Lesereise (12). In Darmstadt. Der Schlauch.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Schön sind neue Ebenen, die man auf Lesereisen erreichen kann. Diesmal: ein Chauffeur. Der wartet vor dem Hotel, welches an der Rezeption für seine Gäste die Werkausgabe von Peter Scholl-Latour bereithält. Der Chauffeur ist natürlich kein Chauffeur, sondern ein freundlicher Bekannter des Veranstalters und hat mehr Wissenswertes über Darmstadt zu berichten, als ich beim oberflächlichen Lesen des entsprechenden Wikipediaeintrages habe mir merken können. Wobei seine Informationen mit diesen Ablenkungen kollidieren. a; der Beifahrergurt funktioniert nur rudimentär und b, Spuren werden hier schneller gewechselt als Marionettenregierungen in Pakistan. Man schlägt also mit dem Kopf gegen Fensterscheiben oder das Handschuhfach, sieht in den kurzen Ohnmachtsphasen einen jugendlichen, hemdlosen Scholl-Latour vor den Augen aufblitzen, während man interessante Details über die Konkurrenz zwischen Darmstadt und Wiesbaden erfährt. Am Ende kommt man an, standesgemäß an einem Schloss, natürlich an einem Schloss, denn dort findet die heutige Lesung statt.

Natürlich findet die Lesung nicht im Schloss statt. Sondern unter dem Schloss. Im Künstlerkeller. Der nette Chauffeur nennt ihn scherzhaft „Das schwarze Loch.“ Tatsächlich ist es dunkel. An den Wänden hängen barocke Gemälde, Masken, Uhren und Dinge aus Holz, auf den Tischen stehen Klappkarten: „Heute Lesung.“ Außerdem fällt auf, dass der Keller ein Schlauch ist, etwa zwei Meter breit und mindestens hundert Meter lang. Im vorderen Viertel ein Tisch mit Licht, im hinteren Viertel eine Bar, dazwischen eine Menge Tische.

Die gute Nachricht: An allen wird Platz genommen. Man sitzt und bestellt Gerichte und Rotwein. Besteck klappert, es wird miteinander gesprochen. Dann spreche ich, zweimal eine halbe Stunde, von Pola und Janek, wie immer eigentlich. Zwischen dieser und der letzten Lesung lag der Sommer, sage ich zu Beginn und schreibe ich hier und merke, dass dies Vorteile hat (die vorgelesenen Textstellen erscheinen mir etwas unverbrauchter) und Nachteile (die vorgelesenen Textstellen erscheinen mir etwas fremder, weshalb ich lieber Worte zweimal vorlese). Ich lese also und denke naja, vielleicht wäre es mal Zeit für andere Passagen. Weil Reaktionen sind wenig spürbar, beungünstigt durch die räumlichen Gegebenheiten in Schläuchen und das Verhalten von Licht in Schläuchen.

Dann ist Pause und ich weiß nicht so recht. Bevor aber Zeit für Grübeleien wäre, gibt es ermutigende Motivationsgespräche mit K. Schweigen wird als konzentriertes Zuhören geoutet und sie gibt wieder, was man sich an den Tischen bisher so über die Lesung erzählt. Sagen wir so: Danach habe ich keine Probleme damit, den Abend als gelungen zu empfinden. Ein gutes Gefühl, dass mich zu Höchstleistungen anspornt. Gerade im letzten Teil, das Zittern ihrer Lippen, jedes Wort werfe ich wie Diamanten in den Raum, jeder Satz ist die Salbung von Königen. Da aber bemerke ich doch eine Reaktion. Jemand gähnt, wahrscheinlich die Person, die so nah der Bühne sitzt wie keine andere. Es ist kein Nun-Hör-Schon-Auf-Damit-Junge-Gähnen, sondern ein Halb-Zehn-Nach-Einem-Langen-Arbeitstag-Gähnen. Ich weiß: Für Gähnen gibt es keine wissenschaftliche Erklärung. Aber Gähnen bleibt Gähnen, selbst wenn Sauerstoff fehlt, treibt es mich doch an, schneller zu lesen. Jede Sekunde ohne weiteres Gähnen ist ein Triumph, jedes erneute Gähnen eine Niederlage. So dauert dieser Kampf zwischen mir und der Person in der ersten Reihe mehrere Minuten. Als er zu Ende ist, ist auch die Lesung zu Ende und einen Moment später habe ich schon vergessen, dass jemand gegähnt hat bis zu dem Moment, in dem ich mich wieder daran erinnere.

Sogleich kommen die Fragen. Darüber schreibt jeder, der über Lesungen schreibt. Über Fragen, die gestellt werden. Und selbstverständlich bin ich glücklich über jede Frage, die gestellt wird. Fragen heißt Interesse. Nicht nur, dass die Leute einen Abend mit meinen Texten verbringen, nicht nur, dass man Geld dafür zahlt, dass ich meine Texte lese, nein, man fragt mich auch Sachen. Das ist nach wie vor erstaunlich und wird hoffentlich nicht so schnell Gewohnheit wie Erdbeerenessen im Juni.

Fragen also. Besonders schön: Fragen zu Sätzen. Sätze, die während der Lesung gehört und gemerkt werden. Manchmal kann ich dazu etwas sagen, manchmal bin ich darüber zu froh, als dass mir eine passende Bemerkung einfiele. Desweiteren gibt es inhaltliche Hinweise. Zur Praxis in Kinderheimen. Oder dem Präparieren von Schmetterlingen. Fragen zum Ort, zur Zeit. Viel öfter allerdings die Frage, wie man eigentlich ein Buch schreibt. Wie Thomas Mann, nach striktem Zeitplan? Oder Drogen nehmen und im Rausch Genialität aufs Papier kotzen? Fragen zum Verlag. Fragen, warum man schreibt. Wie man anfing. Vorbilder. Alles Fragen, die auch ich stellen würde. Gerade diese, die auf einem sicheren zweiten Platz der ewigen Fragenliste steht: Wie sind sie / bist du auf die Idee zu dem Buch gekommen?

Eine Zeitlang überlegte ich, mir eine außergewöhnliche Geschichte auszudenken. Neulich, als ich mit der Progress zur ISS flog, gerieten wir in ein schwarzes Loch, in dem die Zeit unter dem immensen Druck zum Stillstand kam und nur ein Schmetterling flatterte aufgeregt umher. Aber naja. So außergewöhnlich ist das dann doch nicht. Dann doch lieber die Wahrheit. Die ist alles andere als ein Smalltalkhighlight und erschöpft sich spätestens nach vier Sätzen, weshalb ich am Ende, statt einer Pointe, auf Frank Schätzing und den geträumten Schwarm ablenke, oder aktuell, auf Jonathan Safran Foer. Tiere Essen mit Söhnen.

Den Spitzenplatz der Fragelist belegt: „Kann man davon eigentlich leben?“ Mit davon ist vermutlich Schreiben gemeint und mit Leben – darüber gibt es ja unterschiedliche Ansichten. Interessant ist, dass „Kann man davon eigentlich leben?“ der aktuelle Status einer Frage ist, die eine lange Evolution durchlief. Als Kind hieß es noch: „Was willst du eigentlich mal werden?“ Als Student wurde man gefragt: „Was wird man damit eigentlich später?“ Und jetzt eben: „Kann man davon eigentlich leben?“ Meistens steht man in solchen Momenten vor dem Fragesteller und tut so, als ob man lebt. Was meistens auch klappt.

Danach gibt es Rotwein, eine Menge, die ich nicht näher beschreiben werde. Aber sie genügt, dass ich kurz überlege, mir eines der barocken Gemälde von der Schlauchwand mitzunehmen. Stattdessen aber die Heimfahrt im Zug am nächsten Mittag. Mitreisende diskutieren über Sarrazin, Diskussionen, die oft mit „Im Prinzip hat er ja recht“ beginnen und manchmal variiert werden mit: „Ich bin kein Freund des Nationalsozialismus, aber …“ Aber – immer noch das wichtigste Wort der deutschen Sprache.

Nächster Termin: 8. 10. 2010 | Frankfurt

Was bisher geschah:
Lesereise (11). In Hanburg. Die Widmung.
Lesereise (10). In Erfurt. Das Sandwich.
Lesereise (9). In Leipzig. Die Messe.
Lesereise (8). In Köln. Das Radio.
Lesereise (7). In Bochum. Das Hotelzimmer.
Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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