Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Schnitzelalarm / und du genießt das / und dir gefällt das / und du brauchst das / du Schatzstadt

Am Morgen dieses Tages blinkt in einem Radiostudio in Erfurt eine Leuchte auf. Denn draußen vor der Tür wird geklingelt. Draußen vor der Tür stehe ich und kurz darauf vor einem Mikrophon und sage einige Sätze, die sich bald versenden. Vor exakt einem Jahr gab es eine nahezu identische Situation. Nur das Buch war ein anderes. Seitdem hat sich nicht alles, aber einiges geändert. So macht mittlerweile die Gentrifizierung auch vor Erfurt nicht Halt. Ich erfahre, dass ein sicheres Zeichen einer beginnenden Gentrifizierung das Bauen von Komplexen ist, die ein „Höfe“ im Namen tragen. Vor dem Radio hier wird gerade das Fundament für die Schottenhöfe gelegt.

Wenige Stunden später im Zug nach Hamburg. Auf Feldern ruhen Schwäne und ich gehe eine der Lieblingsbeschäftigungen von Zugreisenden nach: Zugreisende anhand ihrer Lektüre zu beurteilen. Die Frau neben mir liest „Solar“ von Ian McEwan. Sie erhält eine relative hohe Punktzahl auf der nach oben offenen Sympathieskala. Begünstigt wird dieser Umstand, dass auch ich momentan „Solar“ von Ian McEwan lese. Bis Hannover also reisen wir beide gemeinsam einmal zu Arktis und zurück und erfahren Wissenswertes über das Beard-Einstein-Theorem und die Photosynthese.

In Hamburg ist es dann wie in Erfurt, nur dass man sofort auf die Gentrifizierung zu sprechen kommt. Das Gängeviertel zum Beispiel. Interessante politische Entscheidungen haben nahe des Axel-Springer-Platzes dazu geführt, dass hier Jupi auf Vernissage, Brahms auf Kupferdiebe trifft und damit das schafft, was Architekten zwar in Modellen von sündhaft teuren Gebäudekomplexen einplanen können, in der Umsetzung aber immer nur von anderen erbracht werden kann: Leben. So wächst in der Jupilinde eine bezaubernde Bibliothek heran, in der „Troposphere“ neben „Tom Sawyer“ und „Der Schlaf und das Flüstern“ neben einer schwarzweißen Ausgabe der Neuen Revue von 1971 steht. Im Laufe des Abends werden Aktionen wie die Anti-Vattenfall-Lesetage erklärt, die in naher Zukunft die originalen Vattenfall-Lesetage ersetzen sollen. Über diese Gegenveranstaltung würden einheimische Medien gern berichten, dürften aber nicht, da Vattenfall ein zu großer Sponsor dieser einheimischen Medien wäre. Es gibt eine Menge dieser Geschichten, auch vom 48-Stunden-Lesemarathon oder die Theorie, nach der die persönliche Aufmerksamkeitsspanne exakt das Alter umgerechnet in Minuten beträgt.

Dabei ist an diesem Abend auch Jan. Der klebt ein Mikrofon auf einen Koffer, streicht mit dem Schlagzeugbesen darüber und klopft auf die Oberfläche und erzeugt damit Geräusche, die so nie von einem Koffer zu erwarten wären. Zusätzlich ist eine Gitarre im Spiel, vor die etwa zehn Effektgeräte geschaltet sind, die zwischen den Texten zum Einsatz kommen. Zwei x fünfundvierzig Minuten vergehen in der Jupilinde. Auf Facebook gab es zwölf Besuchszusagen. Also rechne ich optimistisch mit mindestens sechs Besuchern. Die Differenz zwischen virtueller und realer Welt könnte kaum größer sein. Am Ende sitzen die Menschen auf Treppenstufen und stolpern während der Lesung in dem angenehm mit Büchern und Manifesten vollgepackten Raum und murmeln erstaunt: „Krass.“

Krass ist ja ein Wort, das immer geht. Auch in der zweiten Geschichte, die ich heute lese. „Springbreak Europe.“ Der Titel macht keinen Hehl daraus, dass Alkohol und Enthemmung die zentralen Rollen spielen. Dies versucht die Geschichte mit viel Liebe zum obszönen Detail zu beschreiben, Details, die keine Fragen offenlassen und gern mit Eindeutigkeiten arbeiten. Es wird viel gelacht, was großartig ist, und je länger das Lesen andauert, desto mehr wächst das Lachen an. Das ist nach wie vor super, weil es ja auch beabsichtigt ist. Und gleichzeitig ist da so ein Unwohlsein, weil die Dinge, die beschrieben werden, lustig sind und gleichzeitig furchtbar traurig in ihrer trostlosen Ekstase. Es müsste ein Geräusch geben, welches sich sowohl an der skurrilen Situation erfreut als auch Entsetzen über die Umstände ausdrückt. Irgendwie schizophren, weshalb ich beginne, einzelne Wörter zu vernuscheln und Pointen zu versemmeln und gleichzeitig darauf bedacht bin, soviel wie möglich an Reaktionen mitzunehmen. Dafür kann der Text nichts, die Zuhörer schon gar nicht, weshalb ich allein die Schuld an meinem Unwohlsein trage, das sich später in Gesprächen glücklicherweise einigermaßen auflöst, auch weil ich bemerke, dass es weniger darum geht, die Geschichten nur vorzulesen, als vielmehr zu schauen, was sie eigentlich für Auswirkungen haben. Außerdem – und das ist nicht vollkommen unwichtig – erfahre ich den Unterschied zwischen Astra und Alster.

Vor den Gesprächen danach steht jedoch zuerst das Ende der Lesung. Da bin ich schon/noch irgendwie überfordert von den Reaktionen und vor allem dem Wunsch nach einer Zugabe. Ich druckse also herum und Jan springt dankenswerterweise mit einer Improvisation in die Bresche und ich gehe währenddessen in Gedanken hektisch alle ungelesenen Geschichten durch, um doch noch auf die Schnelle einen Abschnitt zu finden, den man aus dem Kontext reißen und der somit einen entsprechenden Abschluss für diesen Abend bilden könnte. Vielleicht die Stelle mit dem Moleskineblock? Oder den Absatz aus „Vor dem Fenster“, in dem ich die Boxhamsters und Die Sterne zitiere? Das würde passen, denke ich und erinnere mich an einen Ausschnitt aus der Dokumentation über die Band, in der sie nach einem Konzert hinter der Bühne unschlüssig beieinander stehend beratschlagen, ob sie noch eine Zugabe spielen sollten, während das Publikum trunken vor Glück „Wir finden schon nach Hause, so oder so“ singt. Da würde sich ein Kreis schließen, bereits am zweiten Leseort, das wäre Rekord, denke ich und schweife weiterhin geistig ab. Dann ist der Moment auch schon vorbei und wir sitzen in Erikas Eck und könnten Wiener Schnitzel so groß wie Kontinente essen. Pommes Frites mit Bratkartoffeln an Schlachterplatte, während draußen Menschen in braunen Kapuzenpullovern einen Abstieg nach einem Plastikbecherweitwurf betrauern. Ich wüsste keinen besseren Zeitpunkt für einen Schnitzelalarm.

Gelesen: Carola Schachmann springt auf Tische, Springbreak Europe, Schwarz vor Augen, Hager

Jan Drees auf myspace

Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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