Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Berlin ist ja immer wie GTA spielen. Eine Spielwelt, in der alles möglich ist. Nach dem Intro tritt man vor den Bahnhof und eine gesamte Stadt steht zur freien Verfügung. Jeder kann gehen, wohin er will und tun, was er möchte. Manchmal hat das Konsequenzen, meistens nicht. Und diese Vielfalt der Möglichkeiten kann zu einer Lähmung führen. Weil: es gibt ja kein Ziel, nur eine rudimentäre Hauptquest, die aber sowieso nur den üblichen Schemata folgt. Dabei sind die Nebenmissionen der eigentliche Spaß an der Sache. Die Frage ist nur, wie man sie entdeckt. Vielleicht sollte man einfach nach Berlin Buch fahren und dort suchen oder hoffen, ein großer TV-Sender macht vor dem Brandenburger Tor eine Straßenumfrage zur Volkskrankheit Depression und man kriegt so ein paar Erfahrungspunkte gutgeschrieben.

Das Handbuch zu alldem ist schmal, die wichtigsten Bedienfunktionen passen auf eine Seite mit großer Schrift. Das fängt schon damit an, dass man sich im öffentlichen Nahverkehr einer fremden Stadt wie ein gerade aus dem Koma Erwachter fühlt. Während die Masse die grundsätzlichen Funktionen des Lebens hier einwandfrei beherrscht und traumwandlerisch die Linien nutzt, muss ich an kleingedruckten Übersichtplänen die korrekten Richtungen entziffern und entscheiden, ob die Endhaltestelle Pankow, Spandau oder doch der Gesundbrunnen sein soll. Natürlich lache ich schon am nächsten Tag über diese gestrige Behäbigkeit, aber gerade ist gestern und damit jetzt und damit dauert alles viel länger als vielleicht mal geplant.

Schließlich dann in der Sonnenallee. Die wird ja, hört man, inzwischen auch loboisiert. Zwischen den Dönerbuden sieht man schon die Wlanwellen und das wirkt so ursprünglich wie, sagen wir mal, die Durchsagen auf Bahnsteigen, die auf den nächtlichen Pendelverkehr hinweisen. In der Yumabar soll Read On My Dear stattfinden. Eine neue Lesereihe, organisiert von Spreeblick. Drei Autoren, die zuerst aus „Schau gen Horizont und lausche“ lesen, einer Anthologie über Städte, die auch beim asphalt&anders Verlag erschienen ist. Danach dann weitere eigene Sachen. Frédéric wird moderieren, er kümmert sich sehr nett um uns und trägt einen Hut, der später herumgehen wird. Der Hut. Die große unbekannte montetäre Variable, zu deren Vor- und Nachteilen man ganze Bücher vollschreiben könnte.

Heute wird es mal wieder unerwartet werden. Denn diesen Rahmen gab es so noch nie für den Roman; noch komplizierter ist es, die vermeintlich geeignetsten Textstellen auszuwählen, weil so ein bisschen Geruch von Slam liegt ja schon in der Luft, hier in der Yumabar. Vielleicht tut man Großstädten und den Bars dort Unrecht mit dieser Bemerkung, aber es fühlt sich im Moment so an, und ob das gut ist, kann ich so jedenfalls nicht entscheiden. Ob ich Nebelbomben werfen soll und dann funkensprühenden Teslastrom durch den Raum jagen müsste, damit alle gebannt sind und nicht bemerken, dass die beiden Kapitel, die ich lese, eigentlich keine Pointen enthalten. Da sind sie wieder, die Möglichkeiten, aber letztlich sitze ich dann doch am Mikrophon und lese, wie ich es für richtig halte in genau diesen Moment.

Und dann ist da noch Rauch. Extra Ventilatoren wurden eingebaut, weil Zuhörer von der vorherigen Lesung in den Kommentaren auf http://www.spreeblick.de darauf hinwiesen. Rauch weil Nikotin und da werde ich sofort leicht panisch. Die gesamte letzte Woche laufe ich schon mit einem Schal um meinen Hals, damit er nicht kratzt und mich im Stich lässt. Sogar geimpft wurde ich, um jedes Risiko auszuschließen und die drei Lesungen am Stück nicht zu gefährden. Und jetzt Rauch. Rotes Licht legt sich in die Schwaden und die gesprochenen Worte nehmen Form an. Das ist tatsächlich so schön wie es sich anhört. Aber eben nur bedingt in der Kehle. Das Wasserglas ist also schnell getrunken und Wasser bindet die Schadstoffe und ich denke, wie bescheuert eigentlich, dass ich daran denke und nicht, wie ich besser lesen könnte.

In der Couch versunken lauschen wir den Texten von allen. Und ich denke an das Wort „ficken“. Ich denke an die TV-Serien „Curb Your Enthusiasm“ und vor allem an „Deadwood“, in denen die englische Variante eine tragende Funktion besitzt. Und ich überlege, warum ich das Wort so selten, vielleicht auch noch nie, in meinen Texten benutzt habe. Ich höre zu und lasse die Gedanken schweifen und denke, dass man das Wort sparsam nutzen sollte. Das ist ein Ratschlag und ich überlege, warum ich ihn geben will und ich denke wieder an die offene Spielwelt, in der alles möglich ist und dass dieses Wort das Äquivalent dazu ist, weil es für alles stehen kann, es ist ein Füllwort so wie „also“ oder „vielleicht“ und weil es für alles stehen kann, steht es wiederum für nichts und dann steht da einfach nur ein Wort im Raum und schreit „Schaut mich an. Ich bin ein ganz schön krasses Wort, schaut mich an, denn ich trage eine digge Hose. Alder.“

Allerdings, während Rauch das Wort noch umschmeichelt, färbt es dennoch auf mich ab und ich lese die heiklen drei Sätze auf Seite 65, zweiter Absatz, zum ersten Mal überhaupt, weil ich in dem Moment glaube, dass es richtig so wäre. Und tatsächlich gibt es Reaktionen, eine Art unsicheres Lachen, was mich sofort veranlasst, diese Stelle live zu kommentieren, was auch ein Lachen hervorruft und ich mich frage, ob das denn überhaupt meine Absicht sein sollte. Klar, in dem Augenblick funktioniert das. Aber hinterher? Reduziert man das Gehörte nur auf die eine Stelle (die nicht erfunden ist, sondern auf Tatsachen basiert), obwohl die Stelle kaum repräsentativ ist für den Roman? Wieder so eine Frage.

Darüber habe ich viel Zeit zum Nachdenken, weil in der Nacht Pendelverkehr ist und jede Haltestelle zur Umsteigehaltestelle wird, worauf uns die Stimmen auf dem Bahnsteigen mit einer freundlichen 1:00-Nachts-Stimme hinweisen.

Nächste Termine: 19.11. Köln, Raketenklub, 20.11. Köln, Cafe Duddel

Was bisher geschah:
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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