Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Es ist Frühling. Du bist in Erfurt, im Peckham’s, du trinkst einen Erdbeersaft und hörst einer Lesung zu. Ich sitze vor dir und lese aus meinem neuen Buch. Es heißt „Der Schlaf und das Flüstern.“ Angenommen, du würdest genau jetzt einen Moment lang die Augen schließen. Wenn du sie wieder öffnest, wäre noch immer Frühling, du wärst weiterhin im Peckham’s in Erfurt und ich würde für dich aus meinem Buch lesen. Aber ein Jahr wäre vergangen und deshalb hieße dieses Buch nun „Ausschau halten nach Tigern.“

Was hätte sich ansonsten in diesem Jahr geändert? Es sind nun andere Parteien, die sich besonders stark für den Atomausstieg machen. Nicht mehr Bayern München ist die erfolgreichste deutsche Mannschaft in einem europäischen Fußballwettbewerb. Und zwar würde selbstverständlich Thomas Gottschalk „Wetten, dass …?“ moderieren, aber eben nur zweimal noch. Ein Jahr, im Normalfall 365 Tage und jeder hätte seinen Teil dazu beigetragen, dass sich Gewissheiten aufgelöst haben, Horizonte verschoben und dir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde und das, worauf du heute stehst, im Grunde genommen Treibsand ist, der dich beim nächsten Schritt schon in die Tiefe ziehen könnte. Das also ist die Gegenwart und alles, was du gegen sie in der Hand hast, ist ein verwirrendes Spiel mit der Zeit.

Angenommen, du hast bis hierhin gelesen und angenommen, du bist weiterhin auf der Lesung im Peckham’s. Vielleicht bist du zuvor durch Erfurt gelaufen, hast dich in den Gässchen verirrt, bist am ersten öffentlichen Fledermausdetektor Deutschlands vorbeigekommen, hast in die Schaufenster geblickt, die Massagebücher für Katzen anboten, die Plakate gesehen, die zu Botoxpartys einluden, hast auf dem Domplatz den Schaustellern zugesehen, wie sie den Altstadtfrühling aufgebaut haben, der in wenigen Tagen die Stadt wieder mit dem Geruch von Zuckerwatte und den Geräuschen der Karussells überziehen wird, der Domplatz, der in wenigen Monaten mit hunderttausenden Menschen gefüllt sein wird, die dann größtenteils zum Papst aufblicken werden. Nur wenige Meter von diesem zukünftig heiligen Platz sitzt du und vor dir auf dem Tisch steht das dampfende Tiger-Spezial, eine Mango-Möhren-Suppe mit wahlweise Hühnchen oder Ziegenkäse. Das Tiger-Spezial zu einer Lesung, in der kein einziger Tiger auftauchen wird. Und dennoch hat die Bedienung mit viel Liebe zum Detail einen Tigerkopf auf eine Schiefertafel gezeichnet.

Und es fängt an, wie es oft beginnt: man ist sich noch nicht ganz sicher, ob das etwas werden kann. Neben dir brummt ein Kühlschrank, der deinen Erdbeersaft bis eben noch kühl hielt. Von den Pflastersteinwegen läuten Fahrradklingeln. Der Mann in der letzten Reihe ist zehn Minuten nach acht Uhr gegangen, lange bevor die Lesung begann. Die AustauschstudentInnen halten ihre Übersetzungscomputer bereit. Jemand sagt etwas in ein Mikrophon, einige unwichtige, einleitende Sätze, die immer gesagt werden müssen, damit es nicht sofort losgeht, damit man sich aneinander gewöhnen kann, so eben, wie du in eiskaltem Ostseewasser badest: Schritt für Schritt gehst du hinein, Stück für Stück benetzt du deine Haut mit Wasser, um dann mit einem Mal unterzutauchen. Dein Kopf unter dem Brackwasserspiegel.

Endlich fühlt sich die Umgebung an, als würdest du dazugehören. Eine erste Geschichte wird gelesen und danach eine zweite. Du ahnst nicht, dass dies nicht so geplant war, dass die zweite Geschichte eigentlich an dritter Stelle stehen sollte, während die zweite Geschichte die vierte wird und die vierte deshalb an die dritte Stelle rückt und das spontan entschieden wird und das für dich keine Rolle spielt, weil „es-war-so-geplant“ ist meistens das Gegenteil von „so-ist-es-gekommen.“ Vielleicht hast du nach der zweiten Geschichte Interesse, mehr über die Band Turbostaat in Erfahrung zu bringen, vielleicht schaust im Anschluss an diese Lesung wieder einmal „Fight Club“, vielleicht arbeitest du in einem Copyshop und findest das alles übertrieben.

In der Pause redest du. Es sind Menschen da, das ist ja quasi immer die Grundbedingung einer Lesung. Menschen. Vor Dingen zu lesen wäre nur der halbe Spaß. Du orderst einen tiefen Teller Tiger-Spezial nach, weil das wirklich lecker ist. Und schließlich – kaum hast du ausgelöffelt und die wichtigsten Gespräche zu Ende gebracht – verstummt erneut das Kühlschrankbrummen und zwei weitere Geschichten werden vorgelesen. Bei der letzten überlegst du vielleicht, ob diese nicht besser an zweiter Stelle aufgehoben wäre, weil die bestimmt nicht zum wohlfühlen gedacht ist, gerade für alle, die Kätzchen mögen und sagen wir mal, Menschen. Als der Text eine Meinung über Fotohandybesitzer äußert, denkst du an den Anfang der Lesung zurück, als seltsamerweise etliche Fotohandys in die Luft gehalten wurden und die ebene Bühne mit dem gemütlichen Sessel fotografierten. Und du überlegst, ob so der Text ein Kommentar zu dieser Situation macht und ob das nur Zufall ist. Am Ende stellst du fest, wie wichtig die Enden von Lesungen sind. Sie können entweder sanft wieder zurück in den Normalzustand führen, oder wie hier, einfach passieren und dann ist plötzlich Schluss und bevor das jemand bemerkt hat, entsteht eine Minute der Leere.

Danach aber setzt Musik ein und der Abend ist wahlweise vorbei oder fängt gerade erst an. Das liegt an jedem selbst. Du könntest die Augen schließen und wärst damit zurück in deiner Gegenwart, zu einer Zeit, als dieses Buch nur ein Gedanke war und kein Bestandteil eines Jahres, welches die beiden Einsen erst noch verdienen muss.

Gelesen: Carola Schachmann springt auf Tische, Glufke, Hager, Was ich liebe

Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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