Lesereise (14). In Jena. Die Normalität.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Diesmal haben die Menschen Trommeln mitgebracht. Auf die schlagen sie rhythmisch ein, brüllen dazu im Chor und schwenken Fahnen, während ein Moderator mit überschnappender Stimme sie anstachelt, noch energischer zu schlagen, noch lauter zu brüllen und noch enthusiastischer zu schwenken. Die bis auf den letzten Platz gefüllte Halle ist ein einziger Hexenkessel, der jede Sekunde von soviel Energie zu explodieren droht.

Etwa hundert Meter Luftlinie vom Basketballzweitligaspiel Science City Jena gegen die Saar-Pfalz Braves sitze ich in einem roten Sessel. Und habe das Gefühl, dass dies das einzig Relevante ist, was ich über die heutige Lesung sagen kann. Denn irgendwie ist da nichts mehr, was mir einfällt. Alle originellen Beobachtungen schon aufgeschrieben, alles Unterhaltsame zu Pointen am Ende von Absätzen zu verarbeitet, Namen gedroppt und auf notwendige Widersprüche hingewiesen. Vielleicht rührt dieses befreiende Gefühl der absoluten Leere daher, dass diese Lesung heute möglicherweise die letzte Lesung mit „Der Schlaf und das Flüstern“ sein könnte. Geplant ist danach keine mehr. Was allerdings von Plänen zu halten ist, steht unter anderem im Lesetagebuch vom 27.10.2009.

Natürlich geht das nicht, nichts zu denken. Ansonsten wäre der Text ja genau an dieser Stelle am Ende. Dann könnte ich kaum über Jena-Lobeda schreiben, dieses in der Nacht gestrandete Ufo. In jedem Plattenbaufenster glimmt Licht. Der KuBuS ist eines der wenigen einstöckigen Gebäude hier, voller Farben. Keine einzige graue Stelle lässt sich entdecken. In einem Proberaum spielt eine Band Neil Young, was laut ist und okay, weil sie genau 19.00 Uhr aufhören werden, weil ich genau 19.05 Uhr beginnen werde.

Ohne viel Aufhebens. Und ich weiß nicht, ob das gut so ist. Kein Lampenfieber, keine Aufregung, nichts, was mich aus dem Gleichgewicht zu bringen droht. Einfach hinsetzen, ein paar nette Sätze sagen und dann exakt die Textstellen lesen, die sich auch bisher als nicht vollkommen ungeeignet entpuppt haben. Dabei mehrfach die Sitzposition wechseln, die Füße unterschlagen, kein Mikrophon vermissen, stattdessen deutlich sprechen, aber nicht zu deutlich, laut lesen, aber nicht schreien, Pausen zwischen Absätzen einlegen, aber nicht quälend, zu den Gästen schauen, aber nicht zu penetrant, die Stimme variieren, aber nicht zu theatralisch, sich eine gewisse Portion Fahrigkeit gönnen, aber niemals komplett die Kontrolle verlieren. Alles also wohldosiert, in Watte gepackt und trotzdem noch genügend von den Umwelt mitbekommen.

Vielleicht ist das tatsächlich der einzige Weg, wenn man nicht bei jeder Lesung Rasierklingen zur Verfügung hat, mit der man in Stirnen schneiden kann. So fühlt sich Normalität an. Bei allen Vorzügen bleibt dieser Makel: Normalität ist langweilig für andere. Darüber muss kein Wort verloren werden. Deshalb bin ich froh, als am Ende doch noch etwas passiert. Fragen werden gestellt. Über den Zustand. Über das Zeitanhalten. Neugier wird geweckt, denn: Pola ist offensichtlich der zweite Mensch in der Geschichte, der die Zeit anhalten kann. Der erste war Nostradamus. Dann geht es über die Idee zu dem Buch, über mein Studium, über meine Musik, über die Reime in meiner Musik, über meinen Geburtsort, über mein Alter. Also jede Menge ich. Eigentlich fast schon zuviel ich. Ganz sicher zuviel ich. Geschickt arbeitet der Fragesteller in die Fragen meine CV ein. Fakten über mein Leben, interessantes Insiderwissen, lauter Dinge, die man im Netz zusammensuchen kann und die für sich genommen harmlose Informationen sind, der geballten Summe hier jetzt im KuBuS allerdings irgendwie auch leicht furchteinflössend. Ich interpretiere die Offenlegung einiger Teile meines Lebens dann doch als Kompliment.

So bricht der Abend an. Das Leseexemplar des Buches, das mit den vielen bunten Klebezetteln, den Bleistiftanmerkungen und Eselsohren wird sorgsam in einen Stoffbeutel gepackt. Ein letztes Mal Datum, Ort und Unterschrift in ein Verkaufsexemplar geschrieben. Das Glas Leitungswasser ausgetrunken. Vor die Tür getreten, in die warme Novemberdunkelheit. Aus der Werner-Seelenbinder-Halle strömen erschöpfte, aber zufriedene Science-City-Anhänger. An der Haltestelle fährt die Straßenbahn der Linie ein, auf der tags zuvor ein Kontrolleur zusammengeschlagen wurde. In sie könnte ich steigen und mich in die Stadt bringen lassen, zurück an Orte, an denen auch alles im Gleichgewicht ist. Normalität also. Oder umdrehen. Und loslaufen, ins Gegenteil davon, um zu sehen, wohin das führen könnte.

Was bisher geschah:
Lesereise (13). In Frankfurt. Der Maradona.
Lesereise (12). In Darmstadt. Der Schlauch.
Lesereise (11). In Hanburg. Die Widmung.
Lesereise (10). In Erfurt. Das Sandwich.
Lesereise (9). In Leipzig. Die Messe.
Lesereise (8). In Köln. Das Radio.
Lesereise (7). In Bochum. Das Hotelzimmer.
Lesereise (6). In Köln. Der Pathos.
Lesereise (5). In Berlin. Der Rauch.
Lesereise (4). In Weimar. Die Entscheidung.
Lesereise (3). In Hamburg. Der Plan.
Lesereise (2). In Frankfurt. Das Mikrophon.
Lesereise (1). In Werdau. Die Anspannung.

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