Lesereise (5). München. Mein Der Regler.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

12. Juni, speak&spin

In München: bei Dallmayr Edelkrebse schauen, dicken Spargel aus Schrobenhausen schauen, die erfolgreichste McDonalds-Filiale der Welt schauen, beim Manufactum den schlausten Rechenaffen aus Blech schauen, mit japanischen Touristengruppen die eingeschlossenen Maßkrüge im Hofbräuhaus schauen, in der Michaelskirche die Beichtzeiten notieren (hauptsächlich von 17.00 – 18.00 Uhr, oft in deutscher, englischer und italienischer Sprache), in der BMW-Welt ein klassisches Klavierkonzert zu Ehren eines individuellen Fahrzeugs hören, vor der Olympiahalle die T-Shirts der Elton-John-Konzertbesucher schauen, vom Trümmerberg München schauen, über das Strickliesel spotten, zuschauen, wie Treemover Bäume ausgraben, überall nach Plakaten von Der Regler schauen (Er ist der Regler. Er kann alles regeln.), am Eisbach die Surfer schauen, mit dem Bugatti in die Maximilianstraße, Handtaschen für tausend Euro schauen, Schmuck für hunderttausend Euro schauen, Sicherheitspersonal schauen, im Applestore blaue Shirts schauen, Fanschals mit Thomas Müller schauen, die freundlichen Spiele schauen und „freundlich“ mit anderen Adjektiven ersetzen, am Fischbrunnen den Fisch schauen, auf dem Viktualienmarkt keinen Salatstand schauen, im Hardrockcafe ein Top von Christina Stürmer schauen, im Münchener Englischen Garten am Chinesischen Turm sitzen, in den Zeitungskästen einen brennenden Zeppelin schauen, am Museum einen roten Ai Weiwei schauen, am Professor-Huber-Platz den Sandstrand der Urbanauten schauen und vor allem all die verhangenen Fassaden schauen.

Dazwischen: Lesen. Durch Kleinistanbul ins Café Gap zum Speak&Spin. Zwanzig Uhr ist Lesungsbeginn und Zwanzig Uhr Fünf sind Leute da, Leute außer den Veranstaltern. Die sind gerade auf der Suche nach einem Schlüssel, denn ein Schlüssel passt zu einer Kellertür, denn im Keller steht eine Anlage und mit dieser Anlage könnte man Stimmen verstärken. Noch ist nicht klar, ob das klappt, weshalb es durchaus wahrscheinlich scheint, später ins Café die Geschichten einfach hineinzusprechen bzw. dann eben brüllen. Das wäre nicht vollkommen undenkbar, aber anders wäre schöner.

Später klappt anders. Ein Mikrophon wird aufgebaut und Michael Stavarič wird angekündigt und außerdem mein Buch „Der Zitronenfalter soll sein Maul halten.“ Daraus lese ich zwei Geschichten in der zweiten Runde. Der Grund dafür ist einfach: in einer Vorunterhaltung habe ich die Texte als „Naja, eher lustig“ beschrieben. Ich weiß nicht mehr, ob mir diese Umschreibung leicht über die Lippen kam. Wahrscheinlich nicht. In den letzten Tagen habe ich Gespräche über die Geschichten geführt und ein einigermaßen extremes Gefälle zwischen meiner und der Außenwahrnehmung entdeckt. Im Sinne von: was mir tragisch erscheint und was andere als besonders tragisch empfinden und ob die Geschichten ein permanenter Schlag in die Magengrube sind (oder, wie es in einer Rezension heißt: „die Schmerzpunkte der Realität“). Ich persönlich finde ja, eher nicht immer, denn Tragik ist ja auch eine Frage des Standpunkts und des Beschreibens. Aber ich habe gelernt, dass es dazu unterschiedliche Ansichten gibt und das Wort „lustig“ habe ich in den Gesprächen über die Geschichten kein einziges Mal gehört. Weil ich aber „Naja, eher lustig“ gesagt habe und „lustige“ Texte bestenfalls etwas weniger Konzentration benötigen und die Konzentration später eventuell nachlässt, lese ich später gern an zweiter Stelle.

Lesen bedeutet heute im Stehen zu lesen. Das ist das Gegenteil vom Standard und wirft einige interessante Fragen auf. Die wichtigste ist die, wie man am besten stehen sollte. Also ästhetisch stehen sollte. Klar ist, dass eine Hand das Buch halten muss. Die andere Hand hingegen hat, nun, freie Hand. Ich könnte sie hinter dem Rücken verbergen. Dadurch würde ich wie Hager ausschauen. Ich könnte sie lässig in die Seite stemmen. Damit würde ich wie ein elitärer Snob ausschauen. Ich könnte sie um das Mikrophon legen. So würde ich wie etwas ausschauen, was ich niemals war und sein werde: ein Slammer. Ich könnte die Hand in die Hosentasche stecken. Damit würden die Hosentaschen ausbeulen, meine Hand würde schwitzen und ausschauen würde es wohl ein wenig zu entspannt. Ich könnte mit der Hand Textstellen pantomimisch darstellen und damit an den Sänger von Turbostaat erinnern. Eine Menge Optionen, die meine Hand im Verlauf der dreißig Minuten alle irgendwann einmal wahrnimmt.

So lenkt meine Hand mich ab, mal bewusst, mal subtil und so lese ich mal bewusster, mal subtiler. Währenddessen werden Fotos gemacht und teilweise augenblicklich ins Internet zur freien Verfügung gestellt. Davon erfahre ich glücklicherweise erst später, denn Multitasking ist etwas, zu dem man immer fähig sein sollte. Außer bei Beschäftigungen, bei denen man alles auf eine Karte setzen muss. Lesen ist eine solche Beschäftigung. Schließlich regelt sich alles von selbst. Die Rhabarberschorle ist einigermaßen ausgetrunken, meine Hände verschwinden in der Münchener Nacht und es geht zurück, vorbei am Regler, der eigentlich Vertrauen einflößen sollte, weil er der Regler ist und alles regeln kann. Wenn es nicht diesen verhängnisvollen Zusatz gäbe: Er ist der Regler. Er kann alles regeln. Nur seine Vergangenheit nicht.

Gelesen: Hager, Springbreak Europe

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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