Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Es gibt einen Ort, über den man eine Menge wissen könnte: aus Filmen, aus Zeitungsberichten, Dokumentationen, TV-Beiträgen, Büchern. Alle haben dabei ein eigenes Interesse an diesem Ort. Manche wollen eine spannende Geschichte erzählen, andere einem Teil der Wirklichkeit näherkommen oder haben eine klare politische Mission und wieder andere nutzen diesen Ort, um spekulativ auf kleinste gemeinsame Nenner zu zielen. Deshalb ist es unmöglich, diesen Ort zu kennen. Man müsste schon dahin reisen, um ihn beschreiben zu können. Wie könnte man diesen Ort beschreiben, wenn man nur zwei Stunden dort ist?

Angenommen, dieser Ort wäre ein Gefängnis. Eine Justizvollzugsanstalt in einem Gebäude, das vor vielen Jahren eine Brauerei war, bis die sowjetische Militäradministration beschloss, ein Gefängnis daraus zu machen. Das Gefängnis liegt in der Stadt mit den vielen Einbahnstraßen, gar nicht mal so weit von Stadtzentrum und Rathaus entfernt. Natürlich gibt es hohe Mauern, die zudem noch mit NATO-Stacheldraht gesichert sind. Bevor man eintreten kann, müssen Handy und Klapptaschenmesser in einem Schließfach eingelagert werden. Das Besucherkärtchen gibt es im Austausch gegen den Personalausweis. Der Körper wird nach Metallgegenständen gescannt, Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht. Deshalb liegt es ja im Schließfach.

Danach geht es die Brauereigänge entlang. Im Besucherraum weist ein Plakat auf ein Indianerfest für die Kinder von Häftlingen hin. Auf dem Hof stehen zwei gepanzerte Busse. Jede Tür öffnet sich erst, wenn alle anderen geschlossen sind. Das hauptsächliche Geräusch hier sind also Gittertüren, die ins Schloss fallen. Permanent, unentwegt dieser Klang. Die Gänge sind einigermaßen hell und nur selten endlos. Einer der Gänge endet in einem Raum. Ein Fernseher steht dort und ein Billardtisch ist an die Wand gerückt.

Die Sätze, die man sonst meistens zu Beginn sagt, fallen diesmal weg. Weil es egal ist, wann das Buch erschien. Es macht keinen Sinn, auf einen Büchertisch hinzuweisen. Es ist uninteressant zu erzählen, woher ich komme. Und freue ich mich wirklich, heute hier lesen zu können? Ich habe nicht „Hurra, Hurra, endlich geht’s los“ geschrien, als ich gefragt wurde, ob ich in einem Gefängnis lesen würde. Fünf Autoren lesen in sieben Einrichtungen, ein Projekt, ein Testlauf, aus dem mehr entstehen kann oder auch nichts. Keine Ahnung, ob und was die anderen Vier geschrien haben. Ich brauchte eine Nacht und einen Tag für die Entscheidung. Es gab gute Gründe dagegen und welche dafür. Letztlich ist „Das habe ich noch nie getan“ meistens ein ziemlich guter Grund.

Und klar waren da diese Bilder. Dokumentarfilme, Zeitungs-Dossiers, Boulevardschlagzeilen, „Die Verurteilten“ oder „Der Unbeugsame.“ Lauter Bilder, die alle stimmen müssen und doch nichts mehr bedeuten ab dem Moment, in dem man vorn sitzt und beginnt zu lesen. Hager, denke ich, wäre ein guter Einstieg. Ein bisschen skurril, ein bisschen tragisch und am Ende eine Pointe. Es wäre sogar okay, wenn jemand lacht. Die Stühle, auf denen alle sitzen, sind hart. Manche sitzen sehr breitbeinig da, die Arme untergeschlagen, andere legen den Kopf auf den Tisch, andere drücken ihre Rücken steif durch, einer stöhnt hin und wieder auf. Es gibt da kein durchgehendes Muster, von allem ist etwas dabei – Aufmerksamkeit, Flüstern, Abschweifen, Herumrucken. Eine Lesung wie jede andere.

Das sie das nicht ist, merke ich daran, dass ich mir besondere Gedanken mache. Zum Beispiel während des Lesens von Glufke. Dort steht das Wort „Ausbruch.“ Oder der Satz „Jeder kann an jedem beliebigen Tag in den Zug nach Samarkand steigen und dort meinetwegen ein neues Leben beginnen.“ Ich denke „Nein, das kann eben nicht jeder“ und quasi als vorauseilender Gehorsam verschlucke ich dann Wort und Zeile. So wie Steven Spielberg in der digitalen Neufassung von E.T. Waffen durch Walkie-Talkies ersetzt hat. Das ist nicht gerade das, was man Mut nennt und weil ich mich so nicht leiden kann, betone ich zwei Seiten später das Wort „Ausbruchsfantasie“ extra deutlich.

Natürlich ist es seltsam, überhaupt solche Gedanken zu haben. Ein Wort ist kein wissenschaftlicher Fakt. Wenn ich glaube, andere könnten in ein Wort mein Wort hineindeuten, muss ich mich irren. Es ist sowieso oft besser, es darauf ankommen zu lassen. Denn niemand ist nur einer. Nur weil jemand an diesem Ort ist, heißt das nicht automatisch, dass man ihn darauf reduzieren kann. Vielleicht hat jemand vom Grímsvötn auf Island gehört und mag keine Flugzeuge. Da legt dieser natürlich eine ganz eigene Bedeutung in „Ausbruchsfantasie“ hinein.

Wie auch immer. Ich lese Heute lernen wir Tschüss zu sagen und merke beim ersten Abschnitt eine Unruhe. Vielleicht zu viele Kinderperspektiven, vielleicht einmal zu oft „Miez“ gesagt. Trotzdem denke ich, das muss so sein. Ein Text über den Umgang mit Schuld. Die Fragerunde beginnt ohne den üblichen Tanz, wer zuerst spricht und dafür mit einer sehr dankbaren Erkundigung nach dem Titel. Direkt darauf folgt ein Gespräch über die Zielgruppen der Geschichten und über eine Metapher in Hager. Ich höre gegenteilige Ansichten, aber im Ganzen ist das alles einigermaßen entspannt, weshalb ich beschließe, Schweineholger zu lesen.

Wahrscheinlich ist das nicht die beste Idee. Andererseits: wann bekomme ich wieder die Möglichkeit dazu? Direkt am Anfang fragt auch jemand Schweineholger nach und nickt dann wissend (fast möchte ich schreiben „feixend“) zu seinem Nachbarn. Ich lese also den Text, vielleicht etwas schneller als sonst. Danach ist gar nicht mal solange Pause, denn der jemand von vor drei Zeilen will wissen, was der Schweineholger eigentlich schlimmes gemacht hat. Ich denke, eigentlich ist das eindeutig. Und weil das eigentlich nicht das Thema der Geschichte ist, berichte ich lieber von den Gründen, welche den Text zu entstehen ließen. Es kommt zu Meinungsäußerungen. Das ist gut. Reaktionen sind gut, denke ich.

Was sagt man am Ende? Dass man sich gefreut hat, hier gewesen zu sein, dass alle erschienen sind? Natürlich sagt man das. Es geht die Gänge zurück, Türen öffnen sich, nachdem sich Türen geschlossen haben, man tauscht das Besucherkärtchen gegen den Personalausweis ein, holt das Handy aus dem Schließfach und steht schließlich draußen vor der Brauerei und draußen vor den Mauern mit dem Stacheldraht, nahe des Zentrums der Stadt mit den Einbahnstraßen. Zwei Stunden an einem Ort und trotzdem nach wie vor nicht in der Lage, diesen Ort zu beschreiben.

Gelesen: Hager, Glufke, Heute lernen wir Tschüss zu sagen, Schweineholger

Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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