Lesereise (13). In Frankfurt. Der Maradona.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Manchmal steht ein Moment für alles, was sonst ist. Zum Beispiel Diego Armando Maradona. Dieser läuft eben an mir vorbei. Wobei. Eben, am Samstag Nachmittag auf der Buchmesse in Frankfurt, läuft jemand an mir vorbei, ein Mann, die Haare nach hinten gegelt, im Ohr einen Brillanten, der Körper steckt in einem sackgrauen Anzug. Das könnte Maradona sein. Wenn ich mir sicher wäre. Sackgrauer Anzug bedeutet ja normalerweise automatisch: Da steckt Maradona drin.

Zwischen „Da könnte ich mir sicher sein“ zu „Das ist so“ liegt ein Wimpernschlag, eine Entscheidung, die man nicht trifft oder doch trifft und die dann so bestehen bleibt. Ich treffe sie und Sekunden später schon sind Freunde und Bekannte informiert. Ja, ich habe Diego Armando Maradona getroffen und ich werde für den Rest meines Lebens Maradona getroffen haben. So ist das, auch wenn das vielleicht jemand ganz anderes im sackgrauen Anzug war. So ist das auch mit Beobachtungen. Es gibt die, die ich mache und die, die ich aufschreibe und letztlich sind nur die letzteren von Dauer.

Zum Beispiel Köln. Dazu möchte ich eigentlich nicht viel schreiben außer dass ich dort nicht aus „Der Schlaf und das Flüstern“ gelesen habe und dass ich trotzdem schreiben will, dass ich mich auf die erste Platte des Mount St. Helen Duets freue, die heute zwischen den Texten Musik mit zwei Gitarren und einer Stimme machen und dass mir das sehr gut gefällt und Toby Hoffmann und Andy Rosczyk hoffentlich bald an jedem Abend in einer anderen Stadt spielen werden.

Ich möchte schreiben, dass Wohngemeinschaften niemals so geräumig und so sauber sind wie DIE WOHNGEMEINSCHAFT in der Richard-Wagner-Straße und so viele nichtalkoholische Getränke gibt es da auch eher selten. Außerdem schreibe ich, dass ich mich auf das nächste Jahr freue, wenn ich den einen Text über den Trichter öfter vorlesen kann und gern jedesmal mit einem komplett anderen emotionalen Gefühlshaushalt und dass ich „emotionalen Gefühlshaushalt“ gern mal in einem Zwiebelfischabrißkalender sehen würde und gespannt wäre, was Bastian Sick dazu einfiele.

Und schließlich schreibe ich, wie überrascht ich war, als ich zum ersten Mal und aus Gründen von Hunger und mangels Alternativen etwas bei Kamps gekauft habe und ich entgegen aller Erwartungen damit der Hölle nur einen kleinen Schritt näher gekommen bin.

Am Freitag beginnt dann endlich die Buchmesse in Frankfurt. Weil ich da bin schreibe ich nicht, sondern vom Verlagsessen. Freundlicherweise haben sich Nico und Stefan um etwas Entscheidendes bemüht; nämlich Lokalkolorit. Diesen angemessen wiederzugeben wäre unterhaltsam für alle, die dabei waren, alle anderen würden vielleicht die Pointen vermissen. Aber soviel ist klar: Missverständnis, dein Herz schlägt gegenüber der Heussenstammgalerie und du babbelst.

In der Heussenstammgalerie findet am Abend ein interessantes Experiment statt: ein Gespräch über Bücher. Auf der einen Seite sitzt Marco mit seinem eben erschienenen Postkartenbuch über New York, links davon ich und dazwischen Martin, der bewundernswert versiert, gelassen und freundlich moderiert. Er stellt Fragen und da wird es schon aufregend: denn eine Frage bezieht sich auf die Texte über die Lesung, also eben das, was gerade gelesen wird. Und es ist irgendwie seltsam über etwas zu sprechen, was ich ja vorzugsweise nur für mich tue und das dennoch da draußen ist und wirkt.

Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, sage ich so etwas wie „Jaja, ich verarbeite, was passiert, indem ich es aufschreibe, zum Beispiel werde ich später über genau diesen Moment schreiben.“ Dabei schaue ich, was eher selten ist, direkt ins Publikum und denke, dass man diese Aussage auch als Drohung verstehen könnte und merke, dass viele sich unwohl fühlen, zu recht, auch ich. Und gerade jetzt, wenn ich einlöse, was ich ankündigte, wenn ich diesen Moment beschreibe, von dem ich sagte, ich würde ihn beschreiben, dann wird das selbst mir zu selbstreflexiv und sich selbst spiegelnd.

Glücklicherweise schaltet sich da Marco ein und stellt Fragen und man kommt tatsächlich ins Gespräch. Später lässt Marco noch Karteikarten ziehen und Martin hakt nach und mir fällt ein, dass Woody Allen und New York auch irgendwie zusammen gehören und schon steht die nächste Frage im Raum. Währenddessen wird der Hotpreis der Shortlist verliehen, man könnte anschließend zu Abend- und Nachtveranstaltungen gehen, etwas, das offensichtlich zu Buchmessezeiten in Frankfurt hin und wieder geschieht.

Am Sonntag hört die Buchmesse auf. Weil ich Frankfurt verlasse schreibe ich nicht, sondern: Die Leseinsel. Was sind die Merkmale einer Insel? Und warum heißt die Leseinsel dann Insel? Denn leichter war es nie einen Ort zu erreichen und, viel wahrscheinlicher noch, zu verlassen. Nichts mit Faradays Anweisungen oder dem Dharma-uboot. Ich hatte mir das ja so ausgemalt, dass ich vor leeren Bänken lese.

Dann kämen aber die Menschen, angezogen vom sirenenhaft sonorem Klang meiner Wahrheit verkündenden Stimme, die Menschen würden sich ansammeln und ballen, die MitarbeiterInnen der umliegenden Verlagsstände würden wichtige Geschäftsgespräche abbrechen, um nach vorn zu drängen, es käme zu einem positiven Aufruhr, das Wort würde die Runde machen und auf dem blauen Sofa würde Jonathan Franzen dem Moderator etwas ins Ohr flüstern und Minuten später würde er sich gemeinsam mit allen ZDF-Kameramännern zum Zentrum des Tumultes vorkämpfen, in dem ich säße wie eine Spinne in ihrem Netz, wie im Auge einer Windhose und jeder Menge anderer bekannter Metaphern. Tatsächlich ereignet es sich auch fast so, nur dass die Insel eben keine Insel ist. Also kommen Leute und sitzen und hören zu und stehen auf und gehen und andere kommen, stellen die schwerbepackten Papierbeutel vor die Füße und gönnen sich einen Augenblick des Friedens.

Nun ist Frieden nicht meine Absicht. Besser Revolution, besser noch das Gefühl, ich könnte die Menschen fesseln. Also konzentriere ich mich auf die Damen in der ersten Reihe und als diese die Insel verlassen auf das Pärchen weiter hinten und als er sie sanft anstupst und beide daraufhin aufstehen auf das an der Säule lehnende junge Mädchen und als sie sich umdreht eben auf den nächsten, die nächste, das nächste. Damit bin ich kaum konzentriert beim Vorlesen. So gibt es zu dieser Stunde zwei Ichs; eines, welches Menschen abcheckt und eines, welches irgendwie die Worte zu Sätzen fügt.

So vergeht die Zeit und wenn ich einen besser Schlusssatz hätte als diesen würde ich nicht schreiben: Ich mache gern neue Erfahrungen in meinem Leben. Damit kommt man beim Big-Brother-Casting weiter und in Beschreibungen von Beobachtungen vom Lesen.

Am Samstag übrigens laufe ich weiter durch Halle 5.1. Da ist der Stand des diesjährigen Partnerlandes: Argentinien. Ein zweites Mal kommt mir der sackgraue Anzug entgegen. Ein Familienvater wird kreidebleich, klammert sich an seinen Sohn und stammelt „Das … das … das ist doch Maradona!“ Endlich bin ich sicher: So ist das. Wenigstens diese Erinnerung muss stimmen.

Nächster Termin: 14. 11. 2010 | Jena

Was bisher geschah:
Lesereise (12). In Darmstadt. Der Schlauch.
Lesereise (11). In Hanburg. Die Widmung.
Lesereise (10). In Erfurt. Das Sandwich.
Lesereise (9). In Leipzig. Die Messe.
Lesereise (8). In Köln. Das Radio.
Lesereise (7). In Bochum. Das Hotelzimmer.
Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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