Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

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Man macht sich ja Gedanken. Über Hamburg zum Beispiel. Und plötzlich steht man selbst an den Landungsbrücken oder sitzt im Bus nach Bahrenfeld und was Lied war, wird plötzlich Hamburg. Staunend blickt man zu den Backsteinkontoren hinauf, die sich in den Glasfassaden spiegeln. In Hafencity sehen die frisch gepflanzten Bäume auf den Plätzen, die nach großen Entdeckern benannt sind, genauso aus, wie sich das die Praktikantinnen der Architekten so vorstellten, als sie das Modell von Hafencity optimierten. Die Menschen zwischen den Bäumen und Häusern und Superlativen sind dann lebendig gewordene Styroporfiguren. Bin also ich. In Kürze entsteht hier ein Viertel aus dem Nichts, das genausoviele Menschen beherbergen wird wie Weimar Einwohner hat. Da hat die Lobby der Glasfassadenindustrie exzellente Arbeit geleistet. Dass das Wort Glasfassaden allein im ersten Absatz schon zum dritten Mal auftaucht, ist kein Zufall, jedenfalls kein unbeabsichtigter.

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Aber eigentlich geht es ja um etwas anderes. Selbstreflexion gehört nicht dazu. Dafür ist es noch zu früh. Warum sollten die Texte über die Lesung schon nach zwei erschienen Texten die Lesung beeinflussen? Und trotzdem werde ich auf das Mikrophon, dem heimlichen Superstar des vorherigen Lesungsberichts, angesprochen und gefragt, ob es mein Lesen heute in Hamburg verändern wird, bzw. eben nicht verändern wird. Denn heute gibt es kein Mikrophon. Wie es meistens kein Mikrophon gibt und diese Information macht den vorherigen Text im Prinzip überflüssig. Aber ich beschließe, mich darüber zu freuen, dass die Texte gelesen werden und dass es eindeutig zu früh wäre, darauf in den Texten einzugehen.

Gelesen wird im Cafe Mathilde. Das ist das Gegenteil von Glasfassade, auch wenn man durch ein großes Schaufenster ins Innere blicken kann, auf Sessel und Stehlampen mit Preisschildern, Regalen voller antiquarischer Bücher, nach denen Hände greifen, zu denen Menschen gehören, die heute der Lesung beiwohnen werden. Drei Getränke frei gibt es für mich, ich nehme einmal stilles Wasser, dann ist mein Körper zufrieden. Der Rest so lala. Denn ich weiß: Leben ist das was passiert, während man Pläne macht.

Eigentlich ein schöner Spruch. Der allerdings verliert, je öfter man ihn sagt und hört. Deshalb rangiert er bald irgendwo zwischen „Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag“ und „Gib jedem Tag die Chance, der Schönste in deinem Leben zu werden“. Schade eigentlich, auch wenn diese Leben/Plan-Weisheit heute gut ins Konzept passt. Denn man macht sich ja Gedanken. Wie man eine Lesung gestaltet. Eine Stunde, welche Ausschnitte man liest und wann. In Hamburg möchte ich probieren und abweichen vom ursprünglichen, in Werdau schon verwirklichtem Plan. Den Fokus verschieben, weniger erzählen, mehr lesen. Sechs Auszüge, die für ein Ganzes stehen sollen. Also eine Stunde gute Lesung. Dann aber die Information, nachdem ich die Information erhalten habe, dass mir drei Freigetränke zustehen: Schön wäre eine Lesung über 90 Minuten und gern mit Pause.

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Das sorgsam erdachte Konstrukt namens Dramaturgie bricht in Sekundenschnelle zusammen und da ich sicher für vieles spontan zu haben bin außer Flexibilität, sehe ich erstmal ein Problem. Und laufe die nächste halbe Stunde eine Straße, die Pumpen oder Herrlichkeit heißen könnte, auf und vor allem ab. Ein Plan reift, garnichtmal so spektakulär. Aber ein Plan. Immerhin. Die Pause wird eingetaktet und ein zusätzlicher Ausschnitt ausgewählt, ausreichend, um mindestens auf 70 Minuten zu kommen. Mit der Pause erscheint das dann sowieso alles länger. Verspielt sich wahrscheinlich.

Nico begrüßt die Gäste und erwähnt die zeitgleich in der AOL-Arena lesende Herta Müller. Das ist gut. Immerhin ein Nobelpreisträger in der Stadt. Beim Lesen stelle ich erfreut fest, dass der Raum so still ist, das man jedes Geräusch hören würde, entstünde eines. Das übt einen schönen Druck auf die Zuhörer aus, sich nicht zu bewegen. Sondern sich zu konzentrieren. Dieses kleine bisschen Sadismus kann ich mir leisten denke ich. Eigentlich denke ich das nicht. Nur jetzt beim Schreiben. Aber beim Lesen liegt ein Hund in der Ecke, der wahlweise Marille oder Der Kaiser genannt wird, obwohl er eine Hündin ist. Jemand schmeißt ein Weinglas zu Boden, unbeabsichtigt, wie ich hoffe und später richtig vermute. Ansonsten alle sehr angenehm still außer mir und beim Klatschen.

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Nur die Frau. Etwas älter, sympathisches Äußeres. Sitzt direkt vor meinem Lesetisch. Und verrenkt sich in ihrem Sessel, komplett geräuschlos übrigens. Mal hängt sie sich über die Lehne, mal verschränkt sie ihre Hände vor dem Gesicht, mal sinkt ihr Kopf gefährlich nahe dem Boden entgegen. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht. Klar ist allerdings, dass es irritiert. Mich. Und ich bin auch froh, dass sie die Pause zum Verschwinden nutzt. Lieber ein leerer Sessel als ein Sessel mit dieser Frau.

Soviel zu Hamburg. Der Klang meiner Stimme füllte gefühlte drei Stunden Abendprogramm und ich bin erstmal sicher, dass ich so schnell so viel nicht wieder lesen werde / möchte. So ist jedenfalls der Plan. Jetzt muss ich lachen. Pläne.

Nächster Termin: 29.10. Weimar, Eckermann Buchhandlung, 20:00 Uhr

Was bisher geschah:
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (I). In Werdau. Die Anspannung.

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