Kino. Ein Gefäß für visuelle Einfälle.

Avatar

Wer diesen Film auf seine Schauwerte reduziert, tut ihm ein Gefallen. Und das ist das wirklich Ärgerliche. Denn Avatar ist ein Autorenfilm. Nachdem James Cameron den erfolgreichsten Film aller Zeiten gedreht hat, erhielt er ja eine Wildcard für sein nächstes Projekt. Das ist so üblich, deshalb darf Christopher Nolan auch Interception drehen und nur Michael Bay dreht eben Transformers 3. Jedenfalls hat sich Cameron für Avatar dreizehn Jahre Zeit genommen, eine halbe Milliarde Dollar bekommen und eine neue Kameratechologie erfunden, die das Kino der Zukunft zeigt, wie das im Vorfeld von vielen Seiten versprochen wurde. Was vermutlich auch der Hauptgrund für den überirdischen Erfolg sein könnte.

Zu den Zeiten von Titanic gab es ja genügend Spott, dass dieser gut wie alle Oscars gewann, nur eben den nicht für das beste Drehbuch und nicht einmal dafür nominiert war. Und ebenso wie Titanic erzählt Avatar keine eigene Geschichte, sondern den Archetypen einer Geschichte. Was interessant sein kann, denn mit wenigen Modifikationen kann so Grundlegendes fürs Heute adaptiert werden. Leider verzichtet Cameron auf jegliche Modifikationen und dekliniert brav durch, was nach fünf Minuten alles so erwartbar ist, inklusive Heldenläuterung, Liebesgeschichte und Ethnokitsch.

Selbst für die Konfliktlösung zieht er den unvermeidlichen Endkampf vor, der in seiner konventionellen Brutalität im Gegensatz zur sonstigen Botschaft des Filmes steht. Die einzige Überraschung da ist, dass Cameron auf jede Überraschung verzichtet und die Guten allein durch übermäßige Biomasse gewinnen lässt. Dabei hätte Cameron mit einigen wenigen Eingriffen in die Geschichte eine vielschichtige Parabel erzählen können. Zum Beispiel die Bösewichte. Deren einziges Motiv Gewinnmaximierung ist. Hätte Cameron erzählt, dass die zerstörte Erde Unobtainium zwingend zum Überleben braucht, wäre das Gut/Böse-Schema nicht allzu offensichtlich gewesen, vom fanatischen Colonel Miles Quaritch zu schweigen. Der Zuschauer hätte sich positionieren müssen. So muss einfach nur dreidimensional zuschauen.

Und danach ein Gespräch mit einem Freund, der Avatar aus der Sicht eines Kameramanns sah. Seine Meinung, dass 3D Kino dazu führt, dass man das aufgenommene Bild auf den räumlichen Effekt hin ausrichtet und nicht mehr komponiert. Was ja Kino zu Kino macht. Ein Bild komponieren und damit eine Aussage treffen anstatt einfach nur abbilden. Aber 1.4 Mrd. $. Tendenz steigend. Das Kino der Zukunft.

2012

Wer behauptet, 2012 hätte eine dünne Story, hat möglicherweise nur diesen Roland-Emmerich-Film gesehen. Denn gewissermaßen ist das dickste Story aller Zeiten, weil alles, was es über den Weltuntergang bisher gab, hier versammelt wird. Abzüglich jedenfalls interessanter Figuren. Und inklusive der ersten Stunde von „The Day After Tomorrow“ inklusive Vater-Sohn-Beziehung. Dafür hat Emmerich ein Faible bzw. sieht darin eine dramaturgische Notwendigkeit, um den Implosionen von Kontinenten etwas mit menschlichen Antlitz entgegenzusetzen. Und erstaunlicherweise fügt sich dieser Ansatz in seiner grandiosen Übertreibung nahtlos ins Gesamtkonzept ein, in dem nicht ein Vulkan ausbricht, sondern DER Supervulkan und nicht ein Tsunami über Washington hereinbricht, sondern DER Supertsunami und nicht eine [Spoiler] Arche gebaut wird, sondern vier Archen. [/Spoiler] Deshalb sollte man nicht schreiben, dass 2012 so schlecht ist, dass er wieder gut ist, sondern dass 2012 genauso gut ist wie alle Katastrophenfilme zuvor, nur dass man die alle auf einmal sehen kann, weshalb sich das Gute wahlweise addiert, subtrahiert oder – wie in meinem Fall – potenziert.

Und so endet der Film konsequenterweise mit dem schauerlichsten Schlusssatz, der jemals nach der Rettung der Welt gesprochen wurde. Und dieser führt, ebenso konsequent, einen Handlungsbogen zu Ende, den Emmerich in Ermangelung von Ideen zwei Stunden zuvor leichtsinnig spannte.

Wo die wilden Kerle wohnen

Wer behauptet, diesen Film sofort dechiffriert zu haben, muss lügen. Oder die Vorlage kennen. Denn das ist das Faszinierende beim ersten Betrachten: Verwirrung. Verwirrt von der Brutalität, mit der im Film agiert wird. Vielleicht ist Brutalität das falsche Wort, sicher ist es das, aber wenn dreimetergroße und tonnenschwere Monster auf ein Kind springen, wenn das Kind mehrmals fast von geschleuderten Baumstämmen erschlagen wird, wenn sich Monster und Kind mit spitzen Steinen bewerfen, wenn die Monster Eulen vom Himmel schießen, wenn einer der größten Glücksmomente im Film die Szene ist, in der das Kind die Behausungen der Monster zerstören darf, wenn das Kind sowieso immer zerstört, dann verwirrt das. Und erst nach und nach kommt die Idee einer Erkenntnis und diese hat mit Schizophrenie zu tun und sich sich selbst zu stellen und ist möglicherweise falsch, hilft aber die Begeisterung zu kanalisieren.

Denn soviel ist sicher: Selten gab es einen Filmen mit Puppen, der weniger für Kinder geeignet wäre, selten gab es einen Film der aufrichtiger über das Drama des Kindseins erzählt hat. Oder besser noch: das Drama, als das man als Kind das Leben begreift. Ein zerstörtes Iglu bedeutet da den Weltuntergang und deshalb ist eine dramatische Reaktion, die seit einigen Jahren gern als ADHS diagnostiziert wird, mehr als gerechtfertigt. Das zu begreifen ist die Aufgabe dieses Film, der eine Grundtrauigkeit über alles und jeden ausbreitet, die nicht zu ertragen wäre, wenn nicht … und jetzt folgen hundert Gründe und einer davon ist der Soundtrack von Karen O von den Yeah Yeah Yeahs. Und vielleicht, weil es so war und sein wird. Als Kind.

Das Kabinett des Dr. Parnassus

Wer behauptet, kein Film hat es bisher geschafft Johnny Depp wie Alex Christensen von U96 aussehen zu lassen, kennt nicht die letzte Arbeit mit Heath Ledger. Und obwohl Heath Ledger nur etwa die Hälfte der Zeit präsent ist, ist es sein Tod ständig. In seiner ersten Szene wird er erhängt und in der letzten [Spoiler] auch. [/Spoiler] Dazwischen geht es viel um den Tod im allgemeinen und darüber, wie man Leben führen könnte. Das ist weniger bedeutungsschwanger als man vermuten könnte, was an der Regie von Terry Gillam liegt, der ja über das Optische zum Inhaltlichen kommt. In diesem Fall ist das Inhaltliche die Phantasie und das Erzählen von Geschichten, weshalb Polizisten in Frauenkleidern tanzen und damit einer Zwischensequenz vom Flying Circus entsprungen sein könnte.

Ansonsten sehr viel Greenscreen, oft überbordend oft aber auch sehr nach Greenscreen aussehend, was die Phantasie ins Binäre transformiert. Aus dem Ruder läuft hier fast alles, am Anfang vor allem die Geschichte, die Gilliam später mühsam zwieder usammenklaubt und die erst in Schwung kommt, als sie mit Ledger einen Fokus findet, der sich aber ruckzuck auch wieder verschiebt. Überhaupt sind Figuren ja das, was Gillam – ebenso wie Emmerich – am wenigstens interessiert. Deshalb lässt er sie machen, was dazu führt, dass alle Schauspieler übertreiben, so dass sie niemals mehr sind als ein Gefäß für Gilliams visuelle Einfälle. Das strapaziert die Geduld, ist aber letztlich exakt ein Film, in dessen Titel das Wort „Imaginarium“ vorkommen sollte.

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    2 Gedanken zu “Kino. Ein Gefäß für visuelle Einfälle.

    1. Avatar – dümmlicher „Pocahontas“ für 3-D Fetischisten

      http://freidemzen.wordpress.com/2010/01/15/avatar-%E2%80%93-seichter-%E2%80%9Epocahontas%E2%80%9C-fur-3-d-fetischisten/

      Avatar ist ein pervertierter Superlativ. „Das Teuerste“, „das Größte“, „das Neuste“ Schmierentheater! Denn wo offenbar mit der visuellen Ästhetik geprotzt wurde, hat man am Drehbuch/Inhalt mächtig gespart. Seicht-dröge Action- Liebesgeschichte im Alien-Gewand, zwischen Pocahontas und banal.

      Da fragt man sich nur, warum müssen moderne Blockbuster eigentlich immer so unsäglich dümmlich sein. In Zukunft – schlage ich vor – die Dialoge zu behalten und beim nächsten Filmvorhaben, marginal verändert, wieder zu verwenden. Wahlweise in ein amerikanisches Romeo-und-Julia-Ghetto gepackt oder in ein Historienepos versetzt. Da spart man sich das lästige „Rumgeschreibe“ und kann gleich mit dem Animieren beginnen. Da kann groß „VOM MACHER VON TITANIC“ und „MIT DER GESCHICHTE UND DEN DIALOGEN AUS AVATAR“ geworben werden.

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