Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Freiburg, zwischen/miete, 24. Juni

Eigentlich sollte dieser Text mit der Frage beginnen, was eine Lesung ausmacht, deren Wirkung vergleichbar ist mit der Einnahme etwa einer Tonne Omega-3-Lachsölkapseln. Ob dazu allein die 30/60/90 Minuten Lesezeit gehören oder vielmehr auch: Anfahrt, der erste Eindruck einer bisher unerschlossenen Stadt, vielleicht zufällig aufgeschnappte Dialogfetzen in der Straßenbahn, die Begrüßung durch die Gastgeber, die eigens bestellten vegetarischen Pizzen, die Gespräche vor, während, nach dem Lesen, überhaupt die Situation nach dem Lesen, der Weg zurück in die Unterkunft, die Unterkunft, die Gedanken, die in den Sekunden vor dem Wegdämmern in den Kopf schießen.

Stattdessen beginnt dieser Text mit der Erde. Die Erde von oben, vom Weltall aus gesehen, das Foto hat jeder schon gesehen, auch wenn kaum jemand dort gewesen sein kann. Trotzdem das bekannteste Bild der Welt. Tritt man ein wenig zurück, ist das nur ein einigermaßen heller Punkt im Schwarz, so aber sind Meere zu erkennen und Landmassen und dazwischen Wolken, Rauch möglicherweise oder Regen und Unwetter. Taucht man in diese Wolken ein und geht tiefer, verschwinden die Meere und grüne Flächen beherrschen das Bild und irgendwann füllen Häuserdächer und Kirchenturmspitzen und feine Linien, die von Menschenhand geschaffene Wasserläufe darstellen könnten, das Auge. Das ist Freiburg im Breisgau, 220000 Einwohner, die Hälfte davon sind Studenten, die andere Hälfte Kinder, die einander mit Spielzeugmähdreschern jagen.

Der Flug setzt sich fort. Straßen, auf denen sich Autos bewegen, verschwinden, stattdessen sind die Wege hier nur für die Unmengen an Fahrrädern gebaut. Anstatt Parkplätzen liegen Grünspangen wie Handtücher zwischen den Plusenergiehäusern. Das ist Vauban. Hühner picken an Ökostromtankstellen die zu Boden gefallenen Körner von Körnerbrötchen weg, vor dem Blockheizkraftwerk hängen gelbe Plakate mit der roten Antiatomkraftsonne. In jedes Objekt hier ist das Wort nachhaltig eingefräst. Das muss der Ort sein, vor dem Wolfgang Clement die größte Angst hat.

Vor einem ehemaligen französischen Kasernengebäude, das heute Wohnhaus für Studenten ist, liegen grüne Flyer unter Briefkästen und im Gang werden dunkelgrüne Bücher mit einem Fernglas auf dem Umschlag verkauft. Da ist eine Lesung. In einer Wohngemeinschaft. Das ist kein Zufall, sondern eine Tradition. Die zwischen/miete. In der Küche steht Bier bereit, dazu ein gewaltiger Fruchtkorb und Laugenstangen sind mit Butter beschmiert. In einem anderen Zimmer wirft ein Beamer den Buchtrailer und „Zitronenfalter, Halt´s Maul“ an die Wand. Im Flur ist ein Stuhl und auf dem Stuhl sitze ich.

Näher als in meinen Kopf kann ich nicht heranzoomen. Dort werden gerade die Informationen verarbeitet, welche die Fotorezeptoren auffangen. Denn es ist so: in der Wohngemeinschaft sind gut 90 Menschen versammelt. Sie hocken in der Küche, im Buchtrailerzimmer, in zwei anderen Räumen und vor allem auch im Flur. Drehe ich meine linke Fußspitze nur um wenige Grad, berühre ich schon jemanden. Es ist also voll, so voll, dass jede weitere Besucherin keinen Platz mehr fände. Die Vielzahl der Informationen bringen meinen Kopf kurzzeitig an den Rand einer Explosion und um Energie abzulassen wird mein Mund bewegt und sagt etwas wie „überwältigendes Bild, dass sich hier bietet, jeder sollte auf diesem Stuhl sitzen und sich das mal anschauen.“ Mein rechtes Bein zittert dabei leicht, aber das gibt sich im Lauf der nächsten dreieinhalb Geschichten.

Nach eineinhalb Geschichten klopft es an der Tür. Weil drinnen auf jeden Fall besser ist als draußen, wird Platz geschaffen, wo längst kein Platz mehr ist. Es wird auf Kissen gesessen, auf dem Boden, an der Wand gelehnt, an Nachbarinnen, die Beine untergeschlagen, angezogen, im Schneidersitz. Jedes Rutschen ist zu hören, jedes Ansetzen der Bierflasche ebenfalls. Ich weiß nicht, ob das bequem sein kann, ob es nicht auch nett wäre, wenn Blut durch Körperteile fließt. So biete ich nach „Vor dem Fenster“ an, sich kurz strecken zu können, wobei strecken aufgrund der Enge unmöglich ist. Vielleicht ist dies der Grund für das folgende Missverständnis, weil plötzlich aufgestanden wird und die sorgsam verteilte Masse in Unordnung gerät und das fragile Konstrukt plötzlich in sich zusammenzufallen droht. Ich tue, was man in solchen Situationen immer macht und verspreche Freibier für alle. Das ist eine unwahre Behauptung und sorgt kurzzeitig für mehr Aufregung. Aber letztlich klärt sich die Lage zur Zufriedenheit aller und ich lese „Springbreak Europe“, einen Text auf den ich später glücklicherweise unterschiedliche Resonanz erhalte.

Danach werden im großen Kreis Fragen gestellt und ich lese abschließend den Buchtrailertext und dann sind sechzig Minuten schon um und die erste Welle spült mich hinaus in den Gang, wo ich die nächsten beiden Stunden aus freien Stücken bleibe. Jetzt müsste man an die Synapsen heranzoomen, um all das aufgeregte und aufgewühlte Flirren zwischen ihnen zu erahnen, man müsste in die Blutbahnen hineinschauen, um dort Endorphin fließen zu sehen und man müsste so nah wie möglich die Ohren an das glückliche Schnattern aller Nervenzellen legen.

Aber, da geht es schon zurück. Der Blick schwebt aus dem Körper heraus auf das ehemalige Kasernengebäude, von da über das Vaubanviertel, das Bild zeigt Freiburg und verliert sich in den Wolken und sieht schließlich die Erde, Meere und Landmassen und auf einer Landmasse leuchten gut neunzig Lichtpunkte, von denen in dieser Nacht ich einer bin.

Gelesen: Carola Schachmann springt auf Tische, Vor dem Fenster, Springbreak Europe, Glufke (Auszug)

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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