nächsten Tag schlägt eine Erkenntnis das eigene Selbstbewusstsein zu Boden: Wenn man ein Buch geschrieben hat, gibt es nichts deprimierendes als die Buchmesse zu besuchen. „Wenn du einer von Hundert sein willst, bist du auf der Messe nur einer von Tausend“ haben Tomte früher gesungen. Alles, was man schreiben kann, ist geschrieben und liegt auf hohen Stapeln bereit. Und alles ist so zufällig. Durch welche Gänge man zu welchem Zeitpunkt schlendert, wen man wann wo in der Masse erspäht, welchen Momentaufnahmen man zufällig beiwohnen kann und wie sich diese Eindrücke so zufällig zu dem Bild einer Veranstaltung fügen, die hauptsächlich von langen Laufbändern zusammengehalten wird, auf der man sich ganze Tage im Kreis transportieren lassen könnte, während Hostessen kostenlose Sonderausgaben deutscher Wochenzeitschriften reichen.

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Vielleicht bleibt ja diese allgemeingültige Erkenntnis: Frankfurt ist die Messe der überdimensionierten Brillen. Und diese: Vor den kleinen Ständen, den Ständen, die nur aus einer Zelle bestehen, in denen aber immer zwei Betreuer eng beieinander gedrängt sitzen und mit traurigen Augen auf die vorbeihastenden Besucher mit den bunten Tragetaschen von Hörbuchverlagen schauen, habe ich Angst. Dafür mag ich die großen Dan-Brown-Stände, da liegen die Bücher auf Paletten bereit und Frank Schätzing lächelt mir von einem übergroßen Pappaufstellern in Unterhosen aufmunternd zu. Davor stehen Vertreter und sagen „Ich geh dann mal Suhrkamp“. Sie greifen in die überdimensionierten Schüsseln mit den Bonbons und ziehen dabei gleich noch zwei Verträge mit heraus. Wolf Haas, der glücklicherweise immer noch die besten Bücher schreibt, beantwortet Fragen für eine große deutsche Tageszeitung und keine dreißig Minuten später die gleichen Fragen für einen großen deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Das Fazit ist, dass jeder Gottesdienst Werbung für seine Bücher macht.

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Zum Abschluss dann beim 3Sat-Stand. Dort wird eine Sondersendung zum Thema „Kulturflatrate“ aufgezeichnet. Der Aufnahmeleiter dirigiert die eben volljährig gewordenen Praktikantinnen auf die leeren Stühle. In der Diskussionsrunde hat jeder seine Funktion: Die Ökonomin verwehrt sich gegen ein zu starkes Eingreifen in den Markt, der Journalist bezeichnet die Zeitung als älteste Flatrate der Welt und der Schriftsteller ist hauptsächlich sarkastisch. Die entscheidenden Worte fallen dem Verleger zu. Er äußert sich erst am Ende offen, als die Zeit längst abgelaufen ist und nichts weiter mehr diskutiert werden kann. Er sagt etwas wie: „Wir existieren schon seit 200-225 Jahren. Wir müssen uns bestimmt nicht ändern. Wir werden bestimmt nicht einfach so die weiße Fahne hissen.“ Würde man einen Film über ihn machen, müssten man ihn „Die Chronik eines angekündigten Todes“ nennen. Am Abend zurück zum Kunstverein an den Römer. Dort wird der alternative Literaturnobelpreis verliehen, den diesmal Alexander Schimmelbusch erhält. Dort ist eine Feier, dort ist das Haus sehr schnell gefüllt. Man könnte erzählen von empörenden Backstagegeschichten, skandalösen Offenbarungen und Ausrutschern Prominenter. Aber das war ein Text über die Magie der korrekten Mikrophonierung.

Nächster Termin: 27.10.2009, Hamburg: Mathilde, Literatur & Café

Was bisher geschah:
Lesereise (I). In Werdau. Die Anspannung.

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