Tree of Life. Enter the Void. Das Leben.

Ich habe zwei Filme gesehen. Beide versuchen das Leben zu beschreiben. Die Handlungen ließen sich jeweils auf einem Bierdeckel unterbringen. Enter the Void erzählt von einem Junkie, der in Tokio stirbt und danach in einer Art Zwischenwelt darauf wartet, die eigene Seele in den Körper eines Neugeborenen zu überführen. The Tree of Life erzählt die Geschichte dreier Brüder im Amerika der 50er Jahre, deren Charakter vom hartherzigen Vater und einer gütigen Mutter geprägt werden. Außerdem spielen eine wichtige Rolle: Gott und Saurier.

Ich glaube, viele werden diese Filme nicht mögen. Das kann ich gut verstehen. Es sind kitschige, selbstverliebte, pathetische, überlange, überambitionierte Filme, die maßlos sind und voller Ehrfurcht in der eigenen Courage schwelgen. Trotzdem sollte jeder diese Filme sehen. Denn sie bieten etwas an: eine Idee, ein Modell zur Erklärung der Welt und des Lebens. Filme, die so etwas versuchen, müssen auch scheitern. Solche Filme wollen das Große Ganze und verheddern sich dabei in Allmachtsphantasien, verlieren die Bodenhaftung und ordnen besessen alles dem unbedingten Willen unter, das LEBEN auf der Leinwand erklären zu wollen, so dass jedes Bild, jeder Satz, jede Geste schreit: seht her, ich kenne das Leben und ich erkläre euch das Leben.

Niemand wird gern angeschrien.

Des Weiteren sind beide Filme überwältigend. In Enter the Void übernimmt die Kamera den Blick des Toten. Mit seinen Augen gleiten wir über Tokio, schweben mühelos durch Gebäude hindurch, tauchen in bunte Tunnel ein, nähern uns Menschen bis kleinste nackte Detail an und steigen gleich darauf in höchste Höhen auf. Ebenso wie der Raum seine Bedeutung verliert, löst sich die Zeit auf. Visionen zukünftiger Ereignisse wechseln sich mit Erinnerungen ab, gleichberechtigt stehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander, um am Ende Heimat in einem neuen Leben zu finden.

Bevor The Tree of Life mit seiner Geschichte beginnt, flüstern Sprecher Botschaften, wird die Bibel zitiert, wird gezeigt, wie die Erde und später Leben entsteht und damit die Frage gestellt, weshalb es Leben gibt und wie dieses zu führen ist. Der Film schlägt genau zwei Möglichkeiten dafür vor: den Weg der Natur (die sich hartherzig nimmt, was sie braucht) und den Weg der Gnade (wer diesen Weg einschlägt, wird nie verloren gehen). So bietet The Tree of Life in einem ausgedehnten Prolog einige Methoden an, mit der sich die schon oft erzählte Geschichte einer Jugend entschüsseln lassen könnte. Bilder von an Raketen gebundenen Fröschen lassen sich so mit verschiedenen Bedeutungen aufladen. Die Entscheidung, ob und wieviele Ebenen man über die Coming-of-Age-Geschichte legt, muss jeder selbst treffen. Für den einen ist das die Erzählung eines Jungen im Schatten seines hartherzigen Vaters und für den anderen wirft The Tree of Life in jedem Frame die ewigen Fragen über die Entstehung des Universiums und die Frage nach einer göttlichen Instanz auf.

Damit springt The Tree of Life schwindelerregend schnell zwischen groß und klein. In der Sequenz vom Urknall bleibt lange Zeit offen, ob die Bilder die Entstehung des Universums zeigen oder ein Kind im Mutterleib. Ebenfalls liegt es beim Betrachter zu entscheiden, ob Brad Pitt für seinen Sohn Jack Vater ist oder die Rolle von Gott einnimmt: denn willkürlich trifft Pitt Entscheidungen – brutal, unbarmherzig und sich ständig widersprechend. Jack sehnt sich danach, eine Ordnung in Pitts Handlungen zu finden und als er diese nicht entdecken kann, sucht er nach Erklärungen für die fehlende Ordnung und als ihm Pitt diese Erklärung verweigert, hinterfragt Jack seinen Vater kritisch und begehrt schließlich auf. Schließlich übernimmt Jack dessen Eigenschaften und wird selbst zu einer Art Gottfigur für seine Brüder – willkürlich, unbarmherzig, widersprüchlich.

http://vimeo.com/25203341

Solche Ebenen kann man in den Bildern sehen. Man kann auch einfach nur die Bilder sehen. All die Farben (in Enter the Void), all das Licht (in The Tree of Life). Die Kamera zeigt die Welt auf der Höhe der Kinder. So erscheinen Kuhköpfe riesengroß und Wiesen verlockend weitläufig und Katastrophen werden zur Kenntnis genommen, um im nächsten Moment von einem Spiel verdrängt zu werden. „Wie kann ich gut sein, wenn du es nicht bist?“ wird gefragt und wenig später „Wie kann ich etwas wissen, ohne es auszuprobieren?“ Der hartherzige Weg der Natur, der nachgiebige Weg der Gnade – The Tree of Life behauptet, es gäbe nur zwei Wege und es gäbe weiterhin die Möglichkeit, sich für einen entscheiden zu können.

Am Ende muss man sich auch frei entscheiden. Möchte ich anhand von Dinosaurieren etwas über Empathie verstehen lernen? Möchte ich fünfzehn Minuten einer finalen Auferstehungsszene am Strand beiwohnen, die jedes bekannte religöse Zeichen (wahlweise: Kitsch) zitiert – Möwen, Wellen, Türen und einandergeschlungene Hände? Wieviele Metaphern verträgt ein Film, ohne unter der Last der Bedeutung zusammenzubrechen? In wieviele farbige Tunnel möchte ich bei Enter the Void eintauchen, wie oft möchte ich die Darstellerin nackt sehen, wann wird mir übel von all den Gleitflügen über das Leben?

Es sind kitschige, selbstverliebte, pathetische, überlange, überambitionierte Filme. Jeder sollte sie sehen.

mehr über: The Tree of Life

mehr über: Enter the Void

Ein Gedanke zu “Tree of Life. Enter the Void. Das Leben.

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