Melt! 2011. Wo ich bin, ist jetzt.

Pulp Melt

Die einzig verlässliche Größe im Raum-Zeit-Kontinuum bin ich. Hier ist, wo ich stehe und nur die nächsten drei Sekunden sind meine Gegenwart. Aber gerade auf einem Festival wie dem Melt! verwischen die Grenzen: Wo ich nicht bin, sind trotzdem noch vier weitere Bühnen mit Musik, die sich lohnen könnte zu hören. Und die Gegenwart erscheint inmitten all der feuerspuckenden Schauffelradbagger, Laserstrahlen und Glitzerschnurrbärten sowieso als fragwürdiges Konzept.

Um sich wenigstens an etwas orientieren zu können, wird das Smartphone in die Luft gehalten und der Auslöser exakt in dem Moment gedrückt, in dem die LED-Leinwand eine besonders spektakuläre Animation zeigt. Dieses Foto wird in Echtzeit zu Twitter/Facebook/Google+ geschickt und dazu geschrieben: Das sind Pulp/ The Streets / Frittenbude / Paul Kalkbrenner und das geschieht jetzt hier. Ich bin dabei. In genau diesem Augenblick.

Der Augenblick ist den Geschmack von Biopommes an den von vegetarischen Burgern messen. Während des Modeselektor DJ-Sets im Sand liegen. Mit Gummistiefeln in knöcheltiefe Pfützen springen. Sich von Tino Hanekamp Wodka ausgeben lassen. Beim „Elektric Hotel“ in Fahrradpedale treten und damit das Handy aufladen. Einen roten Teletubbi auf den Rücken schnallen, jemand einen blauen Plastikdelfin aus der Hand zu schlagen, sich schwarze Katzenschnurrhaare anmalen. Es geht um so wenig Schlaf wie möglich, sich diesmal nicht nackt für das offizielle Melt!Massenfoto ausziehen, überall Herzen sehen, die Pfandmünze nicht verlieren, in fremde Arme sinken, die zwei Sekunden nicht tanzen, wenn der Beat aussetzt, Feuerzeuge anzünden, wenn jemand ironisch von Liebe singt.

Jeder Augenblick ist außerdem eine Chance, sich zu definieren. Gerade über das Äußere. Glücklicherweise hängt das Äußere so oft von Zufällen ab: Bläst mir Glitzerstaub ins Gesicht, der auf meinen Wangen kleben bleibt? Finde ich eine gelbe Indianerfeder, die ich mir ins Haar stecken kann? Habe ich eine Woche vorher die Dokumentation der Depeche Mode Amerikatour von 1988 angeschaut und mir deshalb die Haare auf der einen Seite abrasiert? Verteilt der Promostand in diesem Jahr anstatt Neonleuchtstäben Lollis, die wunderbar zu meinem überdimensionalen Ghettoblaster passen?

Sicher geht es auch um Musik. Frittenbude sprechen die gleiche Sprache wie Deichkind und werden auch deshalb enthusiastisch gefeiert. Raven gegen Deutschland, heute Raven im Regen. DAF ist eine Messe mit einem blechernen Schlagzeug und den wütendsten Parolen, die ein Mann mit nacktem Oberkörper vortragen kann. Bodi Bill wechseln bei jedem Lied das Kostüm und sind mindestens ebenso fricklig wie Console. Die Cold War Kids verpuffen größtenteils auf der Hauptbühne, während die Editors den Unterschied zu White Lies anhand des Sängers aufzeigen – wäre die Stimme von Tom Smith drei Oktaven höher, könnten das auch Coldplay sein. Die Fotos spielen die nahezu makellosen Lieder ihres letzten Albums und ernten dafür weniger Applaus, als sie es verdient hätten.



Crocodiles
wiederum entsprechen schmerzhaft perfekt dem Bild einer Rockband – auf die Bühne spuckender Sänger, Gitarrist in Ramones-Lederjacke, gelangweilte Keyboarderin, Bassist mit zerrissenem Shirt. Leider wird die Musik diesen Erwartungen nicht gerecht. Zu schwammig klingen die Lieder, die stark beginnen, danach jedoch nichts mit sich anzufangen wissen. Gegen Atari Teenage Riot wirkt Gabba wie Slowcore in Zeitlupe. Das Strobo lässt Scheinwerfer im Rhythmus der Beats aufleuchten. Deshalb ist es nahezu dauerhell, ein weißes Licht, was einen Zustand absoluter Panik erzeugt, von der Band so gewollt und vom Publikum gewünscht.

These New Puritans überlassen nichts dem Zufall: die Hälfte der Bühnenzeit wird für den perfekten Technikaufbau verwendet. Zusätzlich sitzen zwei Bläser an der Seite und zwei Xylophonspieler sind mit Plexiglasscheiben von der Außenwelt abgetrennt. Das Album „Hidden“ ist eigentlich ein Meisterwerk. Doch all die Perfektion scheitert an Jack Barnett, der seltsam rastlos wirkt und weniger singt als krächzt. Die Crystal Castles arbeiten routiniert die Anforderungen eines 3:30 Uhr Sets ab, Robyn hüpft energetisch über die Bühne, Foster the People begeistern durch Auftritt und Musik.

Über K.I.Z. könne man schreiben: Das ist für alle, die gern mal das Wort „Hurensohn“ benutzen wollen und denen Bud Spencer zu krass ist und die außerdem Scooter gut finden wollen, aber Angst haben, dass andere sie dafür doof finden könnten. Deshalb übersetzen K.I.Z. „How Much Is The Fish?“ ins Deutsche und das ist superironisch und deshalb akzeptabel. Trotzdem passiert, was genauso auch auf Scooter-Konzerten passiert. Irgendwann ruft die Band „Prost ihr Säcke“ und das Publikum ruft zurück „Prost du Sack“ und alle treffen damit einen Nerv, so wie der Zahnarzt beim Bohren. Das könnte man schreiben und damit das Wesen der Band erfassen und gleichzeitig vollkommen daneben liegen.

Drei typische Ansagen während des K.I.Z. Konzerts:

K.I.Z.: „Wer verdient mehr als 6000 Euro netto?“
Publikum, eine Hälfte: „Buh.“
Publikum, andere Hälfte: „Yeah.“
K.I.Z.: „Ihr seid meine Jungs.“

K.I.Z.: „Wer findet das deutsche Rechtssystem zu kompliziert?“
Publikum: „Ich.“
K.I.Z.: „Ja, früher war alles besser […] Da gab es die wunderbare Zeit der Hexenverbrennung.“

K.I.Z.: „Sagt ihr ja zu allem, was ich sage?“
Publikum: „Ja.“

Wenn Liam Gallagher „Thank You“ sagt, klingt das wie „Fuck You.“ Das ist alles andere als Zufall. Vor zwanzig Jahren hat er sich für eine Bühnenpose entschieden, von der er seitdem keinen Millimeter abweicht, weder bei Oasis noch bei Beady Eye. So steht er leicht schräg neben dem Mikro, während handwerklich versierte Musiker mittelmäßiges Songwriting vortragen und damit in eine Endlosschleife von immergleichen Reizen geraten, die nichts mehr bewirken.

Während Liam Gallagher das Set bei Tageslicht eröffnet, tritt Jarvis Cocker einen Tag später als Headliner auf. Wer hätte 1995 auch nur einen Cent darauf gesetzt? Pulp tun alles dafür, im Heute zu sein. Grüne Laserstrahlen schreiben Worte in die Nacht. Die Leinwand blendet zu jedem Lied entsprechende Grafiken ein. Jarvis Cockers Ansagen beinhalten mehr Pointen als die Bühnenprogramme aller deutschen Stand-Up-Comedians zusammen. Vor „Disco 2000“ legt er seine Jacketjacke ab, eine gute Entscheidung angesichts der darauf ausbrechenden Raserei. Doch trotz all der perfekten Show, all der Ausgelassenheit, all der klugen Ansprachen wirken Musik und Band wie ein grell beleuchteter Museumsbesuch, der heute dabei ist, aber nicht zur Gegenwart dazugehört.

Als am Sonntag der Regen kommt, werden Regenschutzjacken verteilt. Damit reduziert sich die visuelle Individualität vor Ort auf: entweder gelber ZDF-Kultur-Regenschutz und roter Jägermeister-Regenschutz. José Gonzales auf der überdachten Gemini-Stage profitiert von der Nässe ebenso wie die Architecture in Helsinki im Zelt. Die Introkneipe, die sonst für Lesungen benutzt wird, ist bis zum Anschlag gefüllt. An den Wänden hängen auf Folien ausgedruckte Fotoplakate des Festivals, einige erst vor wenigen Stunden geschossen. Noch während das Festival in der Gegenwart ist, wird es selbst schon zu einer Erinnerung. Manche reißen die Erinnerungen von den Wänden, rollen sie zusammen und tragen sie hinaus in den unbarmherzigen Regen, der sie bis zur Unkenntlichkeit aufweicht und nichts zurücklassen wird als einen bunten Mischmasch von Orten zu ausgewählten Zeiten, die nur für jene eine Einheit ergeben, die auch dabei waren.

All die wunderschönen Fotos: Jörg Rom

Vor einem Jahr: Wollen glitzern. MELT! 2010.

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Ein Gedanke zu “Melt! 2011. Wo ich bin, ist jetzt.

  1. Es war mir wieder eine riesengroße Freude! Und wenn schon Museum, dann waren Pulp ja wohl das grandioseste Konzertmuseum der jüngeren Popgeschichte…

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