Lesereise (10). In Erfurt. Das Sandwich.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Am Tag vor Erfurt bin ich in Erfurt. Wegen eines Gespräches im Radio. Kaum gibt Johannes, der Moderator, bekannt, dass Bücher verlost werden, leuchten die Lichter auf, welche ankommende Anrufe signalisieren. Und „kaum“ bedeutet „fast unmittelbar“, so schnell jedenfalls, dass der Verdacht naheliegt, die Anrufer haben die Nummer des Radios auf einer Schnellwahltaste gespeichert. Aber schön und beim Lesen viel Freude, Christiane und Carsten. Auf der Rückfahrt im Zug sehe ich den russischen Balalaikaspieler, der seit dem letzten Sommer ständig in Weimar ist. Er sitzt auf einem Klappfaltstuhl und spielt Kalinka. Ausschließlich Kalinka, nahezu jeden Tag, in Weimar. Wenn er mal nicht da ist, fällt das auf. So sehr, dass ich das Goethe-Schiller-Denkmal nicht mehr ansehen kann, ohne die Melodie von Kalinka im Kopf zu haben. Jetzt fährt er offensichtlich zur Arbeit nach Weimar. Aus Erfurt, einer Stadt, in der Sprayer extra „Wir Terroristen grüßen euch Touristen“ an Wände sprühen und es etliche Orte gibt, die historisch sind und deshalb auf Postkarten abgebildet sind, welche gekauft werden von Touristen. Fast viermal so so groß wie Weimar ist Erfurt und dennoch wählt der Balalaikaspieler Weimar als Ort seiner Erwerbstätigkeit.

Erfurt dann am Tag nach diesen Beobachtungen. Auf dem Domplatz ist Altstadtfrühling. Die Vorstellung ist reizvoll, dass die Schreie der Menschen in den Adrenalinmaschinen während der Lesung ins Peckham`s dringen könnten. Das Peckham`s ist eine Sandwichbar mit Kickerraum, Hausbibliothek und DJ-Ecke. Zu Sandwiches habe ich keine enge Beziehung. Man isst sie, manche sind lecker und manchmal kauft man am Bahnhof doch die Dreieckssandwiches in Plastik, weil der Backfisch bei Nordsee gerade aus. Dabei können Sandwiches durchaus eine Kunstform sein, so wie Suppen oder frisch gepresste Säfte. Ein kulinarisches Subgenre also, von dem ich heute profitieren könnte. Leider ist es so, dass Lesen eine Sache ist und Essen/Trinken eine andere. Das passt meistens nicht zusammen. Ein voller Magen suggeriert Zufriedenheit, die vor und während des Lesens nicht entstehen sollte. Vor oder während des Lesens sollte Anspannung herrschen, das beunruhigende Gefühl, man sollte sich Zufriedenheit erst verdienen müssen. Deshalb kein Essen vorher und wenn doch, dann niemals Spinat.

Wie auch immer. Im Peckham`s sind jedenfalls schon mal zwei BesucherInnen. Die reden über Onlinerollenspiele und erheben sich kurz vor dem ausgeschriebenen Beginn. Drehen sich um und fragen, ob sie eine der ausliegenden Buchpostkarten mitnehmen können. Jetzt wäre die Möglichkeit, eine originelle Antwort zu geben. So wie „Klar, NACH der Lesung“ oder „Wenn du das Buch kaufst, gibt’s die sogar gratis dazu.“ So originell eben. Stattdessen ist mein Nicken beflissen und ich sage etwas wie „Aber gern doch.“ Danach ist das Peckham`s bis auf die Besitzer und die Bedienungen erstmal leer. Also fast unmittelbar vor dem ausgeschriebenen Beginn.

Zuvor schon wurde eine Abmachung getroffen. Das „akademische Viertel“ soll (siehe hierzu auch „Lesereise Weimar“) abgewartet werden. Aus Erfahrungen weiß ich, dass warten niemals gleich warten ist. Warten ist also immer anders. Mal sehen, wie es heute wird. Zuerst trudeln innerhalb weniger Minuten doch Gäste ein. Jetzt wäre ein perfekter Zeitpunkt loszulegen. Aber weitere Zeit muss vergehen. Ich versuche mich mit einem Artikel über „Heavy Rain“ abzulenken, was nicht gerade hilfreich ist. Jemand schreibt, nach dem Spiel wüsste man die Realität wieder zu schätzen. Gedanken schießen durch den Kopf, die nur die Absicht haben mich zu verwirren. Indem sie die ersten Minuten der Lesung simulieren.

Im Normalfall setzt man sich ja nicht hin und liest sofort los. Sondern sagt einleitende einladende Sätze, in denen Worte wie „schön“, „freue“, „mich“ und „danke“ vorkommen können. Bei Bedarf kann man das beliebig ausbauen, sogar die Anwesenden einbeziehen, den Ort beschreiben, von amüsanten Anekdoten erzählen und dann elegant zum eigentlichen Thema, dem Buch überleiten. Die Quantität solcher Eröffnungen hängt immer von der Tagesform ab, die Qualität sowieso. Beides entscheidet sich meist erst in dem Augenblick, in dem man die Bühne betritt.

Aber das Warten auf den Augenblick, in dem ich die Bühne betrete, führt zu folgendem: Ich plane genau, was ich sagen will und das ist nicht gerade besonders kreativ. Pointen planen, die dann wie frisch wirken sollen. Aber man ist natürlich nicht da, damit auf Schenkel geklopft wird. Wozu aber dann? Vielleicht ein weiteres Mal die Sache mit den verschiedenen Perspektiven bei „Heavy Rain“ lesen und Vergleiche zu den verschiedenen Perspektiven in „Der Schlaf und das Flüstern ziehen“? Möchte ich das überhaupt noch etwas zu den „verschiedenen Perspektiven in `Der Schlaf und das Flüstern`“ denken oder sagen oder hören? Dann schon lieber einen Rhythmus auf die Sessellehne klopfen. Einer der Gäste, deren Zahl nun doch steigt, dreht sich um. Das ist ja auch weniger cool: Vor der Lesung den Autoren in einem Moment der Schwäche ertappen. Warum eigentlich schwach? Ich werde lesen und danach ein Sandwich essen. So wird mein Abend sein. Und er wird großartig sein.

Zur Bar schaue ich und beobachte jede Bewegung. Könnte ja sein, dass die Moderatorin genau jetzt kommt und alles beginnt. Ist aber nicht so. Ein wenig umhergerutscht, ein wenig am Handy gespielt, zum Spaß vom lautlosen Klingelton auf Klingelton mit Vibration gestellt. Da könnte man ironisch reagieren, wenn das Autorenhandy bei der Lesung läutet. Das AUTORENHANDY! WÄHREND der Lesung! Wie unerwartet und deshalb originell! Von solchen Zwischenfällen träumen spontane Charaktere. Zu denen kann ich mich nicht mehr zählen, nachdem ich Anfangs- und Schlussmonolog wie auch alle Zwischenansprachen mehrfach prophylaktisch durchgegangen bin. Und ich bin dankbar, dass das Fernsehen für heute abgesagt hat und lieber im Laufe der nächsten Woche drehen möchte. Wie lange ist das akademische Viertel nochmal? Dreißig Minuten? Was ist hier los? Und wer ist die Frau da am Mikrophon, die das Buch hochhält? Und warum blickt sie zu mir? Sollte ich lieber anstatt des Buches den Text über „Heavy Rain“ vorlesen? Wäre das eine angemessene Perfomance?

Dann entscheidet sich die Tagesform und neunzig Minuten vergehen, inklusive Sandwichpause. Bezüglich der Perfomancefrage versuche ich zumindest, erstmalig in den Dialogen mit deutlich verstellten Stimmen zu lesen, so halt, wie ich glaube, dass die Lehrerin oder Neske deklamieren oder japsen könnten. Im vorhergehenden Satz sollte das Wort versuchen rot hervorgehoben werden, aber immerhin. Später noch interessante Gespräche, gerade über die Praxis der Adoption und wer eigentlich wen auswählt. Man lernt eben stets hinzu. Ich bekomme italienischen Perlwein geschenkt und entscheide mich für das Sandwich mit Farmerschinken, Gurke, Salat und Dijon-Mayonnaise.

Zwei Stunden sind es noch bis zur Zeitumstellung oder drei. So, wie man zählen möchte. Zeit ist sowieso eine Frage der persönlichen Einstellung. Auf dem Erfurter Altstadtfrühling ist Ruhe eingekehrt. Wer jetzt noch unterwegs ist, denkt bestimmt an alles, außer ans Umstellen der Uhr. Also an morgen. Ein Kind nimmt auf Wunsch seiner Eltern Platz auf einer Tigerente. Eine Gruppe Männer schleudert es johlend aus einer Straßenbahn. Vereinzelt liegen Sandhausenfans in Ecken und weinen. Im Fotofix werden alkoholische Mischgetränke auf dem Boden verkippt. Und bei Willy Brandt ans Fenster fährt eine meterlange weiße Limousine vor. Die ist nicht für mich. Dafür der Farmerschinken.

Nächster Termin: 10. 6. 2010 | Hamburg | Literaturhaus

Was bisher geschah:
Lesereise (9). In Leipzig. Die Messe.
Lesereise (8). In Köln. Das Radio.
Lesereise (7). In Bochum. Das Hotelzimmer.
Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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