Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Es ist ja auch immer die Frage, welchen Ton man anschlägt. Denn es bestünde ja die Möglichkeit, alles zu ironisieren. Oder sehr abgeklärt zu beschreiben. Oder kühl zu sezieren. Oder gewichtig zu deuten. Und sicher auch selbstgefällig zu reflektieren. Hier soll ein Ton probiert werden, weil es vielleicht keine andere legitime Art gibt, sich einem entscheidenden Thema der Reise zu nähern. Dazu wird ein Wort fallen, welches zwei Absätze weiter wieder auftauchen wird. Und am Ende. Das Wort heißt Pathos.

Denn man muss auch mal über Freunde schreiben. Weil das ja schön ist: durchs Land fahren und in Städte, in denen Menschen wohnen, mit denen man oft einige Zeit verbracht hat. Sie dann zu sehen und zu sprechen, ist besser als Facebook und die einzige Statusmeldung, die dabei zählt, ist die Erkenntnis, dass man so etwas viel zu selten macht. Da spielt das Real Life seine ganzen Stärken aus. Wenn man zu ihnen in die Wohnungen kommt und die Couch schon ausgeklappt ist und ein Handtuch bereitliegt und man spricht und sich für den Abend verabredet, an dem man zufällig auch noch liest. Und dann das schlechte Gewissen, wenn sie vielleicht doch das Buch kaufen, obwohl man weiß, dass man es ihnen eigentlich schenken müsste, das aber erst in der dritten Auflage geht. Und dann ist es ja meistens zu spät.

Freunde rufen auch in vielen verschiedenen Buchhandlungen an und bestellen das Buch, ohne es zu kaufen, in der Hoffnung, das Geschäft würde es so auf den Stapel neben der Kasse legen. Freunde gehen in andere Großketten und fragen mit tiefer Stimme, ob denn das „überall gelobte Debüt dieses spannenden Jungautoren“ vorhanden sei. Freunde sitzen in der ersten Reihe und schauen so, dass man sie während des Lesens gern und oft anblickt, Freunde bleiben danach länger und man fährt auf ihre Kosten U-Bahn. Freunde. Pathetisch gesprochen: das große Plusplus dieser Reise.

Im ICE von Berlin nach Köln scheucht eine Dame einen Bettler erst aus dem Abteil, dann schwärzt sie ihn beim Schaffner an. Der Schaffner sagt, für ihn sei es wichtig, dass am Ende der Reise all seine Gäste noch ihre Wertgegenstände besäßen. Ansonsten reicht die Fahrzeit aus, etwa dreimal „13“ zu hören und „Tender“ fünfmal. In der Straßenbahn später „Am Ende denk ich immer nur an dich“ und was das bedeutet, können die Nahesitzenden kaum ermessen.

Am Abend findet die erste von zwei Lesungen in Köln statt. Auftakt ist im Raketenklub, eine Lesebühne, fünf Autoren, Donald-Duck-Sonette werden vorgestellt und ABBA eingespielt. Ein Mikrophon gibt es. Es hängt mit drei dünnen Tesafilmstreifen befestigt am Mikrophonständer und könnte jede Sekunde, garantiert gerade an der dramatischsten Stelle im Text, auf den Tisch und von da auf Boden krachen. Das wäre dann Punk, der sich ganz gut an einem Ort wie diesen machen würde. Aber es passiert nichts, nur bei der Goldfischszene und ich denke, „Die Goldfischszene funktioniert ja immer.“ Im Klub wird es kalt, was seltsam ist, weil es draußen warm ist, man sagt „Zu warm für diese Jahreszeit“, jedenfalls steht das auf den Infoschirmen, die in den U-Bahnen hängen, aber nicht in den Kölner U-Bahn. Das war Berlin. In Köln gibt es nur eine Regel die U-Bahn betreffend: Je später die Nachtubahn, desto höher die Dichte von Erbrochenenlachen. Das ist nicht schön, aber das ist Köln.

Am Freitag die zweite Lesung. Das Cafe Duddel trägt einen Katzennamen. Im Leseraum richten wir Sitzreihen und Bühne so her, wie wir das als passend empfinden und müssen dafür nicht viel ändern. Nirgends ist Tesa zu entdecken, nur Nägel in den Wänden. Dann ist auch schon die nächste Kickerpartie gegen den Verlag verloren und auf den Stühlen nehmen Menschen Platz. Und manchmal weiß man schon mit einem ersten Blick auf sie, ob ein Abend wunderbar werden wird. Was weniger an einem selbst liegt oder der Art, wie man liest, sondern vielmehr an allen, die diese achtzig Minuten mit Pola und Janek verbringen. Im ersten Kapitel schon Lacher. Also eigentlich keine Lacher, sondern eher ein Art kollektives Wiedererkennen in ausgewählten Textstellen, ein einträchtiges Bestätigen, dass die im Text verwendeten Metaphern nicht allzu schief sind. So interpretiere ich die Geräusche und ich bin erfreut und erstaunt und versuche nach Sätzen kleine Pausen zu lassen, um so den Geräuschen Raum zu geben, damit sie ausklingen können, damit der nächste Satz sie nicht zu brutal abschneidet. Und diesmal ist es nicht die Goldfischszene, diesmal ist es … am liebsten würde ich ja schreiben: so gut wie alle Ausschnitte, aber das wäre vermessen.

Aus der ersten Reihe kommt ein Zwischenruf, als ich auf den Umschlag und Lange Sömme verweise. „Ah, da liegen also sonnengebräunte Frauen im Gras“ wird gerufen und das ist freundlich gemeint, was vielleicht alle so empfinden, denn es wird gelacht. Wenn es doch mehr Möglichkeiten gäbe, Lachen noch anders auszudrücken als Lachen zu schreiben. Später ist Pause und der Zwischenrufer verlässt den Leseraum, um nicht mehr zurückzukommen. Ich denke, dass man damit leben müsste und es ist okay ist, wenn man Zuhörer wegliest. Dann erfahre ich jedoch, dass er sich im Gehen das Buch mitgenommen hat. Und sagte, dass er den zweiten Teil der Lesung nicht hören will, weil er fürchtet, zuviel verraten zu bekommen und er die Geschichte lieber selbst lesen möchte. Das ist ein Moment, in dem auch Pathos darin scheitert, Hochstimmung zu beschrieben.

Im zweiten Block wird Essen bestellt und auf Bierbänken abgestellt und wird kalt, weil zugehört wird. Und als ich dann am Ende, nach der möglicherweise fragilsten Stelle im Buch sage, wie sehr mich die Lesung gefreut hat, dann ist das eine freche Untertreibung. Vor dem Cafe ist die Nacht längst über Köln gekommen. Sobald es hell wird, öffnen die Weihnachtsmärkte, in den Bäumen hängen schon Sterne. Ich weiß, dass ich frühestens in fünf Stunden einschlafen kann. Nico spricht ein Wort aus, von dem ich glaube, dass es meinen / unseren Gefühlszustand vollkommen einfängt: beseelt. Da ist er wieder, der Pathos und es gibt keinen Grund, ihm das vorzuwerfen.

Nächster Termin: 29.11.2009, Bochum, Macondo-Festival / Riff-Halle

Was bisher geschah:
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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