Lesereise (7). In Bochum. Das Hotelzimmer.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Beginnen wir mit diesem Bild: Ein Stockentenschwarm bildet ein Muster auf dem Wasser einer Kläranlage. Die Kläranlage befindet sich direkt neben dem Rhein. Anhand der Wasserfarbe lässt sich kein Unterschied festmachen, aber ich vermute, es gibt einen. Weitere Bilder während der Zugfahrt: Friedhöfe neben Wohnwagenparks. Die Städtchen sehen noch mehr Playmobil aus. Alle Sandplätze werden Sonntagmittag von Männern benutzt. Auf dem Loreleyfelsen hängt die japanische und deutsche Flagge, die letztere auf Halbmast. Es wird gewunken. Ein Frachtschiff namens Sympathie zieht stromaufwärts vorbei. Und weil Brücken fehlen, wird schnell klar: wer einmal auf der falschen Seite des Flusses steht, bleibt auch dort. Bald verschwindet das Wasser und verschiedene Städte mittelerfolgreicher Fußballklubs schmiegen sich an die Gleise.

Während die Schweiz das Christentum beschützt wird eingecheckt. Und das ist tatsächlich einen eigenen Absatz wert. Denn hier in Bochum findet etwas statt, das nicht ganz die Bedeutung hat wie die erste selbstgekaufte Platte oder das erste Konzert, aber zumindestens eine Liga darunter spielt: das erste Hotelzimmer auf dieser Lesereise. Was banal klingt ist möglicherweise ein Meilenstein, weil Hotelzimmer und Lesereisen gehören zusammen. Das kennt man aus Büchern, die Lesereisen von Autoren zum Thema haben. Es existieren eine Menge Legenden dazu und auch wenn ich nicht das Bedürfnis habe, heute Teil einer zu werden, bin ich einigermaßen gespannt. Schließlich ist jedes Hotel einem System unterworfen, mit eigenen Regeln und Codes. Das Handtuch zu Boden zu werfen zählt zu den gängigen. Das Glas zum Zähneputzen im Waschbecken zerschellen zu lassen nicht. Ansonsten fehlt an einer Tür die Zimmernummer, was erstmal Panik auslöst, sich bald aber als mein Zimmer entpuppt. Es gibt eine Menge kostenpflichtiger Wlannetze in der nahen Umgebung und ich spüre den Drang, mich einzuloggen, wahrscheinlich ins Internet und schon vor der Lesung den Text über die Lesung zu veröffentlichen.

Die Zeit vergeht aber anders und plötzlich ist da das Bermudadreieck. In Bochum! Ein Komplex unterschiedlicher Restaurants, Bars oder Musikhallen, den, wie später bekannt wird, Bochumer meiden, während das Umland an den Wochenenden hierher kommt. Das Umland heißt Sauerland. Heute findet in der Riffhalle die Abschlussveranstaltung des Literaturfestivals Macondo statt, der traditionelle Debütantenball. Und mir fällt zum ersten Mal bewusst auf, was ich bin: Ein Debütant. Endlich eine Schublade, die sich richtig anfühlt.

Drei Autoren werden lesen, ich beginne. Den Barhocker so nah wie möglich an den Lesetisch zu schieben und dabei versuchen, ein Mindestmaß an Ästhetik zu bewahren. Kurzentschlossen entscheide ich mich für andere Textpassagen als ursprünglich geplant. Das ist nicht zwingend rational, aber wenn man einmal angefangen hat zu lesen, gibt es keine Chance zur Umkehr mehr. Ich lese also einige Absätze bis etwas poppiges an meine Ohren dringt. Hier in der rotbeleuchtenden Riffhalle ist alles verstärkt. Mehrere große Lautsprecher, aus denen meine Stimmte kommt. Und Musik. Nicht gerade laut, sie könnte auch von einem vorbeifahrenden Auto stammen. Aber Musik. Zu kurz, um zu irritieren. Sie verstummt. Also jage ich weitere Passagen durch das Mikrophon. Dann kommt die Musik zurück.

Diesmal wird klar: Sie ist im Raum. Wird eingespielt, während ich lese. Und ich überlege, wie eine angemessene Reaktion aussehen könnte. Natürlich könnte ich aufhören zu lesen und beleidigt schweigen. Oder – und das wäre sicher ein Auftritt, nach dem man sich sehnen könnte – das Wasserglas wie letztens das Zahnputzglas zerstören, den Barhocker wutentbrannt von sich treten, das Buch in den Publikumsraum schleudern und dann, nach kaum einem Fünftel der Lesung, in der Hotelbar verschwinden, sich dort mit Cocktails verschanzen, um danach das Hotelzimmer gründlich auseinander zunehmen. Das wäre eine schöne Legende. Oder schön peinlich. Aber das bedingt sich ja meistens sowieso. Stattdessen versuche ich während des Lesens aufzuschauen und möglichst intensiv die Lautsprecher anzustarren: das ist nicht subtil oder konsequent, das ist instinktiv.

Und mir fällt ein, was das soll: Teil des Debütantenballs ist der DJ, der nach jedem Autor ein Lied spielt, welches er für passend zum davor gehörten Text hält. Eine Tradition, die mich, als ich zuvor backstage davon höre, in Ekstase versetzt. Und die Furcht, der DJ könnte „Ich+Ich“ auswählen. Daran erinnere ich mich jetzt. Und ich setze die Puzzleteilchen zusammen und kombiniere, dass der DJ gerade seine Musiksammlung durchgeht und vermutlich einen Tonkanal zuviel aufgezogen hat. Unabsichtlich, wie ich hoffe. Trotzdem versuche ich das Lied zu erraten. Es ist deutsch, soviel ist klar und ist es nicht „Ich+ Ich“, sondern eher schnell und … Die Ärzte müssen das sein. Aber kenne ich die Melodie? Und von welchem Album stammt es? Jedenfalls eine Menge Stoff zum Nachdenken. Außerdem muss ich ja gerade noch vorlesen. Da bin ich ganz froh, dass meine Blicke wirken und die Musik endgültig verschwindet.

Nachdem das letzte Wort von mir gesprochen ist, spielt der DJ das Lied, welches er als musikalisches Äquivalent zum Roman empfindet. Es ist „Golden Years“ von David Bowie. Das ist auf jeden Fall mehr als okay und bezieht sich auf das Kapitel „Das goldene Zeitalter“. Danach spreche ich mit dem DJ. Der sagt, die Ärzte wären Farin Urlaub gewesen und der härteste Konkurrent zu Bowie „Sunday Bloody Sunday“. Was sicherlich eine interessante Wahl gewesen wäre. Also interessant im Sinne wie man sagt, Sushi schmeckt interessant. Und er erzählt eine Menge über seine Arbeit, und das ist interessant, aber interessant-interessant.

Er spricht davon, dass er gern auf den Geburtstagen von 50jährigen auflegt, weil es da einen klaren zeitlichen Ablaufplan gibt. Dass 60- und 70. Jubiläen schwieriger wären, weil die Gäste dort keine Lieder verlangten, sondern einen Foxtrott oder eine Rumba. Davon, dass ihn unzufriedene Männer mit Schlägen bedrohten, weil er nicht den Wunsch ihrer Freundinnen spielte. Wie er sich standhaft weigert, DJ Ötzi oder Tim Toupet aufzulegen. Was Händehochsongs sind. Wie Gäste ihre Ipods zu ihm reichen. Oder sagen „Ey, ich bin auch DJ, ich kenn das, spiel mal Scooter“. Wir sprechen natürlich über Michael Jackson und dass er in den Wochen nach dessen Tod bis zu viermal am Abend dessen Lieder auflegte. Über seinen Hass auf „Like a Prayer“. Und Fettes Brot als Tanzflächenkiller. Dass Twist bei ganzen Jungen und Alten funktioniert. Und dass die 80er ihren Glanz verloren haben. Dr. Alban, Haddaway und Snap! ziehen aktuell und das führt zu der Erkenntnis: die 90er sind die 80er der späten 00er Jahre.

Das sind eine Menge guter Informationen. Damit geht es zurück ins Hotelzimmer, ohne Aufriss, ohne Spektakel spuckt uns das Bermudadreieck wieder aus und schon erscheint alles ein wenig selbstverständlich und ich freue mich, am nächsten Morgen das benutzte Handtuch auf den Boden des Badezimmers werfen zu können.

Nächster Termin: 12. 2. 2010. | Köln | 1Live Klubbing- Lesung

Was bisher geschah:
Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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