Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Hamburg, BeLaMi, 20. Juli, Zwischenraum, 21. Juli

Es wäre schön, wenn jeder Text über eine Lesung nicht nur von der Lesung erzählt, sondern durch ein übergeordnetes Thema persönliche Erlebnisse für Außenstehende anhand eines roten Fadens greifbar macht. Das Thema könnte banal erscheinen (eine allgemeine Betrachtung von unterschiedlichen Wegen, Bühnen zu betreten), vermeintlich tiefschürfend (Kapitalismuskritik), vermeintlich unterhaltsam (kulinarische Abweichungen von Herkömmlichem) oder auch ein abstraktes Gedankenkonstrukt. Für Hamburg entscheide ich mich für das Gedankenkonstrukt. Ich entscheide mich für zu viel.

Letztens war ich auf einem Musikfestival. Von nachmittags vier Uhr bis zum Morgengrauen lief Musik. Drei Tage lang. Auf der Hinterfahrt im Auto lief Musik. Im Supermarkt, wo man Toastbrot kauft und Kekse ohne Schokolade lief Musik. Musik lief die Wochen vor dem Festival, weil ich gern einige der Bands, die auf dem Festival spielten, kennenlernen wollte. Musik läuft, wenn ich einen Text über eine neue CD schreibe oder unbekannte Bands für die Musikseite einer Zeitung empfehle. Es läuft Musik, wenn ich Zug fahre. Genau genommen läuft immer Musik und das eigentlich großartig.

Nur dachte ich nach dem Musikfestival: Ich möchte jetzt gern erst einmal keine Musik mehr hören. Denn es schien, als hätte ich alle Möglichkeiten gehört, zwölf Töne miteinander zu kombinieren, alle Presets von Drum Machines gehört, alle Modulationen von Stimmen, alle Gitarrenläufe und natürlich alle Versuche, so wie Joy Division zu klingen. Es schien, als würde mich momentan jede Art von Musik kalt lassen. Deshalb nahm ich mir nach dem Festival vor, in nächster Zeit kaum Musik zu hören und so durch Verknappung Verlangen neu zu entfachen.

Ich frage mich, ob das mit Vorlesen auch passieren kann. Ich vermute ja. Einmal den Satz „Die Schwerkraft wirkt“ zu viel gelesen, einmal bei Springbreak Europe zu oft die Handfläche zum High Five gehoben, einmal zu viel über Krakau gesprochen und die Unbekümmertheit wäre für alle Zeit verschwunden. Auch wenn es sechsundzwanzig Buchstaben und etwa sieben Milliarden Menschen gibt, müssen doch irgendwann alle Kombinationen von allen Buchstaben, gesprochen vor allen Menschen, durchprobiert sein.

In Hamburg bin ich das fünfte Mal zu einer Lesung. Das ist quasi fast schon Rekord und keinesfalls die Wiederholung des Immergleichen. HafenCity zum Beispiel wächst in jeder Sekunde, in den Himmel hinein, ins Meer hinaus. Ein seltsamer Ort, der von vielem zu viel hat und von einigem gar nichts. Zwischen Eiskugeln für 2.90 Euro, über Schultern gehängten beigen Jacketjacken und Chill-Out-Areas für Kreuzfahrtschiffpassagiere ist da dieses ungute Gefühl, als ob der Kapitalismus niemals scheitern könnte. Die Menschen, die zwischen den Glasbauten mit Eigentumswohnungen flanieren, wirken in dieser Umgebung so fehl am Platz wie Menschen in animierten Filmen mit Tieren. Heute bin ich einer von ihnen. Dabei hätte ich woanders sein können in dem Moment, in dem ich diese Beobachtungen mache. Bin ich aber nicht.

Bin ich aber doch. Zumindest am Tag zuvor. In einem Biergarten in einem Vorort von Hamburg, der etwa doppelt so groß ist wie Weimar. Im Biergarten steht ein Baugerüst und weil so ein Baugerüst kein ästhetischer Zugewinn ist, wurde das Baugerüst dekoriert und so zur Lesebühne deklariert. Bastmatten und grüne Auslegeware erzeugen eine karibische Atmosphäre, im Wind hängt schlaff die Deutschlandfahne und man sitzt an Tischen unter Wein, um Bier zu trinken. Eine improvisierte Treppe aus bunten Kisten führt zur Bühne hinauf.

Noch niemals habe ich in einem Biergarten gelesen und mache daraus kein Geheimnis. Was weiß ich, welche Anforderungen ein solcher Ort an Texte stellt? Fast wünschte ich, ich würde die Kistentreppe hinaufstolpern, dann hätte ich schon mal einen Einstiegsgag, oder in diesem Fall, einen Aufstiegsgag. Also nicht nur lesen, sondern gern auch das Eis mit Kalauern brechen.

Das Eis wird schließlich während Hager von zwei Damen in der ersten Reihe gebrochen. Sie beugen sich über Heftchen, schlagen Seiten um, stecken die Köpfe zusammen und reden. Reden ist natürlich okay. Reden ist oft, gerade bei Lesungen, auch eine Frage der Lautstärke und Menge. Und Lachen? Kann während einer Lesung zu viel gelacht werden?

Lachen ist eine hörbare Reaktion, die man beim Lesen oft auf den eigenen Text bezieht. Wenn allerdings immer gelacht wird, auch wenn der Satz oder Abschnitt vielleicht nicht die Spur einer Pointe enthält, dann könnte ich auch den Lebenslauf von Hubertus Heil lesen oder einen Essay von Roger Köppel über die Notwendigkeit Druck zu machen. Das würde vermutlich ebenso viele Lacher bei den beiden Damen in der ersten Reihe produzieren. Deshalb lese ich den Satz „Die Schwerkraft wirkt“, als würde ich ihn zum ersten Mal lesen und die beiden Damen in der ersten Reihe lachen darüber. So sind wir drei irgendwie zufrieden.

Dann geht ein Bauarbeiterhelm herum und die einzige geistige Anstrengung, die ich an diesem Abend noch leisten muss, ist die Klärung der Frage, ob ein guter Burger richtigerweise mit Messer und Gabel gegessen werden sollte oder in die Hand genommen werden muss.

Tags darauf Eimsbüttel. Da ist ein Café und zwei Eingänge weiter eine Videothek, die alle Filme von Ulrich Seidl vorrätig hat und zudem tausend weitere Filme, von denen bestimmt 999 zu den eigenen Lieblingsfilmen zählen. Im mittleren Eingang ist dazwischen und deshalb ist dort der Zwischenraum. Im Zwischenraum finden seit kurzem Lesungen statt und je länger ich mich hier aufhalte und unterhalte, desto mehr hoffe ich, dass von diesem Ort aus eines Tages ein Imperium errichtet wird, weil hier drei Dingen sehr viel Zeit und Herz eingeräumt werden, von denen es niemals zu viel geben kann: Kino. Buch. Und natürlich Musik.

Und weil das so ist, möchte ich gern Geschichten lesen, die ich bisher noch nie oder viel zu selten gelesen habe. Hundefutterpferde ist ein solcher Text. Schräg gegenüber des Zwischenraums ist eine Roßschlachterei, die auch ein Mittagsmenü anbietet. Oder Retusche. Im Café sind dezent zerfetzte Sofas und auch wenn keine Plakate von 50er Jahre Science-Fiction-Filmen an den Wänden hängen, dann zumindest doch von Einer flog übers Kuckucksnest. Bei Sie haben jetzt Kinder klappern die Kinoklappstühle kaum, selbst als ich die Adriaküste nach Deutschland verlege, springt niemand empört auf. Am Ende möchte ich mich gern für zwei Wochen oder länger im Zwischenraum einschließen, um einen Bruchteil der 999 Filme noch einmal schauen zu können. Weil es zu viel bei den wichtigen Dingen vermutlich niemals geben kann. Und deshalb geht es im September weiter – und das kommt möglicherweise überraschend – mit einer Lesung in Hamburg.

Gelesen: Carola Schachmann springt auf Tische, Vor dem Fenster, Hager, Springbreak Europe, Hundefutterpferde, Retusche, Sie haben jetzt Kinder

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

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