Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

_tisch

Aber interessant. Da fällt schon mal die Hälfte weg von dem, was man schreiben könnte. Weil man in Weimar liest. Quasi Haustür. Einmal kurz raus und dann schon da. So bleiben die staunenden Beobachtungen über eine Stadt aus, all die ethnologischen Beschreibungen von vermeintlich Skurrilem. Und auch Anfahrt. Da ist Alltag, da ist Lesung, da ist wieder Alltag. Innerhalb von zwei Stunden kann man so alles abhandeln. Das ist nicht verkehrt, aber auch nicht spannend.

Vermutlich. Denn dann sind knapp zehn Minuten bis zum Lesungsbeginn und knapp fünf Menschen sind schon anwesend, mich eingerechnet. Und einer sagt, hm, in Weimar, da kommen die Bürger immer schon mindestens eine Stunde vorher, um auch ganz sicher zu gehen und einer sagt, naja, aber in Weimar zählt das akademische Viertel doppelt, quasi Universitätsstadt. Und einer will schon die Kasse wieder wegschließen und ich sage vielleicht mal abwarten. Dabei ist das alles schön. Ein großes Buchgeschäft, zwei Etagen, oben nur antiquarisch. Hier bunte Stühle, dort eine integrierte Bar, an der auch Sekt ausgeschenkt wird und in der Mitte ein Tisch, auf dem eine Glaskaraffe mit stillem Wasser steht. Allein schon das Wort. Glaskaraffe. Genauso so bezaubernd wie vor zwei Tagen noch Glasfassade.

Die Spannung also steigt. Ich fotografiere mich noch mal im Schaufenster neben Herta Müller und merke, dass so langsam eine Herta-Müller-Besessenheit Besitz von mir ergreift. Wäre „Der Schlaf und das Flüstern“ 2004 erschienen, dann wäre es eine Elfriede-Jelinek-Obsession und 1999 eine Günter-Grass-Manie. Da bin ich eigentlich schon ganz zufrieden so. Als ich wieder oben bin im Antiquarischen (und auf den Weg dahin noch super originell ein Buch über Goethe UND Schiller gekauft habe), hat das akademische Viertel gesiegt. Aber wie. Sehr schön. Menschen. Vor denen macht es immer noch am meisten Spaß zu lesen.

_schaufenster

Dann Eröffnungsrede. Das Buch hält posthum den MDR-Preis und ich die Möglichkeit, meine Idealvorstellung einer gelungenen Dramaturgie zu verwirklichen. Weil Perfektion. Jeder Satz handverlesen und jede Pause bedeutungsschwanger genug. Dreimal Lehrgeld bezahlt, damit hier alles Optimum ineinandergreift. Denn Perfektion ist nicht schlecht in der Stadt, die man als Lebensmittelpunkt bezeichnen würde. Morgen steht man den Gästen von heute zufällig an der Supermarktkasse gegenüber und da möchte man nicht gefragt werden, warum die Lesung am Tag zuvor so seltsam war, warum ich jeden zweiten Satz verhaspelt hätte und ich die Glaskaraffe tölpelhaft vom Tisch fegte oder ich plötzlich in Ohnmacht gefallen war und dann zuckend am Boden lag. In Heidelberg kann ich mich folgenlos so verhalten oder in Schwerin. Aber nicht in Weimar. Deshalb Druck.

Und weil Druck vorher Training. Die Textstellen im Vorhinein lesen, gern auch in unterschiedlichen Reihenfolgen. Der Stimme versuchen ein eigenes Leben zu verleihen, im besten Fall das der Hauptfiguren. Aber Training tötet auch spontan. Deshalb kein Training seit Hamburg. Und diese Pause dazwischen, wenn auch nur zwei Tage, wirken wie Ferien. Man kommt zurück und die Wohnung sieht gleichzeitig vertraut wie auch angenehm überraschend fremd aus. Und Wohnung ist Text. Und der Text ist vor allem an der gemeinen Stelle mit dem Goldfisch wirkungsvoll. So etwas merkt man. Weil: selten sind alle Sinne so aufnahmefähig wie beim Vorlesen. Jede Kleinigkeit rast mit der Subtilität eines Güterzugs in das Nervensystem. Jedes Husten wird zu einem Orkan, jedes Kleiderrascheln zu einem Erdbeben. Und aus der Vielzahl der Beobachtungen leitet man dann die Zustimmung ab. Ordnet sie ein in die eigene, geheimgehaltene Skala, die Auskunft darüber gibt, ob ein Abend okay, nett, schön, toll, großartig, geht so, den Umständen entsprechend bewertet wird, später im Small Talk. Man wird ja auch immer gefragt. Wie es war. Zum Glück.

_vorher

Jedenfalls der Goldfisch. Reaktionen, vereinzeltes Lachen sogar, obwohl die ausgewählten Textstellen keine Pointen enthalten. Fast bin ich sogar versucht, die heiklen drei Sätze auf Seite 65, zweiter Absatz zu lesen. Weil man trifft ja immer Entscheidungen. Beim Lesen. Lässt man den Abschnitt weg, fügt man dies hinzu, spricht man diesen Dialog mit besonderer Verve oder nimmt sich gerade zurück. Das ist ja spontan. Wenn das Training lang genug zurückliegt. Auch wenn ich das Gefühl habe, aus den Zeichen, die die Zuhörer mir senden, ablesen zu können, dass ich diese heiklen drei Sätze lesen könnte, entscheide ich mich dagegen, so wie wenn man auf der Autobahn 200 Kilometer die Stunde rast und in letzter Sekunde das Steuer herumreißt, um doch noch die Ausfahrt nach Sicherheitshausen zu nehmen. Aber okay. Muss ja noch mehr kommen können. Nichts ist langweiliger als Perfektion.

Dann Ende und Klatschen, das Buch wird eingeordnet und signiert. Man steht noch eine Zeitlang im Antiquarischen herum und verteilt Postkarten. Eine Freundin setzt, als gerade niemand hinschaut, die Glaskaraffe an den Mund und trinkt stilles Wasser Ex. Weil Brand. Schließlich Nacht.

So sind erstmal drei Wochen Romanlesepause. Drei andere Lesungen stehen aber zwischendurch an, ohne Roman. Aber Kurzgeschichte. Einerseits Freude anders lesen zu können. Andererseits auch ein Gefühl, so wie sich Fremdgehen anfühlen könnte. Der Autor als Verräter. Drei Wochen also und genügend Zeit, nochmal zwei Brennerbücher zu lesen.

Nächster Termin: 18.11. Berlin, Yuma Bar, 20:00 Uhr

Was bisher geschah:
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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