Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Köln, Microsoft, Cafè Duddel, 9. September, mit The Mount St. Helen Duet

Spannend ist die Frage, wie oft man eigentlich originell sein kann. Und ich meine keine Originalität, die „ansonsten“ mit „weiterhin“ ersetzt und deshalb schon zufrieden die Hände hinter dem Nacken verschränkt, sondern Worte, die mich selbst beim Schreiben überraschen und die vielleicht mal etwas vollkommen Neues probieren. Wobei es vollkommen neu natürlich längst nicht mehr geben kann. Aber es würde schon genügen, auf ein vertrautes System mit Insektenaugen zu schauen und allein dadurch das vertraute System bestenfalls gehörig zu erschüttern. Außerdem wäre es durch Abweichungen von sattsam Bekannten auch für Andere interessanter, sich ein weiteres Mal in die zu oft schon ausgeleuchete Troposphäre von Lesereisen zu begeben.

Das vertraute System heißt in diesem Fall: in einen Zug setzen, am Lesungsort ankommen, den Lesungsort erkunden, Lesen, nach dem Lesen reden, übernachten, in einen Zug setzen und den Lesungsort verlassen. Und weil unterwegs viel passieren kann und ich ahne, dass öfters Triebwagen von Zügen ausfallen können, bin ich üblicherweise gern drei vier fünf Stunden vor Lesungsbeginn am Lesungsort. Das ist ein Luxus an Sicherheit, den ich mir selbstverständlich leiste.

Doch Luxus ist keine Selbstverständlichkeit mehr und so bestehe ich diesmal nur auf ein Sicherheitszeitfenster von zwei Stunden. Zwei Stunden, die sollten genügen, um vom Hauptbahnhof Köln zum Rheinauhafen zu gelangen. Dann stoppt der IC in Rüsselsheim, weil der Triebwagen defekt ist und ein neuer Triebwagen angekoppelt werden muss. Eine gute Stunde vergeht im Rüsselsheimer Regen. Das ist einerseits gewinnbringend, weil sich damit die Möglichkeit ergibt, endlich einmal in aller Ruhe des erste Album von Gisbert zu Knyphausen zu hören. Über den unfreiwilligen Aufenthalt bin ich mindestens so glücklich wie die Raucher, die aus den Zugabteilen strömen und die gute Stunde das tun, was sie während der Fahrt nur auf der Zugtoilette tun können.

Weniger glücklich ist die Tatsache, dass eine Lesung ansteht und gleich darauf eine zweite und es deshalb nicht vollkommen unwichtig wäre, einigermaßen innerhalb der vereinbarten Zeit zu erscheinen. Das gelingt am besten, in dem man die Zeiger der Armbanduhr zurückdreht. Um das vertraute System an dieser Stelle aufzubrechen, wechsle ich kurzzeitig in einen anderen Modus. Da standen wir, mit dem Amp auf der Sackkarre, den Gitarren und dem Effektgerätebrett in den Händen und den Rucksäcken voll mit Büchern auf den Rücken vor der Microsoft Dependence Köln. Wer Glas mochte, musste dieses Gebäude vergöttern. Wir scrollten uns durch das Klingelmenü und aktivierten den Microsoft-Klingelton, woraufhin uns ohne weitere Nachfragen die Tür geöffnet wurde. Ein Fahrstuhl, in dem ein Plakat mit unseren Namen klebte, brachte uns rasch ins oberste Stockwerk. Dort wurden wir schon sehnsüchtig erwartet und deshalb überschwänglich begrüßt.

Schnell verschafften wir uns einen Überblick. Neben sahneweißen Couchen und futuristischen Halbschalensesseln standen auf schmalen Beistelltisch Orchideen in länglichen Vasen. Lampen beugten sich über Bonsais, ein Beamer warf unsere Namen überlebensgroß an die Wand. Steckdosen waren geschickt im Boden verborgen. In den Toiletten verwiesen Piktogramme mit detaillierten Handlungsanweisungen auf die korrekte Hygiene nach dem Benutzen der sanitären Einrichtungen hin: Hier wurden Hände nicht gewaschen, sondern desinfiziert. Loungen dieser Art erinnerten mich stets an die The Korova Milk Bar aus „Clockwork Orange“: das klinische Weiß aller Einrichtungsgegenstände strahlte eine absolute Beherrschbarkeit der Umstände aus. Dabei würde schon ein einziger Blutstropfen auf dem Weiß das Gegenteil bezeugen.

Aber wir waren nicht gekommen, um Ärger zu machen. Also bauten wir auf und zogen später hinaus auf die Dachterrasse. Von dort bot sich uns ein vorzüglicher Blick auf die Metropole am Rhein. Wir sahen den Dom und die Neue Mitte und mussten feststellen, dass der Ort hier große Ähnlichkeit mit Hamburg Hafencity aufwies: Glasgebäude in Form von überdimensionierten Buchstaben, Kräne, die diese Gebäude hochzogen und in den Kanälen ankerten zahlreiche Yachten – das war mehr als ein Versprechen auf eine glorreiche Zukunft, das war die glorreiche Zukunft.

Kurz nach 18.00 Uhr fand ich mich am Podest ein. Der lilafarbene Hocker knarrte, sobald ich mich bewegte. Ich beschloss, mich im Verlauf der nächsten fünfundvierzig Minuten nicht zu bewegen. Neben mir überprüfte das The Mount St. Helen Duet ein letztes Mal die Stimmung ihrer Instrumente. Ich warf einige auflockernde Worte in die Runde und legte unverzüglich mit Hager los, jemand, der auch aus einer weißen Welt stammte, in dieser allerdings für alle Zeiten konserviert war. Kaum hatte ich den finalen Satz vom Podest aus zur Lounge geschickt, drehte Andy die Lautstärkeregler seines Effektgerätes auf und Toby zupfte die Saiten, um „Celebration overdose“ zu beginnen, ein Lied, was ich damals auf unserem ersten gemeinsamen Zusammenspiel zu lieben gelernt hatte und das mir immer noch eine veritable Gänsehaut bescherte.

Es ist wunderbar, dachte ich, Musik und Lesen, Lesen und Musik, gerade wenn The Mount St. Helen Duet diese Musik spielen. Schwingungen breiteten sich in der Lounge aus, Fenster klirrten sanft und Orchideen erblühten, was sie üblicherweise nur alle fünf Jahre taten. Aber, das waren unsere fünf Jahre, das war unsere Zeit. Nichts könnte perfekter hierher passen als Retusche, dachte ich weiterhin und erzählte von Bildbearbeitungssoftware und überlegte, ob ich das Wort Adobe in der Microsoftlounge sagen dürfte und dachte ansonsten, dass unsere Funktion ja darin besteht, einen Moment der Unvernunft zu diesen Orten zu tragen, dass wir rot sein müssen in diesen weißen Räumen.

Dann drängte die Zeit, ein letztes Mal erklommen wir die Dachterrasse und warfen von top einen view über die Stadt. Ein Securitymann orderte uns ein Taxi herbei. Es spielte Axel F., brachte uns jedoch trotzdem ohne weitere Zwischenfälle in einen anderen Teil von Köln, da, wo jeder zweite Satz war: „Alles klar, Kollege?“ Und da wechselte ich auch zurück in den bekannten Modus und verwies auf die erste Lesung im Café Duddel vor zwei Jahren und die Stühle, die wir rückten und die Setliste, die wir ausarbeiteten und den monumentalen Lachanfall, dem ich nur um Haaresbreite entging (und der für alle Beteiligten keine angenehme Erfahrung gewesen wäre), den Hidden Tracks und all den anderen Dingen, die vielleicht nicht originell beschrieben werden können, weil sie nur in dem Augenblick, in dem sie passieren, außergewöhnlich sind.

Gelesen: Hager, Retusche, Schwarz vor Augen, Glufke, Sie haben jetzt Kinder

Bitte unbedingt anhören und nach Möglichkeit live sehen: The Mount St. Helen Duet

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
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Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
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Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
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