Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Gewissermaßen ist das ein Anfang. Und außerdem geht es weiter. Ein neues Buch, die bekannten Orte. Leipzig, die Moritzbastei, die Lange Lesenacht, 50 Lesungen, etliche zur gleichen Zeit. Da könnte ich schreiben, was ich vor einem Jahr schon geschrieben habe. Dann sitze ich aber im Backstageraum vor einem gigantischen Spiegel mit Glühbirnen am Rahmen, ein Spiegel, wie er in Filmen über das Showbiz immer eine große Rolle spielt. Hier spielt das Nichtrauchergebot eine noch größere Rolle, weshalb etwa ein Viertel des Spiegels von einem entsprechenden Verbotsschild bedeckt ist. Vor dem Spiegel stehen Moderator und Autor und rauchen. Das ist keine Geste des Aufbegehrens, sondern sind, naja, einfach zwei Menschen, die vor dem Gang auf die Bühne noch einmal rauchen.

Stunden zuvor hatte Tino Hanekamp in der Veranstaltungstonne einen Schuss aus einer Pistole abgefeuert. Der Klang von Platzpatronen wurde Minuten später noch von den Steinwänden zurückgeworfen. Danach traf ich K. fünf Minuten vor ihrer Lesung. Sie sagte etwas wie „Es ist sehr heiß hier“, was stimmte, weil es in der Ratstonne geradezu unerträglich heiß war. Ich hätte nicken oder „Ja“ sagen oder ihr viel Erfolg wünschen können. Stattdessen allerdings antwortete ich, aus Gründen, die in diesem Moment, aber auch später nicht mehr nachvollziehbar waren: „Dann lies doch einfach schneller.“ Das war interessant, weil überhaupt kein logischer Zusammenhang zwischen der Lesegeschwindigkeit und der Raumtemperatur existiert. Und wieso sollte man jemanden auffordern, schneller zu lesen, fünf Minuten vor Beginn der Lesung? In der nächsten Stunde jedenfalls, jedesmal, wenn K. das Tempo auch nur minimal anzog, traf mich das schlechte Gewissen hart. Fast wünschte ich mir vor meiner Lesung eine Retourkutsche, etwas wie „Iss doch fix noch Spinat, auf dass die Blätter zwischen deinen Zähnen hängenbleiben“ oder „Kippe doch das Mineralwasser über dein Buch“ oder „Beleidige doch das Publikum grob“, eine Form von Ratschlag eben, die man vernünftigerweise niemanden erteilt.

Dann sitze ich aber gegen halb zwölf ratschlagslos am Tisch und lese „Außer Atmen.“ Und damit beginnt die faszinierende Geschichte von der Lesereise zu Ausschau halten nach Tigern. Sechzehn Erzählungen, die in den nächsten Monaten durch das Land getragen werden, quasi mein Gegenentwurf zum Moratorium. Ein Motiv, was sich durch alle Texte darüber ziehen wird, ist das Einschätzen der Umstände und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, welche Erzählung für diesen Ort und diese Zeit die perfekte ist. Und weil ich ja nicht weiß, ob ansonsten noch interessante Begebenheiten zu beschreiben sein werden, gebe ich diesen Trumpf nicht schon heute aus der Hand und schreibe auch nicht darüber, ob ich denke, dass „Außer Atmen“ die perfekte Erzählung für die Veranstaltungstonne eine halbe Stunde vor Mitternacht gewesen sein könnte. Stattdessen verwerte ich anschließend Getränkemarken sinnvoll.

Einen Tag später ist es fast Rock´N´Roll. Zumindest aber Indiefolk. Zwei Lesungen im Abstand vor nur einer Stunde. Deshalb hetzt gegen acht Uhr am Abend ein Auto durch Leipzig. Ideal wäre ein harmloser Unfall, Blechschaden und Nasenbluten und dann zu Fuß bis ins Theater Fact, um mit letzter Kraft die Tür zum Lesesaal aufzustoßen und zu rufen: „Ich habe es für die Literatur getan.“ Die Realität ist – und das ist wirklich ungewöhnlich für 2011 – weitaus unspektakulärer. Was ja nicht unbedingt von Nachteil sein muss. Zum ersten Mal lese ich „Schweineholger“, was mich schon im Vorfeld aufgewühlt hat, weil es ja nicht so ist, dass es Schweineholger irgendjemanden einfach machen würde. Mit Standpunkten zum Beispiel. Jedenfalls kommt es deshalb danach zu Gesprächen und das wünscht man sich ja eigentlich immer: Gespräche über Geschichten. Im späteren Verlauf des Abends … aber auch das ist ein Trumpf und soll diesmal kein Thema sein. Nur soviel: irgendwann taucht in der alten Post der Sänger einer beliebten deutschsprachigen Band auf, der zugleich Autor einer sehr bekannten Buchtrilogie ist, und irritiert mit seiner überdimensionalen Brille, die größer ist als alle Brillen aller im Verlagswesen Beschäftigten zusammengenommen.

So eine Buchmessewoche ist natürlich nicht komplett ohne Buchmesse. Ohne vertraute Bestandteile wie: am blauen Sofa feststellen, dass die interessanten Gäste gerade vor zwanzig Minuten das blaue Sofa verlassen haben oder erst in zwei Stunden Platz nehmen werden. In zwei Stunden aber ist man gerade in Halle 3 und schaut zu, wie Papier geschöpft wird. Und kann sich nicht zwischen Magnum Mandel und Magnum Cocoa entscheiden. Oder möchte unbedingt sehr gern in Besitz einer dieser fantastischen Juri-Gagarin-Tragetasche gelangen. Und bekommt ein Schokoladenherz in die Hand gedrückt. Und ist im Nur-Flug-Modus und schiebt sich halb euphorisch, halb apathisch durch Gänge bzw. lässt sich schieben. Oder schaut, ob Japan thematisiert wird. Und muss dafür die Cosplayer besuchen. Dort hängen die weißen Flaggen mit dem roten Punkt und da stehen die Spendentöpfe. Außerdem ist ja so gut wie jedes Kostüm sowieso schon Statement für Japan. Außer vielleicht dem Black Swan.

Um die Mittagszeit schließlich die Leseinsel der Jungen Verlage. Eine Doppellesung, mit entsprechendem Intro und futuristischen Stühlen, die überraschenderweise äußerst bequem sind. Im Vergleich zur Buchmesselesung in Frankfurt bleibt die große Publikumsfluktuation aus, d.h. man kann sich beim Lesen auf einzelne Menschen konzentrieren, die freundlicherweise auch sitzenbleiben. Deshalb ist die Irritation gering. Auch freundlich, dass mir K. fünf Minuten vor Lesung nicht zuflüstert „Lies doch einfach mal schneller.“ Dafür jedoch wird die nächste halbe Stunde von einer Videokamera festgehalten, für das Internet, dieses unbestechliche Werkzeug des Bösen, das alle Fehler für alle Zeiten unbarmherzig konserviert. Deshalb wäre es gut, so wenig Fehler wie möglich zu machen und aus diesem Vorsatz erwachsen mehr Fehler als gewohnt. Nicht unbedingt optimal, auch wenn später mehrmals der Satz fällt: „Das war doch okay. Und bestimmt dachten alle, du hättest den Text zum ersten Mal gelesen.“ Trost sieht anders aus.

Bevor ich Leipzig verlasse, passiert das größte Kompliment, das die Buchmesse einem machen kann: Ausschau halten nach Tigern wird vom Stand geklaut. Eben noch lag es in Plastik eingeschlagen auf dem Tisch und in der nächsten Sekunde schon hat es sich ein interessierter Messebesucher unter den Nagel gerissen. Ein perfekter Abschluss könnte nicht anders aussehen. Im Zug sitzen Stunden später die Maids und Krieger, Elfen und Steampunker auf reservierten Plätzen und klicken sich durch die Speicherkarten ihrer Digitalkameras. Während sie in bequeme Jogginghosen schlüpfen, spiegelt sich mein Gesicht in der Scheibe des ICs. Und seltsam: es erscheint mir fremd. Weil ich im Laufe der letzten Tage unerklärlicherweise Martin-Walser-Augenbrauen bekommen habe.

Gelesen: Außer Atmen, Carola Schachmann springt auf Tische, Retusche, Schweineholger, Vor dem Fenster

Ausschau halten nach Tigern

Was bisher geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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