Lesereise (11). In Hanburg. Die Widmung.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Während der Lesereise ist Hamburg eine Konstante. Mit jedem Besuch verdoppeln sich die Kosten für die Elbphilharmonie. Und wird während der Lesung ein Weinglas umgetreten und zerstört. Quasi das MaselTov für den Roman. Jede Menge Scherben und gern auch beim Signieren der Kalauer, dass es heute hier die heißeste Lesung von allen gewesen war. Weil: Sauna im Literaturhaus.

Auf dem Barhocker neben dem Lesetisch sitzt Stefanie Hempel. Mit Gitarre. Das ist ziemlich perfekt so, weil sie singt vor, während und nach der Lesung. Musik und Text, es ist keine Floskel, wenn ich zu Beginn sage, dass dies von Anfang an ein großer Wunsch war. Sie spielt, neben eigenen Liedern, „Halleluja“ in der Version von Leonard Cohen und „Harvest Moon“. Später sagt sie, dass Nick Cave auch gut gepasst hätte, „Murder Ballads“, oder mein Favorit, „The Boatsman’s Call“. Zuvor hat sie sich im Beisein des Tontechnikers gegen ein Mikrophon entschieden. Was ihn zufrieden macht. Kennt er doch die Akustik des Raums wie seine eigene Westentasche. Und ist deshalb weniger zufrieden, als ich mir eine Mikrophonierung wünsche. Wie ich lese, fragt er und ich könnte sagen „Wie ein junger Gott.“ Aber er will Partizipien hören, stehend oder sitzend. Stehend findet er besser, sagt er, da kann man Texte mit viel größerer Überzeugung und Kraft lesen. Ich sage, dass ich eher ein Fan von sitzenden Wasserglaslesungen bin. Er nimmt das zur Kenntnis und meint, wenn man schon oft gelesen habe, wäre es kein Problem, auch den größten Raum noch mit der eigenen Stimme zu füllen. Daraufhin wird der Soundcheck gemacht und der Hinweis gegeben, dass man das Mikrophon verschieben soll, wenn man es lauter oder leise braucht.

Eine der wichtigsten Regeln von allen ist: Don`t mess with the Tontechniker. Ungeachtet dessen zeigt sich nach einer Anmoderation (die mich in ihrer Komprimierung von Lob erröten lassen würde, wenn angesichts der Hitze nicht sowieso schon alles rot an mir wäre) das Mikrophon seltsam bockig. Also pfeifend. Übersteuernd pfeifend. Je weiter man, nach Anweisung, das Mikrophon von sich schiebt, desto lauter pfeift es. Kein Geräusch mit dem man eine Lesung beginnen möchte. Das dauert etwa eine, gefühlt zehn Minuten an. Da gehen auch sämtliche Möglichkeiten aus, mit witzig- spontanen Reaktionen glänzen zu können. Glücklicherweise ist der Techniker gerade im Haus unterwegs und so löst sich das Problem, indem ich das Fenster hinter mir aufreiße und das sicher nicht billige Sennheisermikrophon in hohem Bogen in die Alster werfe. So hätte es sein können, vielleicht auch sollen. Stattdessen gilt nun: besser wäre es kein Problem, auch den größten Raum noch mit der eigenen Stimme zu füllen.


(Widmung)

Später wird das Weinglas zerstört und später sitze ich am Tisch, bereit dafür, Bücher zu signieren. Das ist immer ein heikler Moment. Denn auch wenn man es nicht glauben kann: eine Stunde Lesen strengt an. Verscheucht alle Gedanken aus dem Kopf. Wenn man danach noch ein Fünkchen Energie in sich trägt, hat man beim Lesen etwas falsch gemacht. Deshalb wäre ich nach einer Stunde Lesung gern Fußballspieler und würde mich gern eine Stunde in den Massageraum begeben, um von erfahrenen Händen die verhärteten Muskeln lockern zu lassen. Stattdessen: den eigenen Namen in Bücher schreiben. Was natürlich eine großartige Sache ist. Und gleichzeitig furchtbar. Denn: mein, in eher zweifelhafter Handschrift geschriebener Namenszug in einem Buch? Und nur der Name? Hat nicht jeder, der ein Buch kauft, der vielleicht für die Lesung Eintritt bezahlt, das Recht auf mehr als nur einen Namen, das Recht auf einen originellen Einfall?

Meistens vermerke ich als Bonus noch Ort und Datum unter dem Namen und in manchen, verrückten Momenten unterstreiche ich ausgewählte Buchstaben. Dabei hat es gute Gründe, dass ich nur selten mehr schreibe. Aber vermutlich würde man mehr erwarten. Von jemanden, der 272 Seiten mit Worten füllt, kann man mit gutem Gewissen auch zehn Worte als Widmung erwarten. Das ist ja schließlich sein Job. Nicht Skulpturen formen oder Brötchen backen. Sondern Worte schreiben.

Letztens war ich auf dem Comicsalon in Erlangen. Der Comicsalon ist eine Comicmesse, auf der Y: The Last Man neben dem Mosaik oder einer Abhandlung über die Evolution stattfindet, auf dem in Diskussionsrunden über den Rassismus in „Tim und Struppi im Kongo“ bzw. „Mecki“ gesprochen wird. Dort traf ich einen Künstler, der während der Messe über am Verlagsstand saß und sein aktuelles Buch signierte. Etwa alle fünfzehn Minuten bat ihn jemand darum. Fünfzehn Minuten Zeit also für eine Widmung. Die natürlich den Namen enthält. Sowie eine Zeichnung. Individuell. Gern auch auf Wunsch.

Während der Messe sah ich mich um. Bezüglich des Signierens ist der herkömmliche Literaturbetrieb nur eine kleine Nummer gegen den Comicliteraturbetrieb. An vielen Ständen lange Schlangen, an so gut wie allen Ständen steht immer mindestens ein Zeichner zum Signieren zur Verfügung. Und die Besucher schleppen Plastikbeutel voll mit Comicbänden an die Stände und lassen die alle signieren. Und wenn gerade niemand etwas signieren lassen will, blättern die Zeichner in ihren Büchern und zeichnen kleine Figuren und Szenen auf Seiten. Das ist so, als würde ich am Büchertisch sitzend Sätze zu den Kapiteln hinzufügen. Fußnoten, überraschend und originär.

Aber das ist nicht der Punkt. Zeichner zeichnen und Schreiber schreiben. So sollte es sein. Wenn nicht die Befürchtung wäre, ich könnte mich verschreiben. Jemand hat sich gerade durchgerungen ein Buch für gutes Geld zu kaufen und dann schreibe ich „Hanburg, dem 10.6.2008.“ Oder, genauso schlimm, aus der Laune eines albernen Augenblicks heraus einen vermeintlich originellen Spruch. „Das war die heisseste Lesung aller Zeiten. Mit freundlichen Grüßen, Stefan Petermann, Hanburg, dem 10.6.2008.“ Ein Spruch, der für immer im Buch stehen wird, der vielleicht das erste sein wird, auf das nach dem Aufschlagen der Blick fallen wird, ein Spruch, der eine Tonalität vorgibt. Da ist schon Druck da. Und je länger man über eine gute Widmung nachdenkt, desto mehr Argumente dagegen fallen ein.


Man kann natürlich auch anders argumentieren: Der Spruch hat nur eine Funktion. Und soll etwas, das nicht greifbar ist, zu einem Ding machen. In diesem Fall einen schönen Abend (der die Summe ist aus: Lesung, Musik, Bekannte treffen, etwas essen, reden, einen Statusbericht auf Twitter stellen und danach ein romantischer Spaziergang an der Alster, auf dem man die zahlreichen Höhepunkte der Lesung Revue passieren lässt). Ein Abend, an dem man sich im besten Fall erinnern möchte. Und deshalb das Buch kauft. Und deshalb das Buch signieren lässt. Und in diesem Fall kann der Spruch nicht albern genug sein. Oder pathetisch genug. Oder sinnstiftend genug, jenachdem eben, wie der Abend verlief. Und aus diesem Grund sollte es eigentlich keinerlei selbstreflexiven Überlegungen am Büchertisch, mit dem Stift in der Hand und Leere im Kopf geben. Eigentlich sollte man nur schreiben.

So funktioniert schreiben natürlich niemals. Aber ich nehme mir dennoch was vor. Für Darmstadt etwa. Bis dahin aber ein weiteres Blogphotoposen und der Besuch im Massageraum, der bei Literaturveranstaltungen immer etwas zu tun hat mit Restaurants, Wein und Gesprächen über andere Literaturveranstaltungen bzw. über Leute, die andere Literaturveranstaltungen veranstalten bzw. über diejenigen, die auf anderen Literaturveranstaltungen auftreten bzw. über die diejenigen, die nicht auf anderen Literaturveranstaltungen auftreten und warum das so ist.

Nächster Termin: 2. 9. 2010 | Darmstadt

Ohmann, wenn man nicht zeichnen kann, ist man echt angeschissen: Bücher signieren mit Johannes.

Was bisher geschah:
Lesereise (10). In Erfurt. Das Sandwich.
Lesereise (9). In Leipzig. Die Messe.
Lesereise (8). In Köln. Das Radio.
Lesereise (7). In Bochum. Das Hotelzimmer.
Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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2 Gedanken zu “Lesereise (11). In Hanburg. Die Widmung.

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