Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Köln, WDR 1Live Klubbing, 08. Juli

Wenn man nicht täglich in Millionenstädten ist, kann es einen überfordern, wenn man dann doch mal wieder eine Millionenstadt besucht. Das liegt auch an den Dienstleistern. Es gibt einfach zu viele. Verlässt man zum Beispiel den Kölner Hauptbahnhof, ist da ein Mann, der Luftballons zu Tieren knotet. Dafür will er Geld. Eine Straßenmusikerin vor dem Media Markt spielt Gitarre und will dafür Geld. Ein fliegender Händler verkauft Schmuck und will dafür Geld. Eine Limbotanzgruppe tanzt unter einer brennenden Stange hindurch und will dafür Geld. Italienische Kellner versuchen einen in ein italienisches Restaurant zu locken, um dort Geld einzufordern. Nur die sieben Männer vor der Kölner Philharmonie wollen kein Geld. Sie wollen verhindern, dass man den Platz vor der Kölner Philharmonie betritt. Die Schritte würden Schwingungen erzeugen und so Proben in der Philharmonie stören. Deshalb scheuchen sie, ganz kostenfrei, einfach nur fort.

Im Februar des letzten Jahres war es hier kalt und Karneval. Ansonsten könnte ich die gleichen Worte wie damals benutzen, um die Lesung bei 1Live Klubbing zu beschreiben. Das wäre natürlich viel zu bequem und außerdem die Unwahrheit. Denn nichts fühlt sich an wie immer, immer ändert sich etwas und diese Änderungen zu bemerken, könnte eine der Herausforderungen des Abends sein. Das fängt schon damit an, dass diesmal keine Enten über das Eis auf dem Mediaparkteich schlittern, sondern eine Touristengruppe dort Tretboot fährt. Auch der Platz vor dem 1Live-Gebäude ist angenehm belebt, hauptsächlich mit Menschen. Vielleicht weil im Cinedom nebenan bald die Vorführung von Der Zoowärter mit Kevin James beginnt, ein Film, in dem sprechende Tiere lustige Kommentare zu Kevin James Liebesleben geben, was man allerdings nicht mit dem zwei Wochen zuvor angelaufenen Mr. Poppers Pinguine verwechseln sollte, in dem sprechende Pinguine lustige Kommentare zu Jim Carreys Liebesleben geben. Nein, der Platz ist belebt, weil es ein lauer Sommerabend ist, einer von der Sorte, zu denen man Glühwürmchen dazu erfinden würde, um sie in Romanen angemessen beschreiben zu wollen.

Das Konzept von 1Live ist ja: etwa fünftausend Menschen sorgen sich im Vorfeld um die Sendung, lesen das Buch, führen Vorgespräche, haken nach, stellen Fragen, kümmern sich. Dann findet man sich am Abend im Haus 5 ein, sitzt in der gläsernen VIP-Lounge, geht fünfzehn Minuten vor Lesungsbeginn in ein Radiostudio, um einige Fragen zu Harry Potter zu beantworten, versteckt sich mit einer Redakteurin hinter einer geschlossenen Tür, hört, wie der Moderator nette Worte zum Buch sagt, sieht die Redakteurin Zeichen geben und dann betritt man den 1Live-Salon, schaut in freundliche Gesichter, nimmt Platz, beantwortet Fragen und liest Textstellen, während der DJ zwischendurch Musik auflegt. Im Ganzen betrachtet ist das purer Luxus und so gilt es sich auch zu verhalten.

Vier Stellen aus vier Texten lese ich. Das ist, als hätte man eine Erdbeertorte und würde nur die Erdbeeren essen, aber den Pudding und den Mürbeteigboden und auch die Gelatine verschmähen. Erdbeeren sind lecker, aber eben etwas anderes als eine Erdbeertorte. Interessant wird es bei Heute lernen wir Tschüss zu sagen. Kurz zuvor im Gespräch habe ich noch behauptet, man könnte auch im Schrecklichen das Versöhnende finden und dass manche Geschichten etwas Furchtbares erzählen, aber einen trotzdem mit einem euphorischem Gefühl entlassen. Das ist bei Tschüss leider genau umgekehrt. Vielleicht wird deshalb die ersten anderthalb Seiten so viel wie selten gelacht, ein sehr angenehmes kollektives Lachen. Eigentlich sollte ich das auskosten. Dabei weiß ich, wie der Schein trügt und wie bald die fünf Wörter kommen, die alles auf den Kopf stellen und einen aus der leichten Stimmung reißen, brutal und unerwartet. Ich rase also auf diese Stelle zu und weiß, was gleich passieren wird und lese dennoch weiter. Danach wird nicht mehr gelacht. Das ist gut, das ist fast noch besser. Denn jedes Lachen wäre nun ein Schlag ins Gesicht des namenlosen Erzählers.

Exakt 23.58 Uhr ende ich mit Springbreak Europe. Gerade im Radio sind Punktlandungen gern gesehen. Ein DJ-Set läutet die Nacht zum Samstag ein, man steht auf dem Balkon, von dem aus man tausende Menschen erblicken kann, die atemlos Radiogeräte an ihre Ohren drücken, um keine Sekunde 1Live zu verpassen. Vielleicht sehe ich das, vielleicht denke ich auch über das Gespräch nach und rekapituliere dabei jedes ausgesprochene Wort. Gespräche sind sowieso seltsam, gerade wenn man nur die Stimmen hört und gar nicht mal die Hand sieht, die sich verlegen am Kopf kratzt oder die Augen, welche sich einen Wimpernschlag zu lang schließen oder die Haare, die ins Gesicht fallen und dort erst einmal bleiben, anstatt weggestrichen zu werden. Denn die Worte in einem Gespräch könnten oftmals als steinerne Monumente erscheinen, an denen es nichts zu rütteln gibt. Dabei geschieht das meiste ja spontan und ist oft auch eine Reaktion auf zuvor gesagte Worte.

Wenn beispielsweise in der Buchankündigung in Bezug auf den Titel berechtigterweise das Wort „Safari“ fällt und ich das zwischenspeichere und einige Antworten später auch das Wort „Safari“ verwende, das allerdings weniger als konkrete Aussage meine, sondern vielmehr als Kommentar zur Ankündigung und in der nächsten Frage deshalb die „Safari“ aufgegriffen wird und ich dann eigentlich nicht im Geringsten weiß, was eine Safari ist und was sie mit dem Buch tun haben könnte und deshalb irgendetwas sage, weil die Pause, die ich zum notwendigen Überlegen benötigen würde, gerade im Radio nicht minutenlang andauern darf, dann ist das spontan und kein Monument. Deshalb möchte ich gern im Anschluss zu bestimmten Stellen Fußnoten hinzufügen, vielleicht anstatt über die Glufkehochzeit über das Veronikameer berichten, möchte gern die Aussage „Im Buch kommen kaum popkulturelle Anspielungen vor“ ergänzen und auch würde ich Wiederholungen streichen und dafür aufregende Dinge über den Rausch oder Moldawien erzählen. Doch da flattern zauberhafte Glühwürmchen auf den 1Livebalkon, Enten kapern die Tretboote auf dem Mediaparkteich und ich denke, ein sehr brauchbares Merkmal des Medium Radio ist, dass sich alles irgendwie auch versendet.

Gelesen: Hager, Glufke, Heute lernen wir Tschüss zu sagen, Springbreak Europe (jeweils Auszüge)

Bei 1Live

Die Lesung als podcast

Früher war: Lesereise „Der Schlaf und das Flüstern.“ In Köln. Das Radio.

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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3 Gedanken zu “Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.

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