Lesereise (9). In Leipzig. Die Messe.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Was meteorologisch Sinn ergibt, ist eine stilistische Kapitulationserklärung für den Anfang jedes Textes. Aber man muss mit dem Wetter beginnen, wenn man diese Tage beschreiben will. Der Frühling kommt, weil Buchmesse in Leipzig ist. Oder umgedreht. Klar ist jedenfalls, dass alle im Vorfeld gehegten Bekleidungsabsichten mit dem ersten Schritt aus der Bahn hinfällig werden. Das schwarze Shirt, das darüber gezogene helle Hemd, der darüber gezogene Rautenpullover mit V-Ausschnitt, das darüber gezogene legere Sacko, der schwere Mantel, der dicke Schal, die norwegische Bommelmütze, das übergroße Kassenbrillengestell – man sollte alles ablegen angesichts der Sonne. Aber man kann nicht, weil: ist ja Buchmesse.

Der erste Abend, die L3, die Lange Leipziger Lesenacht, findet in der Moritzbastei statt. Die Moritzbastei ist ein gigantischer Ameisenbau, ein Wimmelbild, in dem sich viele interessante Details entdecken ließen, wenn Zeit dafür wäre. Aber es fällt hauptsächlich die eine Stelle im Oberkeller auf, an der besonderes Licht die Augen aller Anwesenden in Katzenaugen verwandelt. Eine wunderbare Metapher, viel besser als Frühling und so wunderbar, dass man sich darin solange suhlt, bis die eigene Lesung beginnt. Vorher liest noch Ulrike Almut Sandig mit so betörender Stimme, dass alle Anwesenden andächtig schweigen, die Bionade von sich schieben, ihre Hände auf den Tischen verschränken und die Köpfe darauf betten um zu lauschen, nur dieser eine Typ mit Bart am Tisch nebenan nicht, der stöhnt und ächzt und ist „richtig genervt“, aber anstatt zu gehen, erzählt er den Kollegen etwas über das SadoMaso-Buch, welches ihn kürzlich so begeistert hatte.

Drei Autoren, eine Stunde Zeit. Im Schwalbennest. Die dritte Erwähnung eines Tieres innerhalb weniger Sätze. Es bleiben wieder 20 Minuten, die ewig elenden zwanzig Minuten, weder Fisch noch Fleisch, um in der bisherigen Sprache zu bleiben. Von der Raucherterrasse ziehen Gesprächsfetzen und Rauchschwaden ins Schwalbennest, denn die oberen gekippten Fenster lassen sich nicht schließen. Erst später werden Schalter entdeckt und betätigt und die Stille passt dann gut zu den stillen Textstellen, die ich mich zu lesen entschieden habe. Meine Bionade stelle ich auf dem Bühnenboden ab, während der Moderator auf die Postkarten hinweist und auf eine Anomalie auf diesen Karten. Es ist immer schön, wenn man nicht sofort anfängt zu lesen, sondern auch mal andere Sachen sagen und auf Anomalien, besonders unerwartete, Bezug nehmen kann.

In der L3 fliegt man vorbei, landet manchmal und das ist okay, dafür sind solche Veranstaltungen gemacht. Und wahrscheinlich ist hier nichts mehr Fremdkörper als ruhig und still, auch wenn die oberen Fenster geschlossen sind, öffnen sich die Türen ständig und man fluktuiert raus und rein, ein Nullsummenspiel, aber ein schönes. Dann ist die Veranstaltung Geschichte und die restlichen Wertmarken werden auf den Kopf gehauen oder verschenkt.

Nahverkehr ist eine der besten Erfindungen der Neuzeit. Man wird transportiert und informiert. Blaue Cabrios auf dem Stadtring zum Beispiel tragen in diesem Jahr keine Rammstein– oder Evanescenceaufkleber mehr an die Stoßstange, sondern schwarze Unheiligsticker. In der Bahn wiederum wird auf einem Bildschirm für diesen Samstag 20:00 Uhr eingeladen. Zur Klärwerksbesichtigung. Was gut so ist. Denn angesichts der Zahlen (1 Nominierungsskandal, 1500 lesende Autoren, 2071 Aussteller aus 39 Ländern, 156000 Besucher) entgeht einem leicht einiges, zum Beispiel, dass sich das Leben eigentlich nicht allzusehr darum schert, was Bücher sind, anders jedenfalls, als Literaturbeilagen großer Zeitschriften das suggerieren. Wie auch Gespräche hier, da wird jeder selbst Figur in einem titanischen Roman, der den Literaturbetrieb bestechend seziert, den einen Roman, welchen jeder Autor einmal schreiben muss.

Zweimal menschliche Towelies gleich am Eingang. Deef Pirmasens, der vor dem Blauen Sofa twittert. Ansonsten auch Menschen, die auch ohne Verkleidung wie einem Cosplay entsprungen scheinen. An der Leseinsel Religion esse ich ein Mettbrötchen, dort ist Platz zum Sitzen. Wenn man läuft, läuft man immer in einem Pulk. Gerade unter anderem auf eine Hostess zu. Und sie steuert mich zielgerichtet an, streckt mir zwei schmale Heftchen entgegen und fragt, ob ich Interesse an erotischen Erzählungen hätte und zwei Leseproben mitnehmen möchte. Fünf Minuten später, eine Halle weiter, hält mich ein Standbetreuer eines geheimnisvollen Rollenspiels an und fragt, ob ich schon über 18 wäre. In diesem Fall könne er mir etwas zeigen. Beide Begegnungen fasse ich als Kompliment auf. Wie auch Halle 2 ein einziges Kompliment ist.

Das ist ja immer eines der ersten drei Dinge, die man über die Buchmesse in Leipzig sagt. Man sagt“Manga“ und manche fügen oft noch „Mädchen“ hinzu. Wie Benjamin v. Stuckrad-Barre. Aber hier ist natürlich nicht nur Manga. Sondern Cosplay und Rollenspiel und Steampunk und Anime, lauter Begriffe, die zu googeln es sich lohnen könnte. Jedes Kostüm lässt eine Geschichte im Kopf entstehen … Nein. Besser. Jedes Kostüm ist Ausdruck einer Sehnsucht. Die von mehr erzählt als Alkohol trinken und Menschen des anderen Geschlechts kennenzulernen. Allein deshalb schlägt Halle 2 jede Form von Karneval zweistellig.

Am Abend eine zweite Lesung, die nicht in Verbindung mit dem Roman steht. Und angenehm ist, weil alte Bekannte und ein Text, den ich zum letzten Mal im Sommer las und der deshalb fast ungelesen wirkt beim Vorlesen und ich das Gefühl habe, dass dies auch anderen so scheint. Dann die Nacht, die Lichter. Vor einem Buchladen, in dem ein überlebensgroßes Bild von Clemens Meyer hängt, drängen sich Menschen. Das muss komisch sein, wenn man durch die eigene Stadt geht und sich so überlebensgroß sieht. Ob man dann Umwege macht, um sich nicht zu sehen? Oder gerade extra daran vorbei? Das sind Fragen, die sich auf absehbare Zeit nicht stellen, jedenfalls heute nicht mehr in der Hauptpost am Augustusplatz, wo alle jung sind, besonders die Verlage, weshalb die DJs nur Musik spielen, die älter als dreißig Jahre ist. Und Michael Jackson.

Nächster Termin: 27. 3. 2010 | Erfurt | Peckhams

Was bisher geschah:
Lesereise (8). In Köln. Das Radio.
Lesereise (7). In Bochum. Das Hotelzimmer.
Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

Advertisements

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s