LOST. Die Konstante.

Alles andere als leicht ist es, einen abschließenden Text über LOST zu schreiben. Zum einen, weil seit Tagen ja abschließende Texte zu LOST geschrieben werden, die im Prinzip alles zu LOST sagen, was ich schreiben würde (und viel mehr noch, was ich niemals schreiben würde). Zum anderen, weil knapp sechs Jahre eine lange Zeit sind, die man unmöglich schon in der Woche nach dem Finale auf dem Punkt bringen kann. Aber eine Wahl bleibt mir nicht. Denn wer hier im Blog ab und zu nachgeschaut hat, wird eine gewisse Verbundenheit zu dieser Serie festgestellt haben.

Eine Säule aus Licht (Staffel 1)

LOST also. Das war am Anfang die Serie, in der Menschen auf einer Insel strandeten. Mehr braucht es nicht, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Aus Gründen, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind, warf ich zuerst einen Blick auf die RTL-Version von LOST. Und schloss von zehn Minuten Soap-Dramafiasko auf das amerikanische Vorbild. Etwas später dann doch „Pilot, Part 1“. Sagen wir mal so: Spätestens nach „Walkabout“ WhatTheFuck. Und WTF bedeutet im Kontext der Serie: so schnell wie möglich alles sehen. Was zu diesem Zeitpunkt existierte. 3 Tage wach in der Folge und dann diese strahlende Lichtsäule aus dem Hatch. Hätte ich damals schon gewusst, dass ein ominöses Licht ein zentrales Thema von LOST und zum größten Knackpunkt der Geschichte werden sollte, hätte ich natürlich trotzdem weitergeschaut. Weil allein die Momente bis dahin. Ethan, der als überzähliger Passagier von Flug 815 enttarnt wird und einen Schnitt später vor Claire aus dem Dschungel tritt. Der genesene Locke. Hugo mit seinem im Flashback enthüllten Millionengewinn mithilfe DER Zahlen. Rousseaus Auftauchen. Die Black Rock. Lauter WTFs.


Anstatt Figuren: das Füllen vieler Wissenslücken

Damals dachte und schrieb ich, dass die Serie ihre Einzigartigkeit aus der atemlos und mit vielen Haken erzählten Geschichte bezog und nicht aus der Vielschichtigkeit ihrer Figuren. Die Charaktere schienen eher als Schachfiguren gedacht, die Funktionen erfüllten und allein dazu dienten, Handlungsstränge zu beschleunigen. Dreidimensional wie die Charaktere in „Six Feet Under“ waren sie nicht. Dazu waren die Flashbacks zu holzschnittartig angelegt, die Konflikte und die Sünden, die sie begangen hatten, zu vertraut und zu oft schon erzählt. Was sich im Hatch befand, wollte ich dennoch wissen.

Also lernte ich Fluch und Segen von Spoilern kennen. Sehr bald schon, ohne die ersten Folge der zweiten Staffel gesehen zu haben, war klar, dass Desmond im Hatch sein würde. Und spätestens ab da änderte sich meine Wahrnehmung von LOST. Auf der unredlichen Suche nach verfrühten Antworten tauchte ich ein in die wunderbare Welt der Spekulationen. Wildeste Theorien, die sofort von den Machern dementiert wurden, schlüssige Konzepte, die alle offenen Fragen der ersten Staffel in ein Modell pressten, Hinweise auf kleinste Details, die vermeintlich die Erklärung im Ganzen liefern konnten (das Backgammonspiel zwischen Locke und Walt = Schwarz gegen Weiß) – LOST war plötzlich schon mehr als die 42 Minuten pro Folge. Plötzlich war es möglich, vieles und vielleicht alles in diese 42 Minuten hineinzudeuten. Und damit auch mehr als die Welt von LOST erklären zu können. Ein, ich schreibe das mal so im Bewusstsein von Pathos, religiöser Moment. Anhand eines überschaubaren Quellmaterials, das einen übergeordneten Sinn andeutet, etwas erklären zu wollen, das über das Quellmaterial hinausgeht.

108 Minuten (Staffel 2)

In der zweiten Staffel muss ein Knopf alle 108 Minuten gedrückt werden. Außerdem betreten weitere Überlebende von Flug 815 die Bühne. Sowie The Others. Glaube vs. Wissenschaft wird zum Leitthema dieser 24 Folgen. Michael ermordet gemeinerweise Hurleys große Liebe, um seinen Sohn zu retten. Und mit Benjamin Linus erschaft Michael Emerson die faszinierendste Figur von LOST. Manipulation gehört von nun an zum Standardrepertoire des gesamten Ensembles. Ein gute Staffel, die eine gelungene Balance hält zwischen Enthüllungen in den Flashbacks und aufregenden Schnitzeljagden mit Überraschungen. Höhepunkt ist wohl „?“. Am Ende explodiert der Hatch, gleißendes Licht überstrahlt die namenlose Insel und Penny erhält einen Anruf aus der Arktis.

Mit Bart der Beste aller Momente (Staffel 3)

Wie „The Other 48 Days“ setzt auch der Beginn von Staffel Drei auf einen Perspektivenwechsel. The Others sind keine Wilden mehr, sondern kultivierte Vorstadtbewohner mit Lesezirkel, die man so auch in „Desperate Housewives“ finden könnte. Ein Auftakt, der die außergewöhnliche Qualität der Serie deutlich macht. Danach dann sieben Folgen, die zum ersten Mal für Unruhe sorgen. Ein Liebesviereck in Käfigen. Leidenschaft und Tumoroperation. Ein Minispannungsbogen, der seine Spannung allein aus der Entwicklung der Charaktere zieht und kaum aus der Mythologie. Heute weitaus weniger tragisch als es damals an den Anschein hatte. Denn mittlerweile hatte es LOST tatsächlich geschafft, durch die Vielzahl der Flashbacks und die zahlreichen widersprüchlichen Entscheidungen der Figuren eine echte Nähe zu den Figuren entstehen zu lassen. Selbst zu Jack. Der auch Mittelpunkt der schlechtesten Folge der gesamten Serie ist („Stranger in a Strange Land“). Unmittelbar danach legt LOST einen unglaublichen Lauf hin. Eine großartige Folge folgt der nächsten und kulminiert schließlich in „The Man Behind the Curtain“. Hier deutete sich schon ein metaphysisches Element mit Jacobs Hütte an. Alle Sicherheiten verschwanden schließlich im Finale. Aus Flashback wird Flashforward und einer der drei größten (und da lege ich mich mal fest) Serienmomente aller Zeiten. Was gäbe ich darum, noch einmal so überrascht zu werden. Diese Sekunden der Erkenntnis, in denen klar wurde, weshalb Jack den Bart trägt, wie Kate zu ihm an den Hafen eilt und man plötzlich alles rekapituliert, was war und in Frage stellt – was sollte danach noch kommen?

Sprung in der Zukunft (Staffel 4)

Danach kommt ein Frachter. Staffel Vier. Und die Gewissheit, in welches Genre sich LOST gern einordnen lassen möchte. Bisher hatte es LOST ja ganz gut vermieden, sich auf etwas festzulegen. Bis zu „The Constant“ schien es möglich, dass sich alles erklären lassen würde. Mit Logik. Mit Wissenschaft. Wunderheilung. Schwarzer Rauch. Selbst das Erscheinen von Toten. Dann aber: Zeitreisen. Eindeutig Fiction, Science Fiction. In einer Folge, die von allen vielleicht die spektakulärste ist. Weil die größte Liebe von allen. Kein anderes Paar litt tragischer als Desmond und Penny. Und keines wurde bewegender zusammengeführt. Der Höhepunkt der Serie, vielleicht auch, weil in dieser Folge alle Genres nicht nur perfekt ineinanderpassen, sondern ohne einander nicht vorstellbar wären. Davor jede Menge WTFs mit gefaktem Flugzeug und verhuschtem Wissenschaftler, der Zeitunterschiede feststellte.

Und natürlich die Flashforwards. Man kann dieses Element zum Erzählen von Geschichten nicht hoch genug bewerten. Vom Ende her Geschichten erzählen. Einen vollkommenen absurd erscheinenden Endpunkt setzen. Und dann die Spannung daraus beziehen, den Weg dahin zu erzählen. Der Weg als Ziel. Gemischt mit Flashbacks. Das Spiel damit, indem ein Flashforward als Flashback vorgetäuscht wird („Ji Yeon“). Drei Zeitebenen in einer Folge nutzen. Zeit damit zu eliminieren bzw. gerade dadurch in den Mittelpunkt stellen. Größte Kunst.

Abhanden kommt in dieser Staffel das Inselgefühl. Die Helden sind getrennt, ein Teil ist auf dem Festland. Fühlt sich komisch an, nach über 70 Folgen das sichere und abgegrenzte Areal der Insel zu verlassen. Und hat mit Keamy die erste Figur, der man nur das Schlechteste wünscht. In Staffel Vier scheint alles auf einen Zweikampf zwischen Benjamin Linus und Charles Widmore hinauszulaufen. Ein Endgame, ein Kampf um die Welt, um die Rettung der Welt. Bösewichte sind beide, undurchsichtig sowieso. Genauso ist das Finale. John Locke im Sarg. Nur halb soviel WTF wie erwartet. Was tröstet: Klar ist, dass in zwei Staffeln Schluss sein wird. Also Zeit genug, um dem Masterplan zu folgen und alles sauber auserzählen zu können.

Gern auch wider der Logik (Staffel 5)

Verständlich zu beschreiben, was in der ersten Hälfte von Staffel Fünf geschieht, wäre Harakiri. Auch wenn ich nichts lieber täte, denn von allen Ministaffeln innerhalb der Staffeln hat mir das abrupte Reisen durch die Zeit wohl am meisten zugesagt. Zeitreisen. Der Feind jeder Logik und gerade deswegen der Versuch, sie logisch nachvollziehen zu können. Weil alles scheinbar einem Kausalitätsprinzip unterworfen ist. Einen Hamster einfrieren und in der Zukunft auftauen. Angeführt von Faraday eine Odyssee durch fünf Jahre LOST. Jede Menge Selbstreflexion und dann der junge Charles Widmore. Die junge Rousseau. Die neben „Live together, Die Alone“ wichtigste Aussage der Serie: „Whatever Happened, Happened“. Was es nicht mehr gibt: eine Jetztzeit. Jegliches temporäres Fundament ist der Serie entzogen, man schwebt und sucht eine Konstante. Die schließlich im Jahr 1977 gefunden wird. Ein seltsamer Schachzug der Autoren und gleichzeitig sinnig, weil man so noch einmal die Möglichkeit bekommt, mehr von Dharma zu erfahren. Außerdem überrascht James Ford und verliebt sich in Juliet. Drei Jahre Leben werden in einem Schnitt erzählt. Zu den ohnehin schon zahlreichen Gruppierungen gesellt sich mit den Ajiraleuten eine weitere, die wissen möchte, was im Schatten der Statue liegt. Die Statue. Wahlweise Fuß mit fehlenden Zehen oder ägyptische Gottheit. Und übergroßes Symbol für all die Fragen, die LOST nie beantwortet hat.

Am Ende stirbt Jacob. Und sein Bruder betritt die Bühne. Mitspieler Nummer XXL im monumentalen Spiel im ewigen Kampf zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Licht und Dunkel. Spätestens ab Mitte der fünften Staffel verschwindet die Wissenschaft. Metaphysik tritt an ihre Stelle. Alles wird Metapher, nichts ist mehr nerdiger 70er Technikschick. Der letzte große inhaltliche Wendepunkt von LOST, der eigentlich die LOSTpedia überflüssig macht. Die Frage ist nur noch: Kann das Gute das Böse besiegen? Und ist das offensichtlich Gute wirklich so gut? Auch Juliet weiß darauf keine Antwort. Also zündet sie die Atombombe um herauszufinden, ob man den Verlauf der Zeit ändern kann.

Von Punkt A zu Punktum (Staffel 6)

Staffel Sechs beweist, was in Staffel Vier schon gesagt wurde: Was passiert ist, ist passiert. WTF ist diesmal die untergegangene Insel sowie die Insel, die nicht untergegangen ist. Zwei Realitäten, von denen sich eine als sehr idealisiertes Fegefeuer entpuppen wird. Das ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Klar wird allerdings: Auf der Insel passiert nicht viel. Man läuft von Punkt A zu Punkt B und schließt sich Flocke an oder nicht. Anders gesagt: Die Inselhandlung hätte auch bequem auf zwei spannende Folge komprimiert werden können. Denn ärgerlich wird es an einigen Stellen: Warum der Tempel? Warum das U-Boot? Welche Funktion hat Desmond? Warum ist Sayid von der bösen Seite besessen und lässt sich durch ein Gespräch dennoch umstimmen? Antworten gibt es weniger, als erwartet. Dafür einen Leuchtturm aus dem Nichts. Und die Biographie von Richard Alpert in der besten Folge der Staffel.

In den Fegefeuerflashs hingegen jede Menge Zufälle. Man läuft sich über den Weg. Alternative Realitäten entstehen, in den meisten Fällen sehr glückliche. Die Frage ist, wie sich das zum Rest fügen kann. Die Antwort liefert das Finale. Zwei Folgen zuvor allerdings geschieht das Unvermeidliche. Der Mann hinter dem Vorhang wird entzaubert. Aus Jacob wird ein Mensch. Mit einem zänkischen Bruder. Und C.J. als Mutter. Die Folge, die alles auf den Punkt bringt. Ein Licht in einer Höhle als Herz der Insel. Als Erklärung für alles. Für das Rauchmonster. Die Unsterblichkeit der Brüder. Die Insel als Behüter des Guten. Das Weihwasser. Quasi Gott. Vom Stranden über die Valenzetti-Gleichung und Zeitreisen zu Religion in der reinsten Form. Andererseits: Wer bis hierhin gegangen ist, geht auch zwei Folgen weiter. Dann wird nichts aufgelöst, sondern die Theorie, welche die Macher noch in der ersten Staffel dementierten, in die Praxis umgesetzt. Wenn auch in einer Variation.

Endlich im Licht

Am Ende gehen die Helden ins Licht. Wie in „Six Feet Under“. Gelebte Leben enden im Licht. Außerdem: Zusammengeführte Paare. Kirchenfenster mit Symbolen der wichtigsten Religionen. Und Christian Shepherd als Erzengel. Wer sich hier nicht ärgert, hat den Reiz von LOST nie verstanden. Wer hier nicht davon ergriffen ist, alle lieb- oder nicht liebgewonnenen Figuren in innigen Umarmungen zu sehen, hat LOST nur als Technokrat gesehen. Wie sagt Philip Seymour Hoffman am Ende von „Synecdoche, New York“: „Ich habe die beste Idee von allen: den Tod.“ Dachten auch die Autoren. Haben sie geschrieben. So wird es sein. Whatever Happened, Happened.



Eigentlich lieber Dharma als Stöpsel

Unmöglich wie alles ist es, das Ende einigermaßen zu beurteilen. Man könnte krakeelen oder all die offenen Fragen aufzählen. Man kann sich an die schönen Momente erinnern und versuchen, im offensichtlich religiösen doch noch einen Masterplan zu entdecken, denn es offensichtlich nie gab. Offensichtlich, sagen die Autoren, war LOST eine Charakterserie. Offensichtlich haben die Autoren als einzige LOST nicht verstanden. Und es sich am Ende etwas zu einfach gemacht. Oder gerade nicht. Sollte denn am Ende Faraday aus seinem Notizbuch die Erklärung für alles vorlesen? Den Rauch in Zahlen zerlegen? Die Herkunft von Jacobs Mutter erzählen? Walts Bedeutung preisgeben? Dafür bräuchte es noch zwei weitere Staffeln. Gewünscht hätte ich mir aber gern einen 8mmFilm von Dharma, der vielleicht konkreter wird zum potentiellen Untergang der Menschheit. Wäre befriedigender gewesen als der Stöpsel in der TombRaiderhöhle in güldenem Licht.

Kein Masterplan. Außer dem: So zu tun als gäbe es einen. Wer „A Serious Man“ gesehen hat, weiß, dass es diesen nicht geben kann. Aber man kann sich Gedanken darüber machen. Fragen stellen, Antworten finden, die neue Fragen aufwerfen, die zu Antworten führen, die weitere Fragen heraufbeschwören. Ständig und immer, kein Kreis, eher eine gerichtete Bewegung ohne klare Richtung. Dabei aber immer aufs höchste gespannt. Immer versucht einen Sinn in alles zu deuten und sich dabei selten langweilen. Überrascht werden, vor den Kopf gestoßen. Alles in Frage stellen, mindestens alle Perspektiven ausprobieren und feststellen, dass Schwarz oder Weiß sowieso nicht existieren. Grau auch nicht. Sondern: Sechs Jahre. 121 Folgen. Anhand derer sich alles erklären ließe. Und nichts. Man könnte fast schreiben: Wie im Leben.

Alle Bilder von: 101 LOST T-Shirts

Episodenführer
LOST – Die längste Woche
Realitätsverlust
Fragen, die noch offen sind
As Lost Ends, Creators Explain How They Did It, What’s Going On
Charakterpoll
Das Konzept, vielleicht erklärt
LOST in drei Minuten
Mit Leidenschaft 76 Minuten diskutiert
The End
LATE
Point & Klick
LOSTCATS
Untangled



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